Immer mit der Kamera unterwegs: Zwei junge Männer dokumentieren in der Arte-Doku „Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ ihren Alltag.
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Immer mit der Kamera unterwegs: Zwei junge Männer dokumentieren in der Arte-Doku „Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ ihren Alltag.

Mafia-Hochburg

Eine Jugend im Land der Camorra - TV-Kritik zu „Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ (Arte)

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Ihre Altersgenossen in Neapel tragen Pistolen. Zwei junge Männer bewaffnen sich lieber mit der Kamera. Einfallsreich und gewissenhaft dokumentieren sie in der Arte-Doku „Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ ihren Alltag.

Es bedarf nicht der Erwähnung. Man sieht es am Stadtbild, und man sieht es in den Gesichtern: Traiano gehört zum Terrain der neapolitanischen Camorra. Roberto Saviano hat erfolgreiche Tatsachenromane über dieses Milieu geschrieben. Sie wurden fürs Kino und fürs Fernsehen verfilmt. Nah dran an der Realität, aber letztlich doch Fiktion, von Regisseuren interpretiert, mit Schauspielern umgesetzt.

Der Dokumentarfilmer Agostino Ferrente entschied sich für einen anderen Weg. Er bat die beiden Sechzehnjährigen Alessandro Antonelli und Pietro Orlando, ihren Alltag und den ihrer Freunde mit der Handykamera festzuhalten. Beide leben in jenem Umfeld, das der Literat Saviano in „Der Clan der Kinder“ beschrieben hat. Heranwachsende aus Traiano brausen mit Motorrollern durch die Stadt, nehmen sich die reichen Mafiosi zum Vorbild, eifern ihnen nach. Sarah und Antonella, Teenager aus dem Viertel, gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass ihre künftigen Ehemänner irgendwann eine Haftstrafe absitzen müssen. Für sie keine Frage: Sie werden ihren Männern treu bleiben und auf sie warten.

„Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ auf Arte: Die Mühen eines ehrlichen Lebens

Alessandro und Pietro halten sich von den Nachwuchsgangstern fern. Alessandro wollte eigentlich studieren, fühlte sich aber in der Schule von einer Lehrerin gemobbt und gab auf. Jetzt arbeitet er hinter der Theke eines Bistros und fährt Bestellungen aus. Pietro möchte Friseur werden und übt schon fleißig an seinen Freunden, bekommt aber keine Lehrstelle.

Bei beiden nicht zu übersehen sind die tieftraurigen Augen. Trotz ihrer Jugend haben sie schon mehr bittere Erfahrungen erdulden müssen als manch ein Erwachsener. Davide Bifolco, ein Freund von ihnen, wurde von einem Polizisten erschossen. Die Kugel traf ihn in den Rücken. Der Streifenbeamte behauptet, er sei gestolpert und dabei habe sich ein Schuss gelöst. Die Bilder einer Überwachungskamera deuten auf einen anderen Hergang. Die Umstände erinnern an jenes polizeiliche Fehlverhalten, das gerade in den USA eine von breiten Bevölkerungsteilen getragene Protestbewegung ausgelöst hat. Anders als dort ist in Neapel nicht die Hautfarbe ausschlaggebend für polizeiliche Übergriffe, sondern die Herkunft.

„Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ auf Arte: Schöne Geschichten oder realistische Bilder?

Alessandro und Pietro dokumentieren das Geschehen mit Hilfe von Videoaufzeichnungen und Befragungen, ernst und gewissenhaft wie Profis. Es gibt aber eben auch die Jugendbanden, die bereits mit Feuerwaffen ausgerüstet sind und sich vor der Kamera in Szene setzen, über die Vorzüge einer Glock und einer Kalaschnikow fachsimpeln. Stolz sind sie, sehen keinen Grund, sich zu verbergen: „Na los, Spielberg, mach ein Selfie von uns!“, fordert einer von ihnen. Übermütig ballern sie ziellos in die Gegend, bis die Polizei naht. Mit eisernen Nerven filmt Pietro bis zur letzten Sekunde, kann dann mit den Freunden gerade noch entkommen.

Zwischen Pietro und Alessandro entspinnt sich eine Kontroverse, ob solche Inhalte in den Film aufgenommen werden sollen. Alessandro will schöne Geschichten aus Traiano erzählen und keine Waffen im Film zeigen. Pietro hält dagegen: „Man muss auch die schlechten Dinge zeigen. (…) Sonst ist es kein Dokumentarfilm.“ Er ist mutig genug, selbst die eigenen Tränen und seinen aufgeschwemmten Körper zu zeigen. Er hat nicht nur Davide, sondern auch drei Cousins verloren. Ein traumatisches Erlebnis. Seither isst er pausenlos, nimmt ständig zu, ist an Diabetes erkrankt. Er bräuchte Hilfe von außen. Aber die darf man in Traiano nicht erwarten. Eine simple Aufnahme macht deutlich, wie es hier zugeht. Die beiden brechen in die Schule ein und unternehmen einen Rundgang. Die Gebäude waren gerade erst renoviert – und dann geschlossen worden.

„Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ auf Arte: Porträt einer besonderen Freundschaft

Die Kulturpraxis des Selfies, sonst beinahe ein Synonym für Eitelkeit, wird hier zu dessen Gegenteil, nämlich produktiv umgesetzt. So gelingt ein Dokumentarfilm, der authentisch geraten ist wie kaum je ein anderer dieses Genres. Nicht nur als Milieubeschreibung, sondern auch als Porträt einer ganz besonderen Freundschaft.

Abschließend erläutert eine Texteinblendung, wie das Verfahren gegen den Mörder Davides ausging. Gern wüsste man auch, was aus Pietro und Alessandro wurde. Letzterer deutet einmal an, Regisseur werden zu wollen. Einen Vorgeschmack hat er zumindest gewinnen können. „Selfie“ war zu diversen Filmfestivals und -wettbewerben eingeladen. Die beiden Hauptakteure reisten mit, traten vor die Presse und vor ihr Publikum.

„Selfie – Tod mit 16 in Neapel“, Mittwoch, 24.6., 23:05 Uhr, Arte, und in der Arte-Mediathek.

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