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Ein Duo springt gemeinsam.

„Tatort: Wo ist nur mein Schatz geblieben“, ARD

Letzter Bremen-Tatort mit vertrautem Personal

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Inga Lürsen und Nils Stedefreund verabschieden sich mit einem leicht verwirrenden und insofern typischen Bremen-Tatort.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch daran, dass Stedefreund, Nils Stedefreund, 2013 kurz als Ausbilder in Afghanistan war. Gewesen sein soll. Im letzten Bremer Tatort mit Sabine Postel und Oliver Mommsen findet diese Episode, bisher mit dem charakteristischen Kurzzeitgedächtnis von Serien beiseitegelassen – unvergessen allerdings der verheißungsvolle Kurzauftritt von Antoine Monot jr. als Leo Uljanoff, an den sich die Serie aber auch nicht mehr erinnern kann –, ein unerwartetes Ende. Einiges findet ein unerwartetes Ende, ein erwartungsgemäß unerwartetes Ende, wenn man einbezieht, dass das Bremer Ermittlerduo immer für Überraschungen gut war. Das lag schon allein daran, dass man das gerade diesen beiden eher nüchternen Menschen nicht zugetraut hätte. Futuristische, weit überdurchschnittlich grausige und „24“-mäßige Fälle zur künstlichen Intelligenz, zu Satanisten oder zu Ökoterror waren dabei – vor allem letzterer brachte die Bremer im Ranking der leichenreichsten Tatort-Folgen weit nach oben. Aber auch der einzige Tatort mit einem so gut wie echten Vampir kam aus Bremen. Dazu naturgemäß Familien- und Sozialdramen aller Art.

Manches Drehbuch flippte tüchtig herum, und der Handlungsverlauf konnte das Publikum gelegentlich in Staunen versetzen, weniger indessen die Polizei. Diese zuckte selten mit der Wimper und verrichtete ihre Arbeit bodenständig und regionsspezifisch geradlinig.

Letzter Bremen-Tatort mit vertrautem Personal

Wem Inga Lürsens ins Mürrische gehende Sprödheit – die norddeutsche Verwandtschaft spricht dann von „Herzlichkeit“ – auf die Nerven ging, der konnte sich zumindest sagen, dass sie jeden ohne Ansehen der Person anblaffte. Auch Vornamen waren nicht ihr Fall. Sie machte ihren Job. Sie hatte ihre Vorurteile, aber vor denen war keiner sicher. Ihre friedensbewegte Vergangenheit machte sie nicht klüger, aber manchmal origineller im raschen Urteil. Auch gab sie dem Mauligen eine sympathische Note. Geheimnisvoller und verschwiegener seit je der Kollege Stedefreund, der 2001 in Folge 6 einstieg.

Die Quote stimmte fast immer und wurde nach der Ankündigung, dass 2019 Schluss sein werde, noch besser.

Am Anfang von „Wo ist nur mein Schatz geblieben?“, dem 39. und letzten Bremen-Tatort mit dem vertrauten Personal, machen Lürsen und Stedefreund einen Tandemsprung mit dem Fallschirm. Lürsen begreiflicherweise kreischend, Stedefreund routinierter. Sie hat dann auch ihre Freude daran und singt den einschlägigen Song von Reinhard Mey, na ja, ruft ihn jedenfalls in die Welt hinaus. Eine schöne Szene. Am Boden angelangt, geht es jedoch sogleich hinein in eine finstere, noch einmal recht Bremen-typische Geschichte. Regisseur Florian Baxmeyer hat sie zusammen mit Michael Comtesse und Stefanie Veith geschrieben. Erzählt wird von Mafiosi aus Tschetschenien und von Geldwäschegeschäften, der Ausgangspunkt ist aber eine Leiche auf einer Baustelle, wirkungsvoll arrangiert. Offenbar soll es noch einmal ein bisschen mehr sein. Ein Rumpf im Kofferraum, ein perverses Abzählspielchen, das sich im Titel wiederfindet (einem aber auch unendlich traurigen Titel) und überhaupt so was hingehuscht Perverses, was aber dem Fluss der Handlung schadet.

Luise Wolfram hebt das Niveau des Bremen-Tatorts

Denn „Wo ist nur mein Schatz geblieben?“ ist auch der Typus von Krimi, dem Härte und Klarheit gut tun würden. Interessiert blickt man ja auf Robert Hunger-Bühler und Philipp Hochmair als heruntergekommene BKA-Männer, die die Grenze ins Gesetzlose auf dem Weg ihrer eigenwilligen Arbeit längst überschritten haben.

Wie üblich hebt die seltsame Frau Selb das Gesamtniveau (und rettet die Ehre des BKA), Luise Wolfram, die wieder sehr apart, aber auch vernünftig ist. Ihr gehört die Schlussszene, bei der man sich fragen muss, ob das in Deutschland in dieser Form erlaubt ist. Nein, eigentlich muss man das nicht fragen. Im Großen und Ganzen wäre ein weniger verfranster Abschied schön gewesen, aber das Unrunde hat die Bremer nie gestört.

Und, ja, es gibt selbstverständlich Zuschauer, die die Tatort-Leichen mitzählen. Im Jubiläumsjahr 2016 lagen die Bremer bei 115. Stedefreund wurde übrigens, wie man liest, im selben Jahr als „attraktivster Tatort-Ermittler“ gewählt. Und, nein, es ist noch nicht bekannt, wie es mit dem Bremer Tatort weitergehen so. Aber für 2020 sind Dreharbeiten angekündigt.

„Tatort: Wo ist nur mein Schatz geblieben“, ARD, Ostermontag, 20.15 Uhr.

Der letzte Fall von Flückiger und Ritschard: Der Tatort aus Luzern verabschiedet sich mit einer ganzen Herde Elefanten im Raum.

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