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RBB-Serie „Warten auf’n Bus“ hat so viel Geheimtipp-Potential wie „Der Tatortreiniger“

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Die RBB-Serie könnte mit ihrer radikalen Reduziertheit und den großartigen Darbietungen von Ronald Zehrfeld und Felix Kramer der nächste TV-Geheimtipp werden.

  • RBB (ARD*)zeigt radikal minimalistische Serie über zwei Männer, die in Brandenburg auf einen Bus warten.
  • Macher von „Warten auf’n Bus“ ist  der vielfach ausgezeichnete Dramatiker und Hörspielautor Oliver Bukowski.
  • Die Produktion könnte sich zu einem Geheimtipp wie die NDR-Serie „Der Tatortreiniger“ entwickeln.

Natürlich ist die Assoziation zu „Warten auf Godot“ unvermeidlich, und das nicht nur wegen des Titels. Schauplatz von „Warten auf’n Bus“ ist das Wartehäuschen einer Bushaltestelle irgendwo in Brandenburg. Dieser Ort ist quasi das Wohnzimmer zweier Männer Ende vierzig, die etwas abgerissen wirken. Der Kasten Billigbier im Einkaufswagen ist ein weiteres untrügliches Zeichen; trotzdem trügt der Schein. Hannes und Ralle (Ronald Zehrfeld, Felix Kramer) vernichten zwar viel Alkohol, aber von Becketts traurigen Antihelden sind sie weit entfernt, zumal Wladimir und Estragon beim Warten auf Godot in erster Linie die Zeit totschlagen. 

Wenn überhaupt, dann sind Hannes (Frühinvalide) und Ralle (langzeitarbeitslos) Seelenverwandte von Olli Dittrichs Dittsche. Ähnlich wie die Monologe des Imbissbudenphilosophen können die Plaudereien, in deren Verlauf die beiden regelmäßig vom Stöckchen in die Traufe kommen, durchaus Tiefgang annehmen; selbst wenn Hannes – Lebensmotto „Dem Philosoph ist nix zu doof“ – seine Beiträge gern mit Weisheiten aus Abreißkalendern, Schlagertexten und Kinofilmen durchsetzt. Ralles Ausführungen sind dagegen gespickt mit Wikipedia-Wissen, weshalb sich die beiden perfekt ergänzen: Dichtung und Wahrheit. 

TV-Kritik zur RBB-Serie „Warten auf’n Bus“: Eine ganz neue Form der Sitcom

Schöpfer des Duos ist der vielfach ausgezeichnete Dramatiker und Hörspielautor Oliver Bukowski, dessen Drehbücher echten Seltenheitswert haben; aus seiner Feder stammt zum Beispiel die Kleine-Leute-Komödie „Bis zum Horizont und weiter“ (1999, mit Wolfgang Stumph). Mit „Warten auf’n Bus“ hat er eine ganz neue Form der Sitcom erfunden, die allerdings nichts mit dem gleichnamigen Genre aus dem US-Fernsehen zu tun hat: Die Serie lädt ihr Publikum dazu ein, zwei Männern zuzuschauen und vor allem zuzuhören, die in dem Häuschen sitzen und komische Sachen sagen. Heiter im Sinne von lustig sind die acht in sich abgeschlossenen Folgen à dreißig Minuten allerdings eher nicht. Ungewöhnlich ist in erster Linie der Rahmen, auch wenn es zwischendurch mal aberwitzig wird, wenn sich zum Beispiel eine von Kopf bis Fuß verhüllte Frau als Lockvogel entpuppt, der die beiden in eine fiese Falle lockt. 

