Sean Meredith (Jonas Armstrong) und D.S. Lisa Armstrong (Morven Christie) führen eine hitzige Diskussion.
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Sean Meredith (Jonas Armstrong) und D.S. Lisa Armstrong (Morven Christie) führen eine hitzige Diskussion.

TV-Kritik: „The Bay“, ZDFneo

„The Bay“: Die Bucht der Lügen

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Wieder einmal bietet der Spartensender ZDFneo erstklassige Serienunterhaltung aus Großbritannien.

Das Publikum anspruchsvoller Serien muss nicht unbedingt kostenpflichtige Anbieter buchen. Öffentlich-rechtliche Mediatheken sorgen kostenlos für anregende Fernsehstunden. Das ZDF beispielsweise hat über Jahre hinweg immer wieder Qualitätsware in Großbritannien eingekauft, wo sich auch Streaming-Anbieter gerne eindecken. Krimifreunde finden derzeit in der Mediathek von ZDFneo empfehlenswerte Produktionen wie „Line of Duty“, die Spielfilmfortsetzung „Verräter in den eigenen Reihen“ zu der ungewöhnlichen Agentenserie „Spooks“ mit „Game of Thrones“-Star Kit Harington, den Vierteiler „From Darkness“ und vorneweg die dritte Staffel von „Broadchurch“, eine Serie, die schon mit der ersten Staffel Maßstäbe gesetzt und mit der dritten nochmals übertroffen hat.

„The Bay“: Verwandschaft mit „Broadchurch“

„Broadchurch“ war eine Produktion des werbefinanzierten Senders ITV. Von dort stammt ebenfalls die neue Serie „The Bay“; die Verwandtschaft beider Produktionen ist unverkennbar. Anders als „Broadchurch“-Alleinautor Chris Chibnall, mittlerweile der Showrunner der Kultserie „Doctor Who“, siedelt der in Großbritannien lebende gebürtige Ire Daragh Carville, der mit Richard Clark und Kate O’Riordan zwei Koautoren hatte, das Geschehen in einer realen Ortschaft an: in Morecambe an der englischen Westküste. Das nördlich Blackpools gelegene, einstmals vielfrequentierte Seebad erlitt über die Jahre herbe Verluste auf dem Tourismussektor, in jüngster Zeit vollzieht sich ein Strukturwandel. Lokale Gegebenheiten, die der erfahrene Theater- und Hörspielautor Daragh Carville aufnimmt und in die Serienerzählung einfließen lässt.

Eine unselige Affäre

Die soziographischen Qualitäten sind der Beiklang eines spannenden Krimidramas, das mit dem Verschwinden eines Zwillingspaares beginnt. Detective Sergeant Lisa Armstrong (Morven Christie) wird mit den Ermittlungen betraut und zur Ansprechpartnerin für die Familie Meredith bestimmt. Damit gerät sie in eine heikle Situation: Noch am Abend vorher hatte sie mit Sean Meredith (Jonas Armstrong) im Zuge ihres Ausgehabends mit Freundinnen eine kurze vorübergehende Affäre. Nicht ahnend, dass ihr Sexpartner verheiratet und Vater der gesuchten Geschwister Holly und Dylan ist. Sie verschweigt diese Vorgeschichte, auch Sean Meredith geht wortlos darüber hinweg. Aus dienstlicher Sicht ein Fehlverhalten. Es wird sich rächen und Lisa Armstrong Stunden größten Unbehagens bescheren.

Teenager auf Abwegen

Desungeachtet geht sie im Kreise des Ermittlungsteams gewissenhaft und unvoreingenommen ihrer Arbeit nach. Wollten die Kinder weg? Wurden sie entführt? Die Situation verschärft sich, als Dylan leblos am Wasser aufgefunden wird und Sean Meredith unter Verdacht gerät. Lisa Armstrong wäre sein Alibi …

Im engeren Kreis der Familie, aber auch anderswo in Morecambe stoßen die handelnden Figuren auf Unaufrichtigkeit, Selbstbetrug, kapitale Verbrechen. Dramaturgisch gekonnt wechseln die Autoren mehrfach die Perspektive. Die milieusicher erzählte Geschichte nimmt vielfältige, aber immer glaubwürdige Wendungen, schlägt Haken, springt wieder zurück zu den Meredith’, auch zur Familie der alleinerziehenden Lisa Armstrong, deren Tochter Abbie (Imogen King) sich aus einer alterstypischen rebellischen Anwandlung heraus in illegale Machenschaften verstrickt.

Serienfolgen im Sechserpack

Ein weiteres Qualitätsmerkmal: In „The Bay“ wird ethnische Vielfalt nicht als problematische Abweichung von der Norm verhandelt, sondern unaufgeregt und wirklichkeitsgemäß als Normalfall aufgefasst.

Im TV: ZDFneo, 13.03.2020, 22:00 - 22:45 Uhr

Die Regisseure Robert Quinn und Lee Haven Jones lassen die Schauspieler natürlich agieren, in britischen Produktionen eher die Norm und ein Unterschied zur oft angestrengt bis überambitioniert wirkenden Manier deutscher Berufskollegen. Ungewohnt vielleicht auch, dass in Großbritannien Serienstaffeln häufig nur aus sechs Episoden bestehen, aber im Unterschied zu Mehrteilern auf Fortsetzung angelegt sind. ZDFneo zeigt am Freitag, 13.3., ab 22:00 Uhr die abgeschlossene erste Staffel der Serie komplett im regulären Programm und ab dem folgenden Samstag vier Wochen lang in der Mediathek. Ein zweiter Zyklus ist in Produktion und soll in Großbritannien noch in diesem Jahr zur Ausstrahlung gelangen.

Von Harald Keller

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