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Richard Dormer als Chief Inspector Gabriel Markham.

TV-Kritik: „Rellik“ (Tele 5)

Zum Tatort geht’s im Rückwärtsgang

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Der Krimi-Sechsteiler „Rellik“, zum Jahreswechsel im Programm von Tele 5, bestätigt erneut, dass die britische BBC weltweit zu den innovativsten und mutigsten Serienproduzenten zählt.

Regentropfen fallen nach oben. Eine halb abgebrannte Zigarette wird wieder ganz und erlischt. Scherben springen zurück in den Rahmen und bilden ein heiles Fenster. Und häufig laufen die Uhren rückwärts im britischen Sechsteiler „Rellik“. Weder Hexenspuk noch Gaukelspiel. In Rede steht keine Fantasy-Serie, sondern ein spannendes Krimidrama in BBC-Qualität und mit einer besonderen Machart: Die Geschichte wird über sämtliche Episoden hinweg rückwärts erzählt.

Das Prinzip als solches ist nicht neu. Christopher Nolan machte 2000 mit seinem Thriller „Memento“ Furore, in dem er eine lineare mit einer retrospektiven Erzählstruktur verwob. Vordem gab es die britische Pinter-Verfilmung „Betrug“, später François Ozons „5×2 – Fünf mal zwei“ – Szenen einer Ehe, von deren Ende her aufgezäumt. Allesamt Kinoproduktionen. Eine sechsteilige Fortsetzungserzählung aber stellt eine ungleich größere Herausforderung dar. Sie erfordert eine intensivere Entwicklungsarbeit und enormes handwerkliches Vermögen, zumal „Rellik“ nicht nur unterschiedliche Zeit-, sondern auch mehrere inhaltliche Ebenen umfasst.

Allzeit spannend

Die Rückswärtserzählung wird vor allem in den Genres Thriller und Drama gepflegt. Die Brüder Jack und Harry Williams, als Autoren des weiteren mit Premiumserien wie „One of Us“, „The Missing“ und „Liar“, ferner als Produzenten mit der mehrfach preisgekrönten Sitcom „Fleabag“ hervorgetreten, führen in „Rellik“ – das Wort Killer in Rückwärtsschreibweise – beides zusammen. Wenngleich die Aufklärung einer Mordserie im Zentrum des Geschehens steht, hat die Serie wenig gemein mit jenen formelhaften Serienkiller-Geschichten, die in den letzten Jahren im Übermaß auf den Markt geworfen wurden. Die Brüder Williams interessieren sich vorrangig für die Ursachen und Auswirkungen der beschriebenen Verbrechen. Opfer, Täter, Ermittler, Zeugen und deren jeweiliges Umfeld werden einbezogen in die Handlung, die durch geschickte Verknüpfungen und die meisterhafte Inszenierung der beiden Regisseure Sam Miller („Luther“) und Hans Herbots („The Swell - Wenn die Deiche brechen“) trotz der epischen Reichhaltigkeit allzeit spannend bleibt.

Fahndungserfolg mit bitterem Beigeschmack

Es versteht sich von selbst, dass die Aufmerksamkeit des Publikums bei einer solchen Erzählstruktur weitaus mehr in Anspruch genommen wird als beim gängigen Durchschnittskrimi. Nicht nur deshalb ist es ratsam, die sechs Folgen wenn möglich aufzunehmen – das Finale könnte den Wunsch wecken, die Serie noch einmal von vorne zu schauen und nach Hinweisen auf die Auflösung zu fahnden. Auflösung bedeutet in diesem Fall die Umkehrung des Gewohnten. Am Anfang wird gezeigt, wie Detective Chief Inspector Gabriel Markham (Richard Dormer, „Game of Thrones“) einen Verdächtigen stellt, der beim Versuch der Festnahme von polizeilichen Scharfschützen niedergestreckt wird, als er unvorsichtigerweise in die Tasche greift. Er hatte jedoch nicht nach einer Waffe, sondern nach seinem Handy gelangt, wie Markham verbittert feststellen muss.

