Obdachlos - Einzug in ein neues Leben
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Helmut (links, 62) ist heroinabhängig und schläft trotz eisiger Kälte im Freien.

Dokumentarreihe

TV-Kritik: „Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“ (Vox) zeigt gravierendes gesellschaftliches Problem

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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TV-Kritik „Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“: Vox widmet sich mit der dreiteiligen Dokumentarreihe Themen jenseits von „Shopping Queen“ und „Promi-Dinner“.

  • Vox zeigt mit „Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“ eine dreiteilige Langzeitbeobachtung
  • Über ein Jahr begleitete ein Team sechs Obdachlose im Raum Düsseldorf
  • Produziert wurde sie von der Produktionsfirma von Günther Jauch

Günther Jauchs Produktionsfirma i & u ist bekannt für Unterhaltungsformate wie „Die ultimative Chartsshow“ und nicht zuletzt diverse Rate- und Spielshows, in denen häufig Jauch selbst zum Einsatz kommt. So wenn er in „Denn sie wissen nicht, was passiert – Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show“ den Kollegen Thomas Gottschalk zum Wettstreit bittet oder die Frage „Bin ich schlauer als Günther Jauch?“ klären lässt. Auch Reportagen, Dokumentationen, das Boulevardmagazin „stern tv“ gehören zum Portfolio des Unternehmens.

Bei Vox startet jetzt neu die von i&u produzierte dreiteilige Langzeitbeobachtung „Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“. Über ein Jahr begleitete ein Team um den Headautor Oliver Krämer sechs Obdachlose unterschiedlichen Alters im Raum Düsseldorf.

„Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“ auf Vox: Kunstwerke von Helge Schneider und Dieter Nuhr

Den Protagonisten gemeinsam ist die Betreuung durch die Sozialarbeiter des Projekts fiftyfifty des gemeinnützigen Vereins Asphalt e. V., der auch die gleichnamige Zeitschrift herausgibt. Sie wird von Obdachlosen verkauft, die die Hälfte der Einnahmen behalten. Im Ausland bereits erfolgreich erprobt, in Deutschland noch relativ jung ist das Konzept „Housing First“. Es basiert auf der Erfahrung, dass Obdachlose leichter in ein geregeltes Leben zurückfinden, wenn sie eine eigene Wohnung und damit eine feste Basis haben. 

Fiftyfifty erwirbt Wohnungen und stellt sie Bedürftigen voraussetzungslos zur Verfügung. Die nötigen Geldmittel werden unter anderem durch den Verkauf gespendeter Werke namhafter Künstlerinnen und Künstler erwirtschaftet. Im Angebot waren oder sind Arbeiten von Georg Baselitz, Andreas Gursky und Markus Lüpertz, von Helge Schneider und Dieter Nuhr. 

Ein weiterer Schauplatz der Dokumentarreihe ist die von der Diakonie unterhaltene Tagesstätte „Shelter“, wo Obdachlose unter anderem duschen und günstig essen sowie medizinische Hilfe in Anspruch nehmen können.

„Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“ auf Vox: Die Abwärtsspirale

In der ersten Folge – inklusive Werbung 115 Minuten lang – werden die Protagonisten ausführlich vorgestellt. Der 62-jährige Helmut ist einer von ihnen. Ein eingeblendeter kurzer Steckbrief fasst zusammen: acht Jahre auf der Straße, keine Kinder. Helmuts Absturz begann, nach seinen Worten, mit der Untreue seiner früheren Ehefrau. Es folgte die Abwärtsspirale: Drogen, Kriminalität, Haftstrafen. Drogenabhängig ist er noch immer, hat eine Entgiftung hinter sich, wurde in einer depressiven Phase rückfällig. Er hofft inständig auf Veränderung, möchte sein „Dasein“ in ein „Leben“ verwandeln, wie er treffend formuliert.

„Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“ auf Vox: Die Räumung droht

Ähnlich ergeht es zehn Obdachlosen, die am Düsseldorfer Kulturzentrum NRW-Forum ein kleines Zeltlager aufgebaut haben. Zum Schutz gegen die winterliche Kälte, aber auch gegen Überfälle. Die Obdachlosen werden oft Opfer von Beschaffungskriminalität, aber auch von Überfällen, die aus purer Lust an der Gewalt verübt werden. Während der Dreharbeiten droht die Räumung. Ein Ausweichquartier ist zunächst nicht in Sicht. Gelegentlich gibt es Fragen aus dem Off, aber immer berichten die Obdachlosen selbst. 

Viele haben schmerzhafte Dinge erlebt. Die 36-jährige Nici erlebte eine von Streit und Gewalt geprägte Kindheit, Ela wurde von der eigenen Mutter auf den Strich geschickt. Eine Erfahrung, die sie nur mit harten Drogen bewältigen konnte. Inzwischen ist sie 45 und schwer alkoholabhängig, so wie auch ihr 45-jähriger Lebensgefährte Heiko. Der 28-jährige Chris nimmt keine Drogen, leidet aber unter Depressionen und zeltet in bewusst gesuchter Einsamkeit auf einem ehemaligen Bahngelände.

„Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“ (Vox): Neue Hoffnung

Die Kamera ist dabei, wenn die Obdachlosen Schlafplätze suchen, betteln oder Zeitungen verkaufen. Sie zeigt, wie die Protagonisten bemüht sind, in der Not ein wenig Würde zu wahren, der Verwahrlosung entgegenzuwirken. Sie halten auf Ordnung, duschen regelmäßig. Ein wöchentlicher Waschtag ist für Nici selbstverständlich. 

Erklärungen zur Situation der Menschen, die auf der Straße leben, kommen von den Sozialarbeitern Oliver Ongaro und Julia von Lindern, die unter anderem für das „Housing First“-Projekt zuständig sind. Sie können Helmut, Nici, Ele und einigen anderen zu einer Wohnung verhelfen. Ob es den Betroffenen gelingt, nach langen Jahren auf der Straße und mit angegriffener Gesundheit tatsächlich einen geregelten Alltag zu entwickeln, werden erst die weiteren Folgen, die vorab nicht zur Verfügung standen, zeigen.

„Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“ (Vox): Zugängliche Dramaturgie

Dramaturgisch folgt „Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“ dem Zopfschema, wie es im Genre des seriellen Melodrams, auch „Soap Opera“ genannt, üblich ist. Die Dokumentation teilt sich in kurze Erzähleinheiten, die Regie blendet immer wieder zwischen den Protagonisten hin und her. Bei der Länge der Sequenzen wurde ein ausgewogenes Maß gefunden: jeweils ausreichend zum Verständnis der jeweils geschilderten Situation, dabei nie von penetranter Überlänge, insofern zugänglich und gut zu verfolgen. 

Bei aller erkennbaren Sorgfalt ließe sich den Produzenten Elends- respektive Sozialvoyeurismus vorwerfen. Dies liegt in der Natur des Themas. Die Alternative wäre, die Scheuklappen aufzusetzen und ein gravierendes gesellschaftliches Problem – die in den letzten Jahren stetig gestiegene Zahl der Obdachlosen wird aktuell auf 680.000 geschätzt – zu ignorieren. Lobenswert, dass der Sender Vox, in dessen Programm sich sonst eher der Mittel- und Oberschichtskonsumismus abbildet, es nicht tut.

„Obdachlos – Einzug in ein neues Leben“, Dienstag, 11.2., 20:15 Uhr, Vox

Von Harald Keller

TV-Kritik „Über die Grenze: Racheengel“ (ARD): Der dritte Film aus der Krimireihe über die Arbeit einer deutsch-französischen Ermittlergruppe ist ein hochklassiger Hochspannungs-Thriller.

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