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TV-Kritik: Quentin Tarantinos neuestes Meisterwerk „Once Upon a Time... in Hollywood“ im ZDF

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Von: Marc Hairapetian

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Quentin Tarantinos Meisterwerk „Once Upon a Time... in Hollywood“ untergräbt jegliche Erwartungen – und liefert somit grandios ab. Der Film ist am 30. Mai erstmals im ZDF zu sehen.

Los Angeles – „Once Upon a Time... in Hollywood“: Eigentlich unfassbar, dass vor Regie- und Drehbuch-Enfant-terrible Quentin Tarantino noch kein anderer Filmemacher auf diesen Titel gekommen ist! Nach den beiden Sergio-Leone-Klassikern “Once Upon a Time in the West“ (im Original: „C´era una volta il West“, hierzulande bekannt als „Spiel mir das Lied vom Tod“, Italien /USA 1968) und „Once Upon a Time in America“ („Es war einmal in Amerika“, Italien/USA 1984) nun also ein melancholischer Abgesang auf die gegen Neue Medien wie das Fernsehen ankämpfende Traumfabrik der „Swinging Sixties“ mit einem wahrlich märchenhaften Ende, das an dieser Stelle aus Spoiler-Gründen selbstverständlich nicht verraten werden soll.

TV Ausblick ZDF - Once Upon a Time in ... Hollywood
Serienstar Rick Dalton (Leonardo DiCaprio, r) und sein Stuntman und Kumpel Cliff Booth (Brad Pitt, l) haben schon bessere Zeiten gesehen, doch sie halten zusammen wie Pech und Schwefel. Eine Szene aus „Once Upon a Time in Hollywood“ (undatierte Filmszene). © Andrew Cooper/dpa

Quentin Tarantino hat mit seinem neunten Kinofilm alle an der Nase herumgeführt, seine Fans, die Kritiker, ja, das ganze Hollywood-Establishment. Selten wurden Erwartungshaltungen so kunstvoll und unterhaltsam untergraben wie in einem der schönsten Buddie-Movies der Filmgeschichte. Im Vorfeld wurde nämlich gemutmaßt, dass es in „OUATIH“ ausschließlich um die bestialischen Morde der Manson-Family-Mitglieder Susan Atkins, Charles Watson, Patricia Krenwinkel und Linda Kasabian an der hochschwangeren Schauspielerin und Roman-Polanski-Gattin Sharon Tate, ihren Freunden Jay Sebring, Wojciech Frykowski und Abigail Folger sowie Steven Parent, der zufällig an jenem unheilvollen 9. August 1969 William Garretson, den Hausmeistersohn des Anwesens in Los Angeles, besucht hatte, gehen würde. Doch die leider Wirklichkeit gewordene Alptraum-Nacht am Cielo Drive wird „nur“ in der Schlussviertelstunde thematisiert.

„Once Upon a Time in Hollywood“ – Die Endzeit der Western-Filme

Ende der 1960er Jahre ist die große Zeit der Western in Hollywood vorbei. Das bringt die Karriere von Cowboy-Serienheld Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) gewaltig ins Straucheln. Der Ruhm seiner Hit-Serie „Bounty Law“ verblasst mehr und mehr. Gemeinsam mit seinem Stunt-Double, persönlichen Fahrer und besten Freund Cliff Booth (Brad Pitt), der mit seinem American Pit Bull Terrier Brandy in einem Trailer zusammenlebt, versucht Dalton, in der Traumfabrik zu überleben. Als ihm Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino) Hauptrollen in mehreren Spaghetti-Western anbietet, lehnt der einstige Publikumsliebling rigoros ab. Er weigert sich in Italien zu filmen, weil er von dem Sub-Genre, in dem jeder Schauspieler in seiner jeweiligen Landessprache dreht, um dann zumeist von einem anderen Akteur nachsynchronisiert zu werden, überhaupt nichts hält. So nimmt er es lieber zähneknirschend in Kauf, sich als Serien-Bösewicht-Darsteller in Hollywood verheizen zu lassen. Dazu gehört, dass er am Ende der jeweiligen Episode regelmäßig von jüngeren, aufstrebenden Darstellern vermöbelt wird.

