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Margarethe von Trotta und Felix Moeller lesen in Tagebüchern aus den 70er Jahren.

„Sympathisanten“, Arte 22.05

Mutter und die Terroristen

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Felix Moellers besonnener Film über die als „deutscher Herbst“ berüchtigt gewordene Zeit der bundesdeutschen RAF-Hysterie. 

Einer der Hauptdarsteller hieß Gerhard Löwenthal, Journalist von Beruf und antikommunistisch-meinungsfreudiger Leiter des ZDF-Magazins. Kann sein, dass er seinerzeit einer derer war, die den bewusst unscharfen Begriff „Sympathisant“ in die öffentliche Diskussion einbrachte. „Sympathisant“, das war ab Mitte der siebziger Jahre ein Kampfbegriff des konservativen politischen Establishments in der Bundesrepublik, mit dem alle Linksliberalen und Linken in die Mitverantwortung für die Rote Armee Fraktion – kurz RAF – und ihre Morde gebracht wurden. Die Medien des Springer-Konzerns tuteten in das selbe Horn, und unter Politikern bis weit hinein in die Sozialdemokratie herrschte der gleiche Geist undifferenzierter Zurechnungsweisen. Eine schreckliche Zeit.

Felix Moeller erinnert sich in einer sehr besonnenen, breit angelegten Dokumentation an diese Phase, in der er selbst ein Kind war, neugieriger Sohn der Schauspielerin und Regisseurin Margarethe von Trotta, und Sympathien für den Kanzler Helmut Schmidt empfand. Seine Mutter galt, zusammen mit ihrem Ehemann Volker Schlöndorff, als prominente Sympathisantin. So bildet die Mutter-Sohn-Diskussion zwischen Felix Moeller, Margarethe von Trotta und Moellers damaligem Stiefvater das narrative Rückgrat des Films. Daneben treten weitere Vertreter der Zeitgeschichte kommentierend auf, um ein paar Namen zu nennen: Alexander Kluge, Peter Schneider, Daniel Cohn-Bendit, René Böll, Marius Müller-Westernhagen Etliche Akteure kehren im dokumentarischen Material mehrfach wieder, darunter Rainer Werner Fassbinder, Klaus Croissant, Heinrich Böll, Oskar Negt, Alfred Dregger, Helmut Schmidt.

Zeitgeschichte als Familiengeschichte 

Felix Moellers Film erzählt Zeitgeschichte als Familien-, Medien- und Kulturgeschichte. Er spitzt nicht zu, sondern schweift denkend umher. Nichts wird hier nachträglich gerade gerückt. Niemand will und muss unbedingt Recht behalten. Deutlich wird aber doch, wie weit sich die Bundesrepublik Ende der siebziger Jahre von der RAF in eine große Hysterie treiben ließ, die den Rechtsstaat und seine Prinzipien stärker zu gefährden schien als die Terroristen selbst. Denn das sehr weitmaschige Wort „Sympathisant“ enthielt nicht nur eine vage politische Aussage, sondern war zugleich Medium einer innerstaatlichen Feinderklärung und vehement in Kauf genommenen Spaltung der Gesellschaft entlang einer willkürlich gezogenen Markierungslinie.

Merkwürdig erscheint es da fast, dass in der gegenwärtigen Situation eines brisant entwickelten rechtsnationalistischen Terrorismus im Lande und einem nach damaligen Maßstäben sehr tief gestaffelten Feld von Sympathisanten keine solche staatstragende Hysterie erkennbar wird. Ist der Rechtsstaat seit den Erfahrungen mit der RAF einfach cooler und souveräner geworden oder ist er immer noch auf dem rechten Auge blind?

Felix Moellers Film stellt solche Fragen nicht, legt sie aber nahe. Eindeutige Antworten sind nicht sein Ziel. Er stellt keine Thesen auf. Er will das reflektierende Gespräch, nicht die wohlfeilen Vereinfachungen. Die waren eher die Sache eines Alfred Dregger oder Gerhard Löwenthal.

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