1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Ukraine-Krieg bei Markus Lanz – Empörung über Putin-Versteher im ZDF

Erstellt:

Von: Moritz Post

Kommentare

Erneut spricht Markus Lanz im ZDF mit den Gästen über den Ukraine-Krieg. Die Position des früheren Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi ist kontrovers.

Mainz – Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine dauert nun schon vier Wochen an und bestimmt die Talkshows im deutschen Fernsehen. So auch erneut die jüngste Folge von „Markus Lanz“ im ZDF. Die Themen kreisen um den Ukraine-Konflikt und seine Auswirkungen. Gestern das Scheitern diplomatischer Beziehungen. Heute die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die deutsche Wirtschaft. Morgen die Perspektive auf die künftige Entwicklung des westlichen Verteidigungsbündnisses Nato. Und auch am Donnerstagabend (24.03.2022) eröffnet Markus Lanz die Sendung am späten Abend mit den Worten: „Tolle Runde, besondere Sendung!“

Die zu erwartenden Gäste aus politischen Think-Tanks, NGOs, Politiker:innen aus dem Bundestag und sogar Ministerpräsident:innen geben sich in der ZDF-Talkshow die Klinke in die Hand. Dieses Mal sind Claudia Major, Sicherheitsexpertin von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die Ökonomin Karen Pittel, Professorin für Volkswirtschaftslehre von Ludwig-Maximilians-Universität München, und der Strategieberater Julius van de Laar mit von der Partie.

Ukraine-Krieg bei Markus Lanz im ZDF mit Russland-Versteher Dohnanyi

Doch Markus Lanz hat sich an diesem Abend mit Klaus von Dohnanyi, dem ehemaligen SPD-Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und Erstem Bürgermeister von Hamburg, einen – wie sich insbesondere im ersten Teil der Sendung herausstellt – bemerkenswert streitbaren Gast geladen. Der 1928 geborene Politiker bringt persönliche Erfahrungen mit in die Runde ein, die das ZDF-Publikum in dieser Form in den vergangenen Wochen noch nicht zu sehen und zu hören bekam. Doch während der 93-Jährige zu Beginn der Sendung emotional belebend auf die Gesprächsrunde wirkt, stellt sich der SPD-Politiker im Verlauf der Talkrunde in seiner historischen Betrachtung immer mehr als Russland-Erklärer und -Versteher heraus.

Markus Lanz hat sich an diesem Abend mit Klaus von Dohnanyi, dem ehemaliger SPD-Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und Erstem Bürgermeister von Hamburg, einen bemerkenswert streitbaren Gast geladen.
Markus Lanz hat sich an diesem Abend mit Klaus von Dohnanyi, dem ehemaliger SPD-Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und Erstem Bürgermeister von Hamburg, einen bemerkenswert streitbaren Gast geladen. © Cornelia Lehmann/ZDF

Claudia Major von der SWP eröffnet den Abend mit einem erwartbaren Statement zum aktuell laufenden dreifach Gipfel von EU, Nato und G7: „Die Botschaft ist klar: Wir sind geschlossen! Die Nato ist die Lebensversicherung für die 30 Alliierten.“ Die Sicherheitsexpertin sieht einen klaren Eskalationswillen aufseiten Russlands und betont: „Russland führt einen Angriffskrieg in der Ukraine und rückt nicht von seinen Zielen ab, sondern wird immer rücksichtsloser. Die Nato muss sich deshalb fragen: Wie könnten wir unsere Alliierten schützen?“

Gäste bei Markus Lanz (ZDF, 25.03.2022)Rolle
Claudia MajorSicherheitsexpertin von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)
Karen PittelProfessorin für Volkswirtschaftslehre von Ludwig-Maximilians-Universität München
Julius van de LaarStrategieberater
Klaus von Dohnanyiehemaliger SPD-Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und Erstem Bürgermeister von Hamburg

Markus Lanz (ZDF): Ukraine-Krieg als „Kampf um die Erzählung“

Der Strategieberater Julius van de Laar, der unter anderem 2012 an der Wahlkampf-Kampagne von Barack Obama mitwirkte, betont: „Es ist ein Kampf um die Erzählung. Die Frage ist aber, wie andere auf die bestehenden Narrative schauen.“ So sei es ein kapitaler Fehler gewesen, als die USA für den Bürgerkrieg in Syrien eine rote Linie artikulierten, aber nicht bereit gewesen seien, diese im Härtefall auch zu verteidigen. Van de Laar ist überzeugt: „Ich denke, dass unsere demokratische Weltordnung nun an der Nato-Ostgrenze verteidigt werden muss.“