Gastauftritte wie dieser sorgen dafür, dass der scheinbar endlose Redefluss des Duos immer wieder unterbrochen wird, und spätestens jetzt zeigt sich, wie klug Bukowski seine Drehbücher konzipiert hat. Jedes Mal, wenn die Wortkaskaden zu einer gewissen Ermüdung führen könnten, kommt es zu einer Unterbrechung des regen Austauschs: Kaum hat sich die Burka-Frau (Katharina Marie Schubert) überzeugen lassen, dass Hannes und Ralle nicht für die Nazi-Sprüche am Wartehäuschen verantwortlich sind, tauchen drei echte Nazis auf und nehmen die beiden kräftig in die Mangel, als sie dabei sind, die Schmierereien zu entfernen; wenn der Baseballschläger kreist, ist Schluss mit lustig. In einer anderen Folge entwickelt Ralles vierbeiniger Begleiter Maik, eine friedliche Promenadenmischung, ungeahnte Wachhundqualitäten, als er sich eines kleinen Mädchens annimmt. 

Und dann ist da ja noch Kathrin. Anders als bei „Warten auf Godot“ offenbart der Titel der RBB-Serie eben nicht die ganze Sinnlosigkeit des Seins. Die erste Folge legt zwar zunächst die Frage nahe, ob hier überhaupt noch ein Bus fährt, zumal Hannes und Ralle ohnehin nicht einsteigen würden, aber dann kommt er tatsächlich. Am Steuer sitzt die Frau ihrer Träume: Kathrin nutzt die Endhaltestelle regelmäßig für eine Zigarettenpause. Jördis Triebel versieht die Busfahrerin, die die beiden Männer ziemlich cool vor den rechten Schlägern rettet, mit einer reizvollen Mischung aus Unergründlichkeit und Überlegenheit. 

TV-Kritik zur RBB-Serie „Warten auf’n Bus“: Nächster Geheimtipp nach „Der Tatortreinger“?

Dass sich die Serie zu einem Geheimtipp wie die gleich zweimal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete NDR-Serie „Der Tatorteiniger“ entwickeln könnte, hat vor allem mit Bukowskis Vorarbeit zu tun. Regelmäßig verblüffen seine Helden mit Erzählungen, die so absurd klingen, dass nur wahr sein können. Eine der besten Anekdoten: Ralle ist auf’m Amt, muss aufs Klo, weiß nicht, welches der Symbole für Mann und Frau steht, geht einfach durch die dritte Tür, auf der beide Symbole abgebildet sind, und wird prompt zu einem Workshop für Diverse eingeladen. Dort trifft er unter anderem auf eine Monique, bei der aber noch der Manfred „durchstoppelt“. 

Mögen die Freunde auch mal in Rührseligkeit und Selbstmitleid verfallen oder für einen kurzen Moment aggressiv werden: Die Regie bleibt immer gleichermaßen entspannt. Dirk Kummer (zuletzt „Alte Bande“ mit Mario Adorf und Tilo Prückner) hat schon mit „Zuckersand“ (2018 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet) eine melancholische Tragikomödie über eine tiefe ostdeutsche Freundschaft gedreht; darin ging es allerdings um zwei Zehnjährige in der DDR. 

TV-Kritik zur RBB-Serie „Warten auf’n Bus“: Hauptdarsteller ergänzen sich perfekt

Die Serie steht bereits komplett in der RBB-Mediathek. 22.4., RBB, 20.15 Uhr

Zwischendurch zeigt die Kamera (Falko Lachmund) zur Abwechslung auch mal Windräder, Nebelbilder oder Maik, wie er eine Blume anbellt. Der Vorspann schwelgt ein bisschen in grobkörniger Ostalgie, der Abspann in heruntergekommener Wartehäuschenromantik, und wenn die beiden Männer schweigen, erklingt stimmungsvolle Musik im Stil Ry Cooders (Johannes Repka); aber ansonsten dreht sich alles um die beiden Hauptdarsteller. 

Kramer, grandios in der deutschen Netflix-Serie „Dogs of Berlin“, und Zehrfeld, eigentlich immer grandios, ergänzen einander perfekt und lassen die Dialoge auch dank ihres ausgeprägten Dialekts auf famose Weise lebensecht klingen. Dass Bukowski, Kummer, Zehrfeld und Kramer ostdeutsche Wurzeln haben, versteht sich ohnehin von selbst. 

Von Tilmann P. Gangloff

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Rubriklistenbild: © rbb/Frédéric Batier

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