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Luisas (Rosalie Thomass) moderne Unterrichtsmethoden kommen bei ihrer Klasse gut an.

„Rufmord“, ZDF

Pädagogin am Pranger

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Die Arte-ZDF-Koproduktion „Rufmord“ liefert ein triftiges Zeitbild, verliert aber durch Krimianleihen an Wirkung.

Die Handlung des Arte-ZDF-Psychokrimis „Rufmord“ kann Erinnerungen wecken. Zum einen an die Erstausstrahlung im November 2018 bei Arte. Oder, weiter zurückgreifend, an André Cayattes Politthriller „Kein Rauch ohne Feuer“ aus dem Jahr 1973, der an einen realen Skandal angelehnt war und nur unter Schwierigkeiten realisiert werden konnte. Bei Cayatte wird ein Bürgermeisterkandidat (Bernard Fresson) desavouiert, indem die Gegenpartei gefälschte Sexfotos von dessen Gattin (Annie Girardot) in Umlauf bringt. 1973 wurde noch analog fotografiert, eine überzeugende Bilderfälschung war möglich, aber aufwendig. Nicht von jedermann zu leisten.

Ein Aspekt von vielen, die reizvolle Vergleiche erlauben. Knapp fünf Jahrzehnte später sind bearbeitete Bilder eine alltägliche Medienerfahrung. Als erkennbarer Gag, zum Beispiel in Form lustiger Montagen. Auf der anderen Seite gibt es Manipulationen, die in propagandistischer oder heimtückischer Absicht angefertigt werden. Im preisgekrönten Film der Drehbuchautorinnen Claudia Kaufmann und Britta Stöckle und Regisseurin Viviane Andereggen wird eine Lehrerin Opfer solcher Machenschaften. Luisa Jobst (Rosalie Thomass) ist eine fähige Pädagogin und bei Schülern und im Kollegium außerordentlich beliebt. Georg Bär (Johann von Bülow), Vater ihres Schülers Paul (Nico Marischka), macht ihr unverhohlene Avancen. Seine großzügige materielle Unterstützung der Mendelssohn-Grundschule hat aber noch einen anderen Grund. Er möchte Paul auf dem Gymnasium sehen, doch fehlt dem noch die nötige Reife. Wohlmeinend rät Luisa Jobst, noch ein oder zwei Jahre zu warten. Und verweigert die nötige Empfehlung.

Kurz darauf werden Nacktfotos von Jobst auf die Web-Seite der Schule geschmuggelt. Harmlose Bilder. Jobst geht gern unbekleidet schwimmen. Bei einer dieser Gelegenheiten waren die Fotos entstanden. Fatal nur, dass ihr damaliger Freund einige Aufnahmen aus der Verbitterung heraus in einem Web-Forum veröffentlicht hatte. Dort waren sie aufgestöbert und für die Mobbing-Aktion missbraucht worden. Für Fotomontagen, die Jobst als Prostituierte hinstellen. Mit Bildunterschriften wie „Der Lehrkörper, so wie wir ihn mögen.“

Jobst versucht sich zu wehren, erstattet Anzeige, hofft auf die Unterstützung der Rektorin, von Freunden und Kollegen. Doch der soziale Zusammenhalt bröckelt zusehends. Ihr Umfeld geht auf Distanz, die Eltern lehnen sie plötzlich ab, sie wird vom Unterricht freigestellt, ihre Partnerschaft mit dem Tischler Finn (Shenja Lacher) gerät in eine Krise. Jobst, die obendrein auch noch widerwärtige anonyme Anrufe erhält und sich zotigen Witzen ausgesetzt sieht, ist der totalen Verzweiflung nahe.

Mit einem Kniff wird aus der Geschichte einer seelischen Zerstörung ein Krimikonstrukt. Eine acht Wochen später angesiedelte Parallelhandlung erzählt von einer polizeilichen Ermittlung, ausgelöst von Blutspuren in Jobsts Wohnung. Ihre Leiche bleibt unauffindbar, trotz einer groß angelegten Suchaktion inklusive Booten und Hubschraubern. Auch ein benutztes Kondom findet sich. Eine heiße Spur zu einem möglichen Täter.

„Rufmord“ hat starke Passagen, wenn die Autorinnen den Egoismus und die Niedertracht der Kleinstadtgesellschaft und hässliche gruppendynamische Prozesse sezieren. Die Korruption derjenigen, die gern vollmundig von Werten sprechen und Haltung fordern, aber sich mit kalter Schulter abwenden, sobald ein etwaiges Einschreiten den persönlichen Komfort bedrohen könnte.

„Kein Rauch ohne Feuer“, der mehrdeutige Titel des französischen Films aus dem Jahr 1973, trifft auch auf diese Geschichte zu. Anders als André Cayatte erzählen die „Rufmord“-Autorinnen indes ausschließlich aus einem privaten Milieu, ohne politische Dimension. Noch einen Unterschied gibt es: Durch die Verquickung mit einem Krimi-Sujet, durch den Umschwung in ein Rache-Komplott, wird dem Gerechtigkeitsempfinden der Zuschauer entsprochen, ein Zugeständnis, das die verstörende zeitkritische Aussage deutlich mildert.

In dem Punkt war Cayatte konsequenter.

„Rufmord“, Montag, 1.4., 20:15 Uhr, ZDF

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