Während also die eigene Laufbahn ins Stocken gerät, muss er auch noch mitansehen, wie neben seinem Haus der durch die gruseligen Geniestreiche „Tanz der Vampire“ (1966) und „Rosemaries Baby“ (1967) berühmt gewordene neue Star am Regie-Himmel, Roman Polanski (Rafal Zawierucha) mit seiner Frau, der Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), einzieht. Derweil will Cliff, dem die junge Pussycat (Andie MacDowells Tochter Margaret Qualley) schöne Augen macht, seinem alten Bekannten George Spahn (Bruce Dern) einen Besuch in dessen Western-Kulissenstadt abstatten. Das Hippie-Girl hat sich nämlich mit anderen Mitgliedern der berüchtigten Manson-Familie beim alten Eigenbrötler häuslich eingerichtet. Bei allem Gehabe von „Love and Peace“ wirken die langhaarigen Teenager und Tweens irgendwie unheimlich...

„Once Upon a Time... in Hollywood“ – Brad Pitt wird zum Sympathieträger

„Once Upon a Time... in Hollywood“ hat eigentlich keine richtige Handlung. Und das genau ist seine Stärke! Minutenlang sieht man Brad Pitt mit oder ohne Leonardo DiCaprio in Ricks schicken Sportwagen durch LA und Umgebung fahren. Mal verrichtet er für ihn Handwerkerarbeiten wie das Richten der Fernsehantenne auf dem Dach (wobei er einen gewisser Charles Manson - hier gemimt von Damon Herriman - dabei beobachtet, wie dieser vergeblich versucht, den inzwischen weggezogenen Musikproduzenten Terry Melcher in Polanskis/Tates Domizil zu kontaktieren). Dann liefert er sich nach einem Wortgefecht mit Bruce Lee (Mike Moh) einen kleinen, aber heftigen Kung-Fu-Fight (Lees wirkliche Tochter Shannon war über die Szene sehr erbost, weil ihr Vater hier arrogant herüberkommt). Wenig später kümmert er sich wieder liebevoll um seinen Hund Brandy, welcher 2019 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes zu Recht mit dem Palm Dog Award ausgezeichnet wurde.

Brad Pitt sieht mit Mitte 50 wie ein blondierter Charles Bronson aus. Es fehlt nur noch, dass er die Mundharmonika an die Lippen setzt. Er ist eindeutig der Sympathieträger, obwohl ihm die Branche unterstellt, seine zänkische Frau bei einer Bootsfahrt umgebracht zu haben: Ein Seitenhieb auf den bis heute ungeklärten Tod von Schauspielerin Natalie Wood im Jahr 1981, bei dem ihr Gatte, „Prinz Eisenherz“ und „Hart aber herzlich“-Hauptdarsteller Robert Wagner, des Mordes verdächtigt wurde. Nichtsdestotrotz nimmt Pitt einen mehr für sich ein, als es noch in Quentin Tarantinos einzigem wirklich missratenen Film „Inglorious Basterds“ (2009) der Fall war. So einen Freund wünscht man sich auch im realen Leben zur Seite! Männlich und besonnen, jemand der anpacken kann und einen auch in Krisensituationen tatkräftig zur Seite steht. In diesem Fall ist das Leo DiCaprio, der Mut zum Gefühl zeigt und versucht, sein (filmisches) Alkoholproblem in den Griff zu kriegen. Er wächst in der Figur des Schauspielers Rick Dalton über sich hinaus, als er, nachdem er diverse Szenen am Set, geschmissen hat, die beste schauspielerische Leistung seines Lebens abliefert. Dies wird ihm von seiner süßen, aber etwas altklugen achtjährigen (!) Filmpartnerin Trudi (kleines Mädchen ganz GROSS: Julia Butters) bestätigt und rührt nicht nur ihn, sondern auch den Kino-Zuschauer zu Tränen.

„Once Upon a Time... in Hollywood“ schafft einen stimmigen Männerbund wie lange nicht mehr

 „Once Upon a Time... in Hollywood“ ist also vor allem ein Film über die Freundschaft. Seit Oskar Werner und Henri Serre in François Truffauts Nouvelle-Vague-Meilenstein „Jules et Jim“ („Jules und Jim“, Frankreich 1962) und Alain Delon und Lino Ventura in Robert Enricos romantischen Reißer „Les Aventuriers“ („Die Abenteurer“, Frankreich/Italien 1967) hat man keinen stimmigeren Männerbund auf der Leinwand mehr gesehen. Im Gegensatz zu diesem beiden Klassikern der 1960er Jahre ist „OUATIH“, der bereits jetzt als Klassiker der ausgehenden Zehner des neuen Jahrtausends bezeichnet werden kann, kein Film über eine ménage à trois, eine Liebe zu dritt. Dennoch spielt eine Frau eine der drei Hauptrollen: Die hinreißende Margot Robbie verkörpert Sharon Tate auf kongeniale Weise. Allein die Szene, in der sie in einem Lichtspielhaus ihre eigene Agenten-Komödie „The Wrecking Crew“ („Rollkommando“, USA 1968) betrachtet (also darin die echte Sharon Tate) und die positiven Reaktionen des sie nicht in der Vorführung vermutenden Publikums bei ihrer gewonnenen Kung-Fu-Auseinandersetzung mit Nancy Kwan beseelt lächelnd genießt, sind von einer unschuldigen Reinheit, die man so von Quentin Tarantino nicht vermutet hätte. Vielleicht liegt es daran, dass er seit dem 28. November 2018 mit der Sängerin Daniella Pick, die er 2009 bei der Präsentation von „Inglorious Basterds“ in Israel kennenlernte, verheiratet ist und das glückliche Paar - nach der Geburt von Sohn Leo im Februar 2020 - demnächst erneut Nachwuchs erwartet.

