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Hannah Zeiler (Nora Waldstätten) hat neben dem Mordfall auch noch mit ihrem Privatleben zu kämpfen und muss sich um das Erbe ihres Vaters kümmern.

„Die Toten vom Bodensee“

Schatten der Vergangenheit

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Im etwas spannungsarmen neuen Bodensee-Krimi ist ein Mensch offenbar Opfer eines uralten Brauchs geworden.

Rund um den Bodensee gibt es viele zum Teil uralte Traditionen. Vom Stumpengang werden allerdings selbst die fleißigsten Brauchtumsforscher noch nichts gehört haben. Das können sie auch nicht, denn Drehbuchautor Timo Berndt hat sich das Ritual ausgedacht: In grauer Vorzeit mussten Menschen, die sich etwas zu Schulden hatten kommen lassen, einen nächtlichen Wald auf einer ganz bestimmten Route durchqueren; dort durften die Geschädigten ihre Wut an den Delinquenten auslassen.

Berndt hat seit der zweiten Episode sämtliche Drehbücher für die ZDF-Krimireihe „Die Toten vom Bodensee“ geschrieben und dabei eine Fortsetzungsebene mit immer wieder neuen Fällen verknüpft. Die durchgehende Erzählung über ein Kindheitstrauma der österreichischen Kriminalinspektorin Hannah Zeiler (Nora Waldstätten) ist jedoch mittlerweile beendet. Da die Suche der Polizistin nach ihrem vermeintlich verstorbenen Vater einen großen Reiz der Krimis ausgemacht hat, müssen die neuen Geschichten gewissermaßen doppelt so interessant sein; daher die Idee mit dem Stumpengang.

Der gleichnamige Film beginnt mit einer interessanten Parallelerzählung: Ein Lehrer wandet mit seiner Klasse in der Dämmerung durch einen finsteren Wald und berichtet von der Legende, die bis ins 14. Jahrhundert zurückgehe. Er erzählt vom Blutzoll, den der Wald fordere; viele Menschen fürchteten sich, diesen Weg allein zu gehen. Zwischendurch zeigt Regisseur Michael Schneider, wie das damals war, wenn jemand gefesselt und voller Todesangst durch den Wald hetzte. Aber auch die Exkursion der Schulkasse endet tödlich: Eine Schülerin entdeckt eine Leiche. Die aus dem Bregenzer Heimatmuseum gestohlenen Lederkappen über den Händen des Mannes erinnern an das uralte Ritual; offenbar hat der Stumpengang ein neues Opfer gefordert. Zeiler und ihr deutscher Kollege Oberländer (Matthias Koeberlin) brauchen nicht lange, um gleich mehrere Verdächtige zu finden; darunter überraschenderweise auch der Lehrer (Michael A. Grimm). Das Ermittlerduo stößt nicht nur auf ein komplexes Beziehungsgeflecht mit alten und neuen Liebschaften und entsprechend vielen Kränkungen und Verletzungen, sondern auch auf einen einige Jahre zurückliegenden Fall. Damals ist ein Bankangestellter verschwunden, nachdem er diverse Anleger um ihr Erspartes gebracht und eine Million Euro unterschlagen hat. Endgültig zum Rätsel wird der Fall, als Oberländer in der Erde unter dem Fundort das Skelett eines weiteren Mannes entdeckt.

Damit sich die Filme nicht zu sehr auf Zeiler konzentrieren, gab es auch für Oberländer eine Fortsetzungsgeschichte. Die war allerdings weitaus weniger spektakulär: Es ging um seine Eheprobleme, die schließlich mit einer Trennung endeten; Ex-Frau Kim (Inez Bjørg David) ist seither nur noch in Kurzauftritten zu sehen. Mit seinem Schwiegervater Karsten Brandstätter (Peter Kremer), einem pensionierten Polizisten, hatte der Kommissar immer nur Krach. Endlich dürfen die beiden ganz normal miteinander reden, denn Brandstätter hat den Fall des betrügerischen Bankers damals bearbeitet. Gut ist auch die Idee, den Fall in Zeilers Leben zu spiegeln. Geld, das einem nicht gehört und zum Fluch wird, außerdem ein lang vermisster Angehöriger, über dessen Schicksal endlich Gewissheit herrscht: Das kennt sie aus eigener Erfahrung zur Genüge.

Die letzten vier Bodensee-Krimis hatte Hannu Salonen inszeniert. Die Dreharbeiten rund um Lindau und Bregenz waren für ihn fast ein Heimspiel: Er lebt auf der Halbinsel Höri. Der gebürtige Finne hat dafür gesorgt, dass die Bildgestaltung der Reihe deutlich düsterer wurde als früher; außerdem war der See in seinen Filmen mehr als nur ein zufälliger Schauplatz, sondern ein weiterer Hauptdarsteller. Beides ist bei Schneiders Inszenierung ganz anders. „Der Stumpengang“ ist im Frühjahr entstanden, im Hintergrund blühen die Forsythien; das passt immerhin zur Aufbruchstimmung Zeilers, die die Vergangenheit endlich hinter sich lassen will. In der emotionalsten Szene des Films findet sie sogar einen neuen Weggefährten, der seine Zuneigung aber bitter bezahlen muss. Umso berührender ist schließlich ihre nach einem dramatischen Finale geäußerte Erkenntnis, dass ausgerechnet Oberländer, den sie lange eher als Konkurrenten denn als Kollegen betrachtet hat, ihr einziger Freund ist. Weil sich das Verhältnis des Duos deutlich geändert hat, ist die frühere Distanz einer freundlichen Frotzelei gewichen, was die Reihe um ein belebendes heiteres Element bereichert. Der Bodensee spielt dagegen kaum eine Rolle: hier ein Sonnenuntergang, dort ein Kameraflug, aber ansonsten kommt der Schauplatz kaum zur Geltung. Immerhin sorgt Stammkomponist Chris Bremus sorgt für ein bisschen Spannung.

Zur Sendung

Krimi „Die Toten vom Bodensee: Der Stumpengang“

Sendetermin TV: Montag, 4.2.2019, 20.15 Uhr, ZDF

Mehr Infos zur Sendung im Netz

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