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Die junge Mercedes besucht zum ersten Mal das Technofestival "Heimat". 

TV-Kritik: „Smile“ (ZDF)

Verloren in der Welt des kontrollierten Vergnügens

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Ungewöhnliches Jugendkino im ZDF: Eine junge Frau durchläuft auf einem Electro-Festival verschiedene Stadien der Erkenntnis.

Im Rahmen der Reihe „Shooting Stars“ öffnet das ZDF zu einer Zeit, in der die Zielgruppe langsam in die Clubs abrückt, ein Fenster in Richtung Jugendkultur, die ansonsten im Web-Angebot Funk zu Hause ist. „Jungen Talenten“ soll hier ein Forum geboten werden. Gar so jung sind die Koautoren Silke Eggert (Jahrgang 1979), Prodromos Antoniadis (Jahrgang 1971) und Steffen Köhn (Jahrgang 1980, auch Regie) nun allerdings nicht mehr. Das merkt man ihrem gemeinsamen Spielfilm „Smile“, für Köhn die Abschlussarbeit seines Studiums an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, auf vorteilhafte Weise an. Filmschaffende im Studium suchen sich sehr häufig Themen im engeren Umfeld, im privaten Bereich, schöpfen aus der eigenen Erlebniswelt, die zwangsläufig noch nicht so reichhaltig sein kann wie bei reiferen Semestern. „Smile“ greift auf bestimmte Aspekte jugendlicher Subkulturen und altersgemäße Erfahrungen zu, nimmt sie aber als Anlass und Kulisse für einen mehrbödigen, filmisch ansprechenden Diskurs.

Mercedes (Mercedes Müller) arbeitet in einem Callcenter, wo sie mit fadenscheinigen Tricks Zeitschriftenabonnements veräußert. Eine reizlose Tätigkeit, die zudem ihrem moralischen Kodex widerspricht. Sie überrascht ihre Mutter (Catherine Flemming) mit der Mitteilung, dass sie gekündigt habe und zu einem Festival für elektronische Musik fahren möchte, wo ein befreundeter DJ (Mehmet Sözer) bereits auf sie wartet. Die Mutter verweigert das nötige Geld, Mercedes stiehlt die Kreditkarte und macht sich auf den Weg.

„Smile“ nimmt Glücksversprechen aufs Korn

Das Festival namens „Heimat“ ist ein riesiger Jahrmarkt mit mehreren Bühnen, Fahrgeschäften, Einkaufsmöglichkeiten und vielem mehr, ein Angriff auf alle Sinne. Die Besucher erhalten ein elektronisches Armband, mit dem sie bezahlen können und das sogar ihren Namen kennt. „Hey Mercedes! Das Leben ruft dich!“, wird der Neuankömmling freundlich begrüßt.

DJ Boy befindet sich bei einer Backstage-Party, die für gewöhnliche Festivalbesucher nicht zugänglich ist. Immer wieder scheitern Mercedes‘ Bemühungen, zu ihm zu gelangen. Einsam und etwas scheu irrt sie durch die unbändig feiernden Massen. „Du musst dich nicht alleine fühlen“, tröstet das Armband. Und tatsächlich lernt Mercedes kurz darauf die übermütige Bella (Hanna Hilsdorf) kennen, die Drogen nimmt und auch sonst mit Verve ihre Bedürfnisse auslebt, wenn nötig auf Kosten anderer. Wie selbstverständlich bittet sie Mercedes zur Kasse. Die zahlt widerstrebend. Immer noch besser, als allein zu bleiben.

Hinter der Glitzerwelt: Ernüchterung

Die beiden ziehen gemeinsam los, verlieren sich, finden wieder zusammen. Die Odyssee über das weitläufige Gelände wird zusehens surrealer, zumal sich Mercedes, die anfangs die ihr offerierten Pillen abgelehnt hatte, in einem Moment der Niedergeschlagenheit ebenfalls auf Rauschmittel einlässt und Entrückung sucht. Zuvor hatte sie das Reservat der Glückseligen frustriert verlassen wollen, nachdem ihre Kreditkarte gesperrt worden war. Nur hätte sie am Ausgang die „Early-Check-Out-Gebühr“ zahlen müssen. Das konnte sie nicht. Ernüchternd für die junge Frau, die dem Versprechen eines ungetrübten Gemeinschaftserlebnisses geglaubt hatte.

Eher beiläufig setzen die Filmautoren die heuchlerischen Slogans der Veranstalter nach dem Muster „Wahre Freiheit ist, deinem Herzen zu folgen.“ in Kontrast zu den merkantilen Realitäten: auf der Damentoilette muss sogar der Schuss Flüssigseife eigens bezahlt werden. Fast schon eine plakative Aussage in einer ansonsten auf hohem filmpoetischen Niveau angesiedelten Allegorie. Mercedes gerät zu den pulsierenden Electro-Klängen immer mehr in eine Art Trance, scheint gar durchs All zu reisen. Bewusst wird die Zuschauerschaft im Unklaren gelassen darüber, ob Mercedes’ Erlebnisse real sind oder sich dem Rausch verdanken, ob es sich um einen Drogentrip oder eine Seelenwanderung handelt. Dantes „Göttliche Komödie“ dient als Referenz, wie Lewis Carrolls Alice gerät Mercedes hinter die Spiegel, halb hingezogen, halb gedrängt. Filmhistorisch kann Jack Nicholsons und Roger Cormans „The Trip“ als Vergleich dienen.

Das Wesen der zurückhaltenden Mercedes, überzeugend gespielt von der 22-jährigen, bereits seit Kindesbeinen kameragewohnten Mercedes Müller, wird vom Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe bestimmt. Sie ist arglos, ein wenig schüchtern. Und damit besonders anfällig für Verlockungen des Extrem-Hedonismus, für Glücksversprechen, Manipulation, auch für Sektierertum. Eine psychologisch durchdachte Charakterzeichnung, in fantasievollen Szenarien überhöht und anschaulich gemacht. Ein reifes Werk.

„Smile“, Montag, 15.7., 23:55 Uhr, ZDF. Bis 5.8. in der ZDF-Mediathek.

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