„Once Upon a Time... in Hollywood“ hat alle Zutaten, die einen echten Tarantino auszeichnen: Große Stars in gelinde gesagt unorthodoxen Rollen, ausgelassene Tanzszenen, Nahaufnahmen von schönen Frauenfüßen, coole Musik, witzige Dialoge und Gewaltausbrüche, die allerdings diesmal stark dosiert, fast nur am Ende der 161 niemals langweiligen Minuten Spielzeit, umso heftiger über einen hereinbrechen. Dennoch ist „OUATIH“ anders als alle seine bisherigen Filme: Reifer, menschlicher und berührender, ohne dabei ins Kitschige abzugleiten. Auch formal ist der Film meisterlich gestaltet: Ohne es historisch allzu genau zu nehmen, erschafft Quentin Tarantino mit exquisiten Sets seine ganz eigene Version der Traumfabrik im Jahr 1969.

Quentin Tarantino möchte Aufhören bevor „ich (…) nur noch Mittelmaß herunterkurbele“

Sein Stammkameramann seit „Kill Bill -Volume 1 & 2“(2003 / 2004), der dreifache Oscar-Preisträger Robert Richardson („JFK“, „Aviator“, „Hugo Cabret“), liefert dazu perfekt passende, elegante 35-mm-Bilder, die mit einem tollen 1960er-Jahre-Soundtrack von Neil Diamond und José Feliciano über The Mamas and The Papas und Deep Purple bis zu wirklich originell-mitreißenden Werbe-Melodien à la “Suddenly / Heaven Sent” (Harold E. Weed / Dana Classic Fragrances) oder „Summer Blonde“ (Coty Inc.) unterlegt werden. Die Musik erklingt fast ausschließlich aus dem auf den LA-Mittelwelle-Sender KHJ („Kindness, Happiness and Joy“) eingestellten Autoradio bei Brad Pitts Fahrten. Natürlich ist die liebevoll-groteske Hommage voll von Anspielungen und Zitaten aus der Filmgeschichte: So montiert Tarantino in einer Rückblende Leonardo DiCaprio bei einem vermeintlichen Casting anstelle von Steve McQueen an die Seite von Hannes Messemer in John Sturges´ Ausbruchsdrama „The Great Escape“ („Gesprengte Ketten“, USA 1963), Leuchtbild-Kinoreklamen und Filmposter dominieren das Stadtbild wobei die deutsche Sex-Bombe Elke Sommer gleich mehrfach vertreten ist („They Came to Rob Las Vegas“ und wie schon erwähnt „The Wrecking Crew”).

Quentin Tarantino und Marc Hairapetian.
Quentin Tarantino und Marc Hairapetian. © Nikias Cryssos

Dies ist also Quentin Tarantinos neunter Film. Er hatte immer wieder verkündet, dass er nur noch einen weiteren drehen will. Wir kennen uns seit 2008 und ich hatte Gelegenheit, mit ihm darüber zu sprechen. Bleibt es also dabei? „Sicher.“, entgegnete er mir, um salomonisch auszuführen: „Das ist eine gute Zahl. Besser ich trete als Regisseur auf dem Höhepunkt meiner Schaffenskraft ab, als dass ich als alter Sack nur noch Mittelmaß herunterkurbele. Ab 60 möchte ich lieber Romane schreiben. Die können dann ja andere verfilmen, wenn sie mir ein gutes Konzept dafür unterbreiten.“ Er ist jetzt 59. Ein Jahr bleibt ihm also noch, dieses Meisterwerk, seine beste Regiearbeit zusammen mit „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ (2011er-Langfassung der beiden Teile) überhaupt, zu übertreffen. So oder so wird es dann in jedem Fall heißen: Es war einmal in Hollywood... Quentin Tarantino! (Marc Hairapetian)

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