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Ist er gefährlich? Kann sie ihn knacken? Koschitz und von Dohnányi auf der Bank. 

TV-Kritik

„Im Schatten der Angst“ im ZDF: Sie erkennt eh, was kein anderer erkennt

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Die Psychologin und der Psychopath: Der Thriller „Im Schatten der Angst“ im ZDF.

  • TV-Kritik zu „Im Schatten der Angst“ (ZDF*)
  • Julia Koschitz und Justus von Dohnányi in den Hauptrollen
  • Küchenpsychologie-Schublade

Das Duell zwischen einer Psychologin und einem Psychopathen hat schon einige TV-Krimi-Variationen erfahren. Für das ZDF und in der Regie Till Endemanns spielen jetzt Julia Koschitz und Justus von Dohnányi das Wird-sie-den-Hebel-richtig-ansetzen-Spiel durchaus mit Intensität und Nuancen.

Koschitz ist mit forschendem und standfestem Blick eine Wiener Klinik-Psychologin namens Karla Eckhardt, die im Buch Rebekka Reubers und Marie-Therese Thills von sich sagen darf: „Ich erkenn die Dinge, die sonst niemand erkennt.“ Von Dohnányi ist der berühmte Architekt Carsten Spanger, ein aufmerksamer Mann und freundlicher als die allermeisten Mörder. Dass er die junge Frau aber hätte einfach gehen lassen, die zu Anfang gefesselt und verständlicherweise panisch in seinem todschicken Haus – am Indoor-Swimmingpool – liegt, das nimmt ihm nicht einmal die Polizei ab, die hier eher so am Rand und nicht sehr ruhmreich mitläuft.

„Im Schatten der Angst“ im TV: Aus der obersten Küchenpsychologie-Schublade

Die junge Frau wird ausgerechnet von ihrem sie stalkenden Ex-Freund gerettet, der aber dann gleich keine Rolle mehr spielt. Psychologin Karla Eckhardt, die in der forensischen Psychiatrie, einer Wiener Anstalt für „geistig abnorme Rechtsbrecher“ arbeitet, soll beurteilen, ob Spanger gefährlich und warum er plötzlich ausgerastet ist. Und ob er es schon einmal getan hat / nochmal tun wird (da kann man drauf wetten). Wie ein Kind beim Kasperltheater möchte man Eckhardt warnen – aber, siehe oben, sie erkennt eh die Dinge, die sonst niemand erkennt. Da kann von Dohnányi, siehe ebenfalls oben, noch so scheinbar harmlos, scheinbar seelenruhig sein und sie fragen, wovor sie eigentlich Angst hat.

Vor Dunkelheit, das weiß die Zuschauerin da bereits. Und hat auch schon die Mutter kennengelernt, alleinerziehend damals und überfordert. Von einem Vater ist bei beiden nicht die Rede. Spangers Mutter war eine schlechte Schauspielerin, die permanent als großartige Schauspielerin gelobt werden wollte – man kennt diese Art Trumpscher Persönlichkeit mittlerweile zur Genüge.

So nähert man sich über die schwierige Kindheit einander an, die Psychologin und der Psychopath; das ist nicht rasend originell, kommt direkt aus der obersten Küchenpsychologie-Schublade. Und ist wie in vielen Spielfilmen, keineswegs nur Krimis, der Angst geschuldet, den Zuschauer mit zu vielen Leerstellen zu überfordern. So muss halt die Glühbirne auch ausgerechnet dann ihren Geist aufgeben, wenn Karla Eckhardt in den Keller geht, um ihrer Mutter zum 40. Kneipenjubiläum zu helfen und das Bierfass auszuwechseln. Und aus der Finsternis hört die Psychologin öfter ein verzweifeltes Kinderflüstern: „Lass mich hier raus“.

„Im Schatten der Angst“ im TV: Manche Figur gibt der Geschichte einen Dreh weg vom reinen Klischee

„Im Schatten der Angst“, ZDF, Montag, 16.03.2020, 20.15 Uhr.

Julia Koschitz’ feiner österreichischer Zungenschlag („Weißt was, lass mas“ und so), der einem auch angesichts Freudscher Schnörkel und altmodischer Büros besonders passend erscheint, und eigentlich die Darsteller insgesamt müssen es rausreißen – und sie tun es mit kleinen Einschränkungen. Interessiert schaut man der Psychologin und dem Psychopathen in die Augen und bekommt von Regisseur Endemann reichlich Gelegenheit dazu.

Manches Detail, manche Figur gibt der Geschichte zudem den ein oder anderen Dreh weg vom reinen Klischee. Die alte Psychiatriepatientin, die glaubt, dass sie schwanger ist. Die zupackende Polizistin (Marie-Christine Friedrich), die aber nicht der so beliebte, nämlich übertrieben coole Typ ist. Der Praktikant (Aaron Friesz), der nach zwei Minuten schon um eine zweite Chance bitten muss und sie dann ohne weitere Fisimatenten nutzt.

Von Sylvia Staude

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