Der ehemalige Erste Bürgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi, bringt angesichts eingespielter Bilder, in denen Ukrainer:innen in der belagerten Stadt Mariupol auf einem Spielplatz mit Kindern zu sehen sind und auf denen im nächsten Bild gezeigt werden, wie die Bewohner:innen der zerbombten Stadt versuchen, ihre Angehörigen notdürftig zu beerdigen, seine eigenen Erfahrungen aus Hamburg im Zweiten Weltkrieg ein. Beinahe trocken kommentiert von Dohnanyi: „Na klar! Wir sind damals in die Keller gegangen und haben die Bomben pfeifen gehört. Das muss man alles mit im Kopf haben, wenn man über die Beendigung dieses aktuellen Konflikts nachdenkt.“ Dieser Zeitzeugenbericht bringt Bilder an Hamburg im Jahr 1943 wieder zurück: „Wenn man das als eigene Erfahrung mitbringt, denkt man in der Gegenwart vielleicht vorsichtiger als jene, die nur diesen Krieg gerade zum ersten Mal miterleben.“

Ukraine-Krieg bei „Markus Lanz“: Hitler-Vergleiche und ein dünnhäutiger Martin Schulz

ZDF: Nicht nur Markus Lanz im Konflikt mit Klaus von Dohnanyi

Doch im Verlauf der Runde gerät Klaus von Dohnanyi fortlaufend in Konflikt mit Moderator Markus Lanz, welcher die historisch begründete Position des SPD-Politikers immer wieder infrage stellt. Für von Dohnanyi steht fest: „Die Nato hatte in der Vergangenheit eine zu geringe diplomatische Komponente, auf der Seite zu verstehen, weshalb Krisen entstanden sind. Wenn wir nach vorne schauen: Russland wird auch durch Sanktionen nicht verschwinden. Wir brauchen den Versuch eines künftigen Ausgleichs, der uns nicht in die Gefahr eines großen Krieges bringt.“

Markus Lanz hat sich an diesem Abend mit Klaus von Dohnanyi, dem ehemaliger SPD-Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und Erstem Bürgermeister von Hamburg, einen – wie sich insbesondere im ersten Teil der Sendung herausstellt – bemerkenswert streitbaren Gast geladen.
Markus Lanz hat sich an diesem Abend mit Klaus von Dohnanyi, dem ehemaliger SPD-Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und Erstem Bürgermeister von Hamburg, einen bemerkenswert streitbaren Gast geladen. (Screenshot) © ZDF

Dem entgegnet Claudia Major: „Wenn es etwas gibt, das West-Europa in der Vergangenheit gemacht hat, war es, den Ausgleich mit Russland zu suchen.“ Für die Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik steht aber fest: „Wir sitzen damit einem russischen Narrativ auf. Der Vorwurf, es gäbe vom Westen nicht genug Bemühungen in Richtung Russland, ist schlicht falsch“, sagt Major und schlussfolgert: „Für Russland ist es offensichtlich ein legitimes Mittel, Krieg zu führen, um seine Interessen durchzusetzen.“

Markus Lanz (ZDF): Klassische Russland-Versteher-Manier beim Ukraine-Krieg

An dieser Stelle wird ein zentraler Dissens zwischen der Sicherheitsexpertin und dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister eklatant deutlich. In klassischer Russland-Versteher-Manier betont Klaus von Dohnanyi, dass „die Nato keine bösen Absichten gegenüber Russland hatte“. Dennoch sei das historisch fundierte Problem gewesen, „dass der Beitritt der östlichen Nato-Partner ein Stachel im russischen Selbstverständnis war. Und das war der große Fehler der Nato. Man hätte die Befindlichkeiten Russlands schon bei Boris Jelzin sehen müssen.“

Immer wieder sieht sich von Dohnanyi kritischen Nachfragen von Moderator Markus Lanz ausgesetzt. Diese beantwortet er jedoch mantra-artig mit der ausweichenden Auffassung, dass „wir versuchen sollten, nach vorne zu schauen“. Im gleichen Atemzug artikuliert der SPD-Politiker jedoch Kritik an den USA – und zeigt Verständnis für das Eingreifen von Waldimir Putin im syrischen Bürgerkrieg, wo die USA Völkerrechtsbrüche hätten. Damit versucht er das Eintreten des russischen Präsidenten an der Seite des syrischen Machthabers Baschar al Assad zu verstehen. Markus Lanz zeigt sich in diesem Moment konsterniert und weist auf die Menschenrechtsverletzungen von Assad an der eigenen Bevölkerung hin und erwidert: „Sie haben gerade so emotional die Erfahrungen aus Hamburg 1943 geschildert. Dann können Sie doch nicht die Geschehnisse von Aleppo 2015 rein juristisch argumentieren!“

Klaus von Dohnanyi verteidigt sich: „Ich bin kein Freund von Putin und kein Freund von Assad.“ Der Alt-Politiker verfällt aber immer wieder in die Rolle des Putin-Verstehers: „Ich bin nur der Überzeugung, dass es der Diplomatie und des Verständnisses auch der anderen Seite bedarf“, so von Dohnanyi. An diesem Punkt hat der Moderator seinen Gast am Haken, auch wenn dieser immer wieder betont: „Ich verteidige doch gar nicht Putin.“ – Lanz schnauft tief durch, und die Kamera fängt ein, wie Claudia Major, die den ganzen Abend über stichhaltige und historisch fundierte Fakten geliefert hat, konsterniert in die Weite des Studios starrt. (Moritz Post)

Auch interessant

Kommentare