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Oona Devi Liebich spielt Julia Schindel, Maximilian Grill spielt Tonio Niederegger.

„Tonio & Julia: Schuldgefühle“, ZDF

Zwei Königskinder

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Der Auftakt zu vier neuen Geschichten aus der ZDF-Reihe „Tonio & Julia“ hat sichtbare Schwächen.

„Zwei sind noch kein Paar“ hieß vor knapp einem Jahr der zweite Film über Tonio und Julia, und das bringt das Schema der ZDF-Reihe recht gut auf den Punkt: Die beiden Titelfiguren sind wie die beiden Königskinder, die nicht zueinander kommen können, denn Tonio (Maximilian Grill) ist katholischer Priester. Die beiden waren als Teenager ineinander verliebt, und seit Psychologin Julia (Oona Devi Liebich) als Familientherapeutin im Dienst der Kirche nach Bad Tölz zurückgekehrt ist, flammen die alten Gefühle regelmäßig wieder auf; wenn da bloß der vermaledeite Zölibat nicht wäre. Dieses Muster lässt sich natürlich endlos fortsetzen, zumal sich die Geschichten gleichzeitig gut in das beliebte Helferinnen-Genre integrieren lassen: In Reihen wie „Die Eifelpraxis“, „Praxis mit Meerblick“ oder „Die Inselärztin“ (ARD) sowie „Lena Lorenz“ oder „Frühling…“ (ZDF) tummeln sich lauter Frauen, die rund um die Uhr selbstlos für andere da sind; über ihrem privaten Glück liegt jedoch ein Schatten. Auf diese Weise lassen sich aktuelle Herausforderungen perfekt mit den quasi als Fortsetzungsroman erzählten Liebesdingen kombinieren. Meist stehen die Frauen zwischen zwei Männern; insofern ist der Ansatz von „Tonio & Julia“ vergleichsweise originell.

Gelungener Auftakt

Die Qualität der einzelnen Folgen hängt bei diesen Reihen vor allem von zwei Aspekten ab: Wie spannend ist die jeweilige Episodenhandlung? Und wie gut ist sie mit der horizontalen Ebene verknüpft? Beides ist in „Schuldgefühle“, dem Auftakt zu einer vierteiligen Staffel (immer donnerstags um 20.15 Uhr), recht gut gelungen. Für eine gewisse Spannung sorgt zunächst mal der Umstand, dass Tonio nicht länger mit Julia zusammenarbeiten möchte. Bevor sich ihre Wege auch beruflich wieder trennen, sind sie allerdings gemeinsam als Seelsorger und Therapeutin gefragt: Ben (Niklas Nißl) hat sich nach einem Streit mit seiner Freundin Nele ins Auto seiner Eltern gesetzt, ist gegen einen Baum gefahren und liegt nun schwerverletzt im Krankenhaus. Besonders tragisch dabei: Der junge Mann ist eine große Nachwuchshoffnung im Eishockey und wollte Sport studieren, aber in Folge des Unfalls muss ihm ein Bein amputiert werden. Natürlich machen sich alle Beteiligten Vorwürfe, allen voran der Vater (Heikko Deutschmann) und die Freundin (Pia Soppa); bloß die Mutter (Catherine Flemming) nicht, dabei ist sie letztlich Schuld an dem Unglück.

Regisseurin der ersten beiden Episoden war Kathrin Kulens Feistl. Gerade die zweite war jedoch von einer Spannungsarmut, die an die Betulichkeit vieler Sonntagsfilme im ZDF („Rosamunde Pilcher“) erinnerte. Stefan Bühling hat „Schuldgefühle“ zwar nicht wie einen Krimi inszeniert, aber emotional ist die Geschichte durchaus fesselnd, zumal das Titelduo am Ende fürchten muss, Nele könnte sich aus lauter Gram etwas antun. Filmisch ist „Schuldgefühle“ dagegen enttäuschend. Bühling hat für das ZDF mit „Die weiße Schlange“ (2015) ein gut gespieltes und kunstvoll fotografiertes Weihnachtsmärchen für die ganze Familie gedreht. Es folgte „Rübezahls Schatz“ (2017), ebenfalls sehenswert. Gemessen daran war seine erste Regie fürs Abendprogramm ein erheblicher künstlerischer Rückschritt: „Wo dein Herz wohnt“ (2018) aus der Rosamunee-Pilcher-Reihe wirkte, als habe Bühling die Arbeiten erfahrener Pilcher-Regisseure studiert, um sie bis ins Detail kopieren zu können. Auch „Schuldgefühle“ orientiert sich am Muster des „Herzkinos“ im ZDF. Dazu gehört neben den diversen Kameraflügen über die oberbayerische Landschaft auch eine Musik, die stets erahnen lässt, welche Stimmung die Handlung gleich anschlagen wird. Grundsätzlich signalisieren die gefälligen Melodien (Micki Meuser) im Verbund mit den überwiegend freundlich-hellen Bildern jedoch, dass sich das Publikum dem Film unbesorgt anvertrauen kann. Deshalb verzichtet Bühling auch auf einen naheliegenden Spannungsverstärker: Die Kamera zeigt nach dem Unfall zwar in Nahaufnahme, wie Benzin austritt, aber was auf anderen Sendeplätzen wegen der drohenden Explosionsgefahr für Nervenkitzel gesorgt hätte, verpufft hier völlig folgendlos.

Sichtbare Schwächen hat Bühlings Inszenierung auch in der Führung der Nebendarsteller. Das gilt sogar für die erfahrenen Mitwirkenden; selbst ein guter Schauspieler wie Heikko Deutschmann findet in einigen emotionalen Szenen nicht immer das richtige Maß. Lambert Hamel darf als Generalvikar wie in den meisten seiner Altersrollen ein paar lustige Akzente setzen, und Catherine Flemming fügt ihren vielen Betroffenheitsfiguren eine weitere hinzu. Wie klischeehaft die Besetzung ist, zeigt eine kleine Nebenrolle: Eine amtsmüde Religionslehrerin bringt sich als Julias Nachfolgerin in Spiel, hat aber eine derart negative Ausstrahlung, dass Hilfesuchende ihr garantiert keine seelischen Nöte anvertrauen würden. Dass dagegen Carolin Garnier als Julias Nichte Lexi aus der Teenagerschar herausragt, hat nicht nur mit den hölzernen Darbietungen der anderen Jugendlichen zu tun. Die junge Schauspielerin hat ihre ersten Kamera-Erfahrungen einst als Mitglied der Kinderdetektive „Die Pfefferkörner“ gesammelt und sich bereits in dem Verschwörungs-Thriller „Im Tunnel“ (ZDF 2018) für höhere Aufgaben empfohlen.

Gemessen an so viel Vorhersehbarkeit ist ein kleines Stück Selbstironie umso überraschender: Freunde von Julia raten ihr, sich selbstständig zu machen. Passende Räumlichkeiten haben sie in Form eines leerstehenden Geschäfts auch schon gefunden. Die Therapeutin könnte sogar den Namensschriftzug der früheren Besitzer übernehmen: Kümmerer.

Zur Sendung

Drama „Tonio & Julia: Schuldgefühle“ Sendetermin TV: Donnerstag, 7.3., 20.15 Uhr, ZDF
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