Der Tote ist Steven Mills (Michael Shaeffer), ein psychisch versehrter Mann, dem mehrere grausige Morde nachgewiesen werden konnten, bei denen die Opfer mit Säure überschüttet und anschließend getötet wurden. Während seine Kollegen in einem Pub ausgelassen den Abschluss der kräfte- und nervenzehrenden Ermittlung feiern, äußert Markham leise Zweifel daran, dass es sich bei Mills tatsächlich um den gesuchten Täter handelt.

Kluges Spiel mit der Zeit

Von hier an bewegt sich die Geschichte in unterschiedlich langen Sequenzen Schritt um Schritt in die Vergangenheit. Die entsprechende Zeitspanne wird jeweils eingeblendet, nach dem Muster „10 Stunden und 28 Minuten vorher“. Optische Trenner wie rückwärts laufende Menschen markieren den Zeitsprung zusätzlich.

Bei der Jagd nach dem Verbrecher trug Markham selbst Verätzungen davon. Seither ist seine rechte Gesichtshälfte entstellt. Ihm könnte in einer Fachklinik geholfen werden, doch er lehnt ab. Erst will er den oder die Täter fangen, bevor er sich in Behandlung begibt.

Einmal philosophiert Markham, während er mit einem Kollegen vor einer roten Ampel wartet: „Wenn wir weit genug zurückgehen, verstehen wir, warum die Leute tun, was sie tun.“ Hier legen die Brüder Williams ihrem Protagonisten die eigenen Ausgangsüberlegungen in den Mund. Ihnen ging es nicht, so werden sie auf der BBC-Webseite zitiert, um ein erzähltechnisches Experiment um seiner selbst willen, sondern um die auslösenden Faktoren: „Ereignisse haben bestimmte Ursachen, und die liegen in der Vergangenheit.“

Spezialeinheiten im Kinderzimmer

Aus der Umsetzung dieses Gedankens entstand eine komplexe Kriminalerzählung, die nicht nur der ungewöhnlichen Form wegen fesselt und fasziniert. Auf Drehbuchebene überzeugen die psychologische Genauigkeit in der Figurenzeichnung und die gekonnte Verschränkung der Motive. Auch filmisch zeigt die Serie außerordentliche Qualitäten. Viele Einstellungen haben eine doppelte Ebene und laden zur Interpretation ein. Die Auftaktfolge beispielsweise zeigt zu Beginn Markham auf einem Laufband. Er tritt buchstäblich auf der Stelle, doch die Zeit bleibt nicht stehen, symbolisiert durch einen Nahverkehrszug, der draußen vor den Fenstern vorüberrauscht. Gegenläufig zur Kamera und zu Markhams Blickrichtung, die Rückwärtsbewegung der Erzählung vorwegnehmend.

An anderer Stelle sorgt ein sorgfältiger Schnitt – fünf Cutter und Cutterinnen waren beteiligt – für den ideellen Zusammenhang, so wenn Steven Mills’ kleine Tochter Ali auf der Polizeidienststelle und waffenstarrende Spezialeinheiten in ihrem Kinderzimmer in Bezug gesetzt werden. Immer wieder gibt es vielsagende, oft kleine Details, die zum Verständnis der Geschichte beitragen – diese Serie wurde definitiv nicht für die Betrachtung auf Handys oder Tablets geschaffen.

„Rellik“ ist nur eines von zahlreichen Beispielen für die Innovationskraft des britischen Fernsehens. Es belegt aber auch, dass Avantgardeserien selten ein breites Publikum erreichen. Trotz begeisterter Kritiken blieb die Zuschauerausbeute im Herkunftsland letzten Endes gering.

„Rellik“, 28., 29., 30.12., 0.05 Uhr, jeweils zwei Folgen, Tele 5

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