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Bootz, Felix Klare, im Einsatz.

Tatort Stuttgart

Tatort „Du allein“: Der Mensch, das seltsame Wesen

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„Du allein“ ist ein würdiger 25. Fall für die Stuttgarter Tatort-Ermittler Lannert und Bootz.

Der so aufsehenerregende wie menschlich entmutigende und vielsagende Vorfall im Automaten-Foyer einer Essener Bank 2016 könnte der Kern für Wolfgang Stauchs Drehbuch gewesen sein. Der 25. Tatort mit dem Duo Lannert und Bootz, Richy Müller und Felix Klare, reiht sich ein zwischen die besten Stuttgart-Folgen des SWR, und wenn das Niveau von „Anne und der Tod“ (2019) oder „Stau“ (2017) nicht ganz erreicht wird, so ist „Du allein“ doch ein würdiger Jubiläumsbeitrag.

Stauch hat aus der entsprechenden Zeitungsnachricht einiges entwickelt und auch mächtig konstruiert, aber das hat zur Folge, dass man eine Weile lang nicht klüger ist als die Polizei. Und dann auch bloß denkt, man wäre es. Das Motiv des Heckenschützen, der im Gewimmel einer Großstadt bequem und seinerseits praktisch ungefährdet fündig wird, erfährt nämlich eine zwar umständliche, aber originelle Variation. Mit Geduld und Genauigkeit setzt Friederike Jehn das in Szene. Gemeinsam mit Stauch findet sie eine überzeugende Kombination aus klassischen Krimielementen unter Auslassung einiger gegenwärtiger Konventionen – zu viele Erklärungen, die zu ausführliche private Verwicklung des Stammpersonals. Dieses ist präsent, aber bei der Sache. Bootz zum Beispiel wäre es angenehmer, seine Ex-Frau und die Kinder wären jetzt nicht in der Stadt. Steffi, Maja Beckmann, ist gereizt, aber nachher sieht man sie mit ihren Kindern wegfahren. Mehr braucht es nicht, um etwas von der Angst zu vermitteln, die auch vernünftige Leute einmal packen kann. Das Gefühl kommt einem derzeit besonders bekannt vor.

In einer markanten Szene muss sich Bootz an einer trubeligen S-Bahn-Station komplett umziehen. Die Leute starren hin, starren aber vor allem weg. Keiner spricht ihn an. Ein sorgsam gefilmter, die Situation gar nicht ins Komödiantische ziehender Moment, der den Menschen nicht zum letzten Mal in „Du allein“ als seltsames Wesen zeigt, das seine sozialen Fähigkeiten vergessen hat oder ihnen misstraut.

Dass Isobel Campbell & Mark Lanegans Titel „Sunrise“ nebst anderen Musiknummern immer wieder zwischendurch eingespielt wird, schadet der Atmosphäre keineswegs. Er steht für die Traurigkeit und Verlorenheit, über die hier nicht gesprochen wird und die eine pathetische Seite haben. Das ist bei Traurigkeit und Verlorenheit ab einem bestimmten Ausmaß meistens so.

Dass angesichts der horrenden Vorfälle Toppersonal von LKA und BKA hinzugezogen wird, führt nicht bloß zum üblichen Gerangel, diesmal mit Isabel Schosnig als Dr. Botros, die die Herren durchaus einnordet. Die Superprofis ermitteln, dass der Täter/die Täterin zu 53 Prozent männlich und zu 47 Prozent weiblich ist. Das ist immerhin ein Anhaltspunkt und erinnert daran, wie schwer es das Verbrechen heutzutage hat.

Während die Polizei tut, was sie kann, lassen Stauch und Jehn uns auch andere Szenen sehen, vornehmlich mit Katja Bürkle und Karl Markovics als Kundin und Betreiber eines Ladens mit Zigarrenabteilung. Das sieht man auch nicht mehr oft, zudem sind es merkwürdige Szenen.

Es geht um Zufall und Fügung, um asoziales Verhalten auf verschiedenen Ebenen. „Du allein“ verzichtet auf moralische Eindeutigkeit, allein dem rechtschaffenen Lannert platzt einmal der Kragen (Lannert wird auch immer besser und interessanter). Sobald das Publikum also die größte Spannung überstanden und den Clou begriffen hat, findet es Raum zum Grübeln und Hadern vor, und zwar nicht nur über die Frage, weshalb die Geldübergabe eigentlich so irre kompliziert vonstatten gehen musste.

Zum letzten Mal sagt Frau Álvarez den Kommissaren, Carolina Vera, was sie dürfen und was nicht. Sie war von Anfang an (2008) dabei, eine gescheite Ergänzung für ein Team, das sich eindrucksvoll frisch gehalten hat.

„Tatort: Du allein“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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