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Sohn und Mutter, Jonas Hämmerle und Meret Becker.

Tatort „Der gute Weg“

Die Glucke und der Grobian

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Und eine tragische Geschichte. Der Tatort „Der gute Weg“ ist trotz klassischer Elemente außergewöhnlich.

Vieles gelingt in diesem neuen Berliner Tatort. Am auffallendsten ist, wie glücklich der Autor Christoph Darnstädt und der Regisseur Christian von Castelberg die oft etwas nervende Überspanntheit der Hauptstadtbeiträge thematisieren und relativieren, die vermutlich den Eindruck verstärken soll, dass in Berlin alles groß, wild und total lebendig ist.

Diese Überspanntheit bleibt in „Der gute Weg“ aber weitgehend an der Ermittlerin Nina Rubin, Meret Becker, hängen. Sie ist mit Grund in heller Aufregung, andererseits dreht sich die Weltkugel weiter. Ihr Sohn Tolja, Jonas Hämmerle, seit neuestem Praktikant bei einem Streifendienst, ist Zeuge eines fatalen Schusswechsels (eines wilden Herumgeschießes) geworden, bei dem eine Polizistin ums Leben kommt. „Jetzt ist er nur mein Sohn“, sagt Rubin, und selbst aus Meret Beckers Mund klingt das pathetisch. „Aber Mutti hat Dienst“, sagt Karow. Das klingt ganz gut, wenn man Rubin eine Weile beim Leiden und (so Karow) beim Glucken zugeschaut hat. Überhaupt erweist es sich als Spaß in der Dunkelheit, dass Karow für diese Folge der Rest an Fingerspitzengefühl verloren gegangen ist. In einer sagenhaft rasch eskalierenden Szene wird Rubin ihm nachher eine runterhauen, was zwar nicht zu glauben ist, aber Kintopp (und wer schlägt, ist immer der Blöde, aber Karow geht ausgerechnet an dieser Stelle darüber hinweg). Auch bricht die erstaunliche Gerichtsmedizinerin Reza, Maryam Zaree, den zarten Kontakt zu Karow krass ab. Sie hat ebenfalls Gründe, ist aber auch ein Vorbild für alle, die sich zu schnell aufregen. Sie regt sich ebenfalls schnell auf, aber mit Stil und ohne Geschrei. Ferner macht sie deutlich, wie man sich besonders derbe Wörter für besondere Gelegenheiten aufsparen und sie dann umso wirkungsvoller platzieren sollte.

Tatort „Der gute Weg“: Nina Rubin kapiert kurz nach den Zuschauern, was Sache ist

„Der gute Weg“ enthält also etliche ansehnliche Einzelheiten. „Der gute Weg“, merkwürdiger Titel, und während man allmählich versteht, wie er gemeint ist, hat man sich schon tief in die tragische Geschichte verwickeln lassen, um die es eigentlich geht. Sie kreiselt um einen älteren Polizisten und seine Frau, Peter Trabner und Nina Vorbrodt, die in ihrem atemberaubenden Unglück so normal wirken, wie es im Fernsehen nicht die Regel ist. Das Unglück ereilt einen, aber man wird kein anderer dadurch. Der Sohn der beiden ist seit einem Jahr tot, zum guten Weg gehört es, dass die Frau nicht mehr jeden Abend zwei, sondern manchmal nur eine Schlaftablette nimmt.

Auch ganz am Schluss sieht man, wie sie zögert, und sich dann entschließt, es bei der einen zu belassen. Weil sie ja auf dem guten Weg ist und ihn weitergehen muss, wenn sie und ihr Mann das überleben wollen. Man muss sagen, dass es länger kein Tatort-Ende mehr gab, das einen so stumm zurückgelassen hat.

Vor allem liegt das daran, dass nicht alles zu Ende erzählt wird. Die Geschichte selbst bleibt so unvollständig, wie es sich hier draußen auch meistens darstellt, es gibt schon allerlei Erklärungen, aber wer kann sagen, ob sie stimmen. „Der gute Weg“ funktioniert aber auch, weil die Polizei nicht so viel langsamer als das durchschnittlich aufmerksame Publikum ist. Dies ergab eine kleine, nicht repräsentative Studie. Nach einer Stunde und zwei Minuten kommt es zum alles entscheidenden Hinweis für die Zuschauer, aber nach einer Stunde und sechs Minuten hat auch Rubin verstanden, was los ist („ich habe eine schreckliche Idee“, sagt sie). Das ist für ein Tatort-Team ein ordentliches Resultat.

Die Ermittlungsarbeit verläuft alert und mit Verstand. Karow arbeitet fast unermüdlich, wie ein Roboter, sagen Schandmäuler, wie ein Toparbeitnehmer, sagen Leute, die Spaß an ihrem Beruf haben. Die kleinen Rückblenden, mit denen es für die Zuschauer noch ein bisschen spannender gemacht werden soll, sind ausreichend rätselhaft, bevor sie es nicht mehr sind.

Klassische Krimielemente finden sich zwar in großer Zahl, sie treten aber in den Hintergrund, wenn man Menschen beim Leben und Arbeiten zusieht. Trotzdem weiß man, dass es böse enden wird, wenn ein erfahrener und zwei sehr junge Polizisten in die Wohnung eines auf einmal äußerst reservierten nächtlichen Ruhestörers eindringen. Und dass es ein besonders schlechtes Zeichen ist, wenn ein netter kleiner Teddy im Wagen baumelt und die Kollegin sagt, der Praktikant solle schließlich etwas lernen. Aber man weiß auch, dass Verwandte von Tatort-Kommissaren äußerst selten während der Sendezeit umkommen (obwohl es frappierende Gegenbeispiele gibt).

Interessant ist insgesamt, wie eine gewisse Überkompliziertheit des zentralen Verbrechens von den Schauspielern geschickt überspielt wird. Einiges ist weit hergeholt, aber beim Zuschauen kümmert es einen nicht.

„Tatort: Der gute Weg“,ARD, So., 20.15 Uhr.

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