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Fernsehkrimi der ARD

TV-Kritik: „Die Toten am Meer“(ARD): Alter Schmerz und neuer Blick

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Das Erste zeigt einen Fernsehkrimi, in dem es um mehr geht als um die Zurschaustellung tödlicher Gewalt.

  • Neuer ARD-Krimi: "Die Toten am Meer"
  • TV-Produzentin Heike Voßler debütiert als Drehbuchautorin
  • Geschmackvolle Nuancen zeigen menschliche Seite des "Tatorts"

Die Erinnerung sollte noch nicht verblasst sein. Die Szene wirkt nach: In der „Tatort“-Folge der ARD vom vergangenen Sonntag saß die pensionierte Kriminalistin Elsa Bronski (Hannelore Elsner) allein in einer ansonsten leeren Etage zwischen ihren Aktenregalen und ging abgelegte, unaufgelöste Fälle durch. Was sie sich davon versprach, blieb der Fantasie des TV-Publikums überlassen. Wichtig nur: Der Umgang mit dem Verbrechen beschäftigt die Beteiligten über den Tag des Dienstendes hinaus. Die Arbeitsroutine endet, die Gedanken bewegen sich weiter. Offene Fragen, Ungewissheiten, das Gefühl, versagt zu haben plagten diese Frau. Kein Gedanke an Origami oder Makramee, solange ein unentdeckter Täter neben ihr an der Supermarktkasse stehen könnte.

Neuster Krimi der ARD: TV-Produzentin debütiert als Drehbuchautorin 

https://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/index.html

Bücher statt TV: Traumabewältigung im neuen ARD-Krimi 

Ein Trauma, verstärkt durch den Umstand, dass sie den Manipulationen Wernickes ausgesetzt gewesen war, der dem Begriff Intelligenzbestie eine erweiterte Bedeutung verleiht. Anders als Elsa Bronski will sie die Erinnerungen verdrängen, sucht bemerkenswerterweise – das Klischee hätte Alkohol befohlen – Trost und Seelenfrieden in der Welt der Literatur. Sie quittierte den Dienst und zog sich inmitten von Bücherbergen die Decke über den Kopf. Buchstäblich – so lernen wir sie kennen, als die junge Ermittlungsleiterin Ria Larsen (Karoline Schuch) an ihre Türe klopft, um Hallers Hilfe zu erbitten.

TV-Mysterium: ARD-Krimi wirft Fragen auf

In einem Dünengebiet im Einzugsbereich der Kriminalpolizeidienststelle Husum wurde eine Frauenleiche gefunden. Tadellos gekleidet und geschminkt, einer Schaufensterpuppe gleichend. Ein Ausstellungsstück. Einem hochrangigen Polizisten namens Bergmann (Max Herbrechter), für den die Autoren der Pressemappe die Dienstbezeichnung „Polizeichef“ erfunden, beziehungsweise aus dem Englischen übernommen haben – ein bisschen mehr Genauigkeit darf man schon verlangen – schwant Böses. 

Tattoos im TV: Markenzeichen des ARD-Antagonisten

Er lüftet leicht die Bluse der Toten und entdeckt eine frische Tätowierung. Eine Schlange mit zwei Köpfen. ‚Markenzeichen’ des Serientäters Eberhard Wernicke. Der sich aber weiterhin in sicherer Verwahrung befindet. Keine Frage, dass die Ermittlungen bei seiner Person ansetzen. Der Mord könnte von einem Nachahmungstäter verübt worden sein. Vielleicht aber auch von jemandem, der unter Wernickes Einfluss steht, ihm als Werkzeug dient. Besuche werden dem Häftling nicht verwehrt. Ein persönlicher Kontakt zwischen dem Psychopathen und einem „Jünger“ wäre denkbar. Wie sein Vorbild macht der Mörder bei einer Leiche nicht halt. Eines aber ist neu im  Tatort der ARD: Alle Opfer erhielten vor ihrem Tod eine Karte mit Zeilen aus einem Hermann-Hesse-Gedicht. Hesse ist Elisabeth Hallers Lieblingsautor.

Der menschliche Faktor im TV-Krimi der ARD

Mord auf Mord, das Wettrennen mit der Zeit – nach dieser Schablone sind schon mehr Thriller als nötig auf den Markt gelangt. Heike Voßler, die die Erzählung nach einer Idee von Holger Joos entwickelte, und TV-Regisseur Johannes Grieser aber schaffen einen umfassenden Kontext im neuen Film der ARD. So reichhaltig und intensiv, dass die Mordszenarien, und das ist kein Verlust, gar in den Hintergrund rücken, nurmehr als Auslöser komplexer Handlungen dienen. Dazu zählt, dass Ria Larsen (Karoline Schuch) zur Leiterin der Mordkommission berufen wird, obwohl mehrere erfahrenere Kollegen bereitstünden. „Wir brauchen hier jemanden mit einem frischen, neuen Blick“, erklärt Bergmann seine Entscheidung. 

Reibereien im TV: ARD-Krimi zeigt neue Seiten auf

Die Verärgerung der anwesenden dienstälteren Herren ist nicht zu übersehen und wird noch zu einigen Reibereien führen. Damit hebt sich diese Produktion vom Routine-Serienkiller-Schlachtfest ab: Spannung entsteht nicht aus oberflächlichen Schockeffekten und zelebrierter Gewalt, sondern aus der Psychologie der Figuren, ihren Motiven, den sozialen Beziehungen. Wobei der Film mit etwas stillerem Gebaren einiger Schauspieler noch gewonnen hätte.

TV-Krimi der ARD: Verkappte Weiterschreibung?

Ob bewusste Anspielung oder nicht, aber es passt, dass Charlotte Schwab, hier beeindruckend in der Rolle der psychisch versehrten Elisabeth Haller, von 2002 bis 2012 in der ZDF-Reihe „Das Duo“ auf der anderen Seite Schleswig-Holsteins, im zwei Autostunden entfernten Lübeck, ermittelte. Damals lautete ihr Rollenname Marion Ahrens. Ein Gedankenspiel: Auch Ahrens hätte widerfahren können, was Elisabeth Haller mit unwiderstehlicher Wucht aus der Bahn geworfen hat und ihr Leben bis heute beeinträchtigt.

„Die Toten am Meer“*, Samstag, 25.4.2020, 20:15 Uhr, Das Erste

Von Harald Keller

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