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Man sollte Cynthia Roth nicht unterschätzen. 

„Tatort: Angriff auf Wache 08“

Ambitionierter HR-„Tatort“ pfeift auf jede Logik

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Der Felix-Murot-Tatort setzt diesmal auf die Western-Karte – und gewinnt.

Auf jede Logik und jedes Fitzelchen realitätsnaher Polizeiarbeit pfeift der neue Felix-Murot-Tatort eine schräge Westernmelodie – beziehungsweise Oldies wie „It Never Rains in Southern California“. Er ist ein Hinterhalt auf die Sonntagabend-Zuschauerin. Er ist ein Coup, ein überkandidelter dazu. Er lacht sich ins Fäustchen, während die Sonne sich hinter dem Mond versteckt und die Kugeln sausen. Er schlendert an Western- und anderen Spannungsfilm-Klischees entlang, greift sich dies, greift sich das und steckt es sich lässig unter die Weste. „Radio Offenbach“ verlost Schutzbrillen (wegen der Sonnenfinsternis), ein bellender Hund löst ein Gemetzel aus, der Moderator fragt: „Gibt es Krieg in unseren Straßen?“

Oh ja, gibt es. „Angriff auf Wache 08“ ist wieder einer dieser Wiesbaden-(eigentlich diesmal Offenbach-)Tatorte, bei dem man den Überblick verliert – denn Tote pflastern den Weg von Ulrich Tukur, Christina Große, Peter Kurth, Thomas Schmauser, letzterer als, nun ja, Murot wohlbekannter „Kannibale von Peine“. Große und Kurth sind die in einem Polizei-Museum – eben jener Offenbacher Wache 08 – aufs Abstellgleis Geschobenen. Aber man unterschätze sie nicht. 

Tatort: Das Dorf an Frankfurts wilder Südost-Grenze

Sie gehören nämlich, das begreift man bald, auch wenn man einiges hier keineswegs auf Anhieb begreift, sie gehören also zu dem tapferen Dorf an Frankfurts wilder Südost-Grenze, das sich verteidigen muss gegen eine Übermacht. Die Übermacht: durchs erste Gemetzel, siehe oben, vergrätzte Gangs, die sich an der schießwütigen Polizei rächen wollen. Egal an welcher Polizei. Das abgelegene (abgelegen in Offenbach?), belagerte Dorf: die titelgebende Wache 08. Möglicherweise blicken die Gangs nicht, dass es sich um ein Museum handelt. Möglicherweise doch.

Der Zufall, der unseren Helden ins Dorf führt: Murot besucht an seinem freien Tag (hihi) seinen alten Kumpel Walter (Kurth). Die Auslöserin des Angriffs: Jenny, Paula Hartmann, die nach der Ermordung ihres Vaters zurückschießt und dann ins Polizei-Museum flüchtet. Der bekehrte Bösewicht: Kannibale Kermann (Schmauser). Als es hart auf hart kommt (einmal mehr hart auf hart, besonders hart auf hart), möchte der Kannibale wenigstens eine Schere als Waffe. „Nein!“ rufen Murot und Große im Chor. Und gleich sieht man ihn, wie er sich mit der Schere die Nägel putzt wie die besonders coolen Cowboys mit dem Messer.

HR-„Tatort“: „Tatort“- Dreh in Nele Neuhaus’ alter Villa in Kelkheim

HR gibt sich im Tatort wieder mal ambitioniert 

Der HR ist mit seinem Wiesbaden-Tatort (okay, in Friedberg und Hanau gedrehtem Offenbach-Tatort) einmal mehr höchst ambitioniert und beweist, dass es sich das lohnen kann. Der Schriftsteller Clemens Meyer hat, mit Regisseur Thomas Stuber, ein Drehbuch zwischen Ironie und Nostalgie geschrieben. Meyer spielt außerdem den „Radio Offenbach“-Moderator und -DJ als Mann, der niemals schläft. Keiner quatscht feiner.

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Meyer und Stuber pfeifen, wie gesagt, auf jede Plausibilität; aber die Stimmung stimmt. Sie stylen in Sepia-Tönen auf Western und machen das famos – und Kurth spielt dazu die Mundharmonika, „Wand’rin Star“. Sie machen auch ein Angebot ans romantische Zuschauerinnen-Herz: „Waren Sie viel allein als Kind?“, kommen sich Murot und Polizistin Cynthia Roth näher. Sie spannen mit einem Augenzwinkern die Sonnenfinsternis von 2015 noch ein, die dunklen Minuten, in denen nun die einen fliehen, die anderen angreifen wollen. Bis auch in Offenbach wieder „die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen“. 

„Tatort: Angriff auf Wache 08“, ARD, So., 20.15 Uhr 

Der Tatort aus Luzern verabschiedet sich mit einer ganzen Herde Elefanten im Raum, schreibt Redakteurin Judith von Sternburg in ihrer Kritik zum letzten Luzern-Tatort.

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