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ZDF Magazin Royale: Böhmermann liefert keine Sternstunde – trifft aber wunden Punkt 

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Von: Sandra Kathe

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In seiner ZDF-Sendung Magazin Royale beschäftigt sich Comedian Jan Böhmermann mit aktuellen Themen.
In seiner ZDF-Sendung Magazin Royale beschäftigt sich Comedian Jan Böhmermann mit aktuellen Themen. Diesmal: Peter Thiel, der neue Chef von Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz. © Jens Koch/ZDF

Im ZDF Magazin Royale nimmt sich Jan Böhmermann den US-Investor und Milliardär Peter Thiel und dessen Tech-Firma Palantir vor. Die TV-Kritik.

Köln - Immer mal wieder passieren Sternstunden, in denen Late-Night-Formate Skandale enthüllen und schier Unbegreifliches aufdecken, in denen Zusammenhänge plötzlich klar werden und Kompliziertes ganz einfach. Um es kurz zu machen: Jan Böhmermanns Ausgabe des ZDF Magazin Royale vom Freitag (11.02.2022) war keine davon. Aber – und das kann man auch würdigen – sie kam dennoch auf einige Aspekte um den US-Investor und Trump-Unterstützer Peter Thiel zu sprechen, die in der Öffentlichkeit gerne größere Beachtung finden dürften.

SendungZDF Magazin Royale
BesetzungJan Böhmermann
GenreLate-Night-Show, Satire, Comedy
AusstrahlungsturnusJeden Freitag, 23.00 Uhr

Thiel ist in Böhmermanns Narrativ eine Art republikanischer „James Bond“-Bösewicht, der sich Menschenblut spritzen lassen und in schwimmende Inselstaaten investieren will, in denen die bösen Themen wie Waffengesetze, Mindestlohn und jegliche Form von Sozialhilfen der Vergangenheit angehören. Außerdem ist er Multi-Milliardär und als solcher immer wieder als Wahlkampf-Unterstützer von Donald Trump sowie mehrerer erzkonservativer Republikaner aufgefallen. Und jetzt holt er eben auch Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz als „Global Strategist“ in sein Firmenimperium Thiel Capital.

ZDF Magazin Royale: Böhmermann nimmt sich Paypal-Mitgründer Thiel an

Nun kann man argumentieren, dass das alles ja mehr oder weniger Zeitgeist ist und sich einfach früher oder später alles findet, was sich finden soll – ein bisschen Angst und Bange kann einem bei allem was Jan Böhmermann in seinem Beitrag über Thiel aus US-Medien zitiert, in Videoausschnitten zeigt oder am Ende der Ausgabe singend in bestem James Bond-Titelmusikstil zum Besten gibt, allerdings schon werden.

Der gebürtige Frankfurter Thiel, der mit seiner Familie im Alter von einem Jahr in die USA auswanderte, studierte Philosophie in Stanford, hob dann gemeinsam mit Tesla- und SpaceX-Gründer Elon Musk das Fintech-Unternehmen Paypal aus der Taufe und wurde bis zur Übernahme des Unternehmens durch Ebay, die Thiel wie Musk steinreich machte, dessen CEO. Musk ist seinem Image als Innovator treu geblieben, Thiel zog es Richtung Kapitalanlagen und als ersten Investor zu Facebook, dem heutigen Meta-Konzern. Seine wohl 2,7 Milliarden Dollar Reinvermögen machen Thiel wohl zu einem der reichsten Männer Amerikas. Und wo Geld ist, ist natürlich auch Macht nicht weit.

ZDF Magazin Royale mit Jan Böhmermann: Peter Thiel unterstützte Donald Trump

Dabei macht Thiel keinen Hehl daraus, dass ihm an ernsthafter Politik streng genommen wenig gelegen ist, Böhmermann zitiert dazu eine Interview-Aussage Thiels, nach der Jesus Christus ja auch „extrem skeptisch“ gegenüber der Politik gewesen sei. Passenderweise unterstützt er deswegen auch den selbsternannten Erlöser Donald Trump und andere radikal konservativen Republikaner, die von Konzepten wie Politik, Demokratie oder Staatsgewalt ein, sagen wir, kreatives Verständnis haben. Das macht ihn zu einem der wohl wichtigsten und kaum sichtbaren Einflüsse der US-amerikanischen „Alt-Right“-Bewegung.

Und ebenfalls ähnlich wie Donald Trump ist Thiel einer, den man trotz allem unvorsichtigerweise unterschätzt, einfach weil er teilweise Dinge sagt und tut, die so unglaublich, so aberwitzig und so satirisch sind, dass sie einfach nicht wahr sein können. Thiel investierte laut Berichten der Washington Post eine Millionensummen „in den Bau schwimmender Mikrostaaten“, also Inseln, auf denen „mit alternativen Regierungsformen“ experimentiert werden solle. Dazu soll Thiel Interesse daran geäußert haben, sich durchs Spritzen von Menschenblut therapieren zu lassen und an einem Urzeit-Renaissance-Projekt beteiligt sein, das Mammuts züchten will. Was man dabei gern vergisst: Als Donald Trump 2016 die Wahl gewann, verging einem auch schonmal das Lachen.

ZDF Magazin Royale mit Jan Böhmermann: Das steckt hinter Palantir Technologies

Fürs ZDF-Publikum ist Thiel vor allem aus einem Grund spannend und relevant, weil eins seiner Projekte dann doch etwas mehr ist als ein pseudo-endzeitliches Hirngespinst, obwohl die Idee sogar auf eine rote „Riesenmurmel“ in J.R.R. Tolkiens Fantasy-Saga „Herr der Ringe“ zurückgeht. Thiels Firma Palantir Technologies, benannt nach der Kristallkugel, die der böse Zauberer Saruman verwendet, um vorrangig seine Gegner auszuspähen, ist nämlich nicht nur wenig subtil in Sachen Namensgebung. Das Unternehmen, das sich auf die Analyse, Verknüpfung und Nutzung großer Datenmengen spezialisiert, ist auch ziemlich firm in Sachen Kundenakquise und damit in Deutschland aktiv. „Big Money is watching you...“, und es versucht noch nicht mal so zu tun als würde es wegschauen. Na schönen Dank auch.

ZDF Magazin Royale

Die Late-Night-Show mit Jan Böhmermann läuft jeden Freitag um 23.00 Uhr im ZDF. Hier können Sie die Folge in der Mediathek sehen.

Das im Jahr 2004 gegründete Unternehmen arbeitet in den USA bereits mit etlichen Sicherheitsbehörden zusammen, laut den Recherchen von Böhmermanns Team soll Palantir etwa die Polizeibehörde LAPD in Los Angeles dabei unterstützt haben, „rassistische Polizeiarbeit zu rechtfertigen“. Und so sehr man glauben möchte, dass die strengen Datenschutzgrundlagen in der EU das verhindern müssen, nachdem sie Thiels „Lieblingskind“ Meta zuletzt dazu gebracht haben, sich schmollend unter die stille Treppe zurückzuziehen und laut schniefend mit dem Rückzug aus Europa zu drohen, wäre es natürlich vermessen und naiv. Good News: Die Polizei in Hessen nutzt Teile der Palantir-Technologie bereits seit Jahren. Das birgt Risiken, so sehr es sie auch nach Unternehmensangaben aus dem Weg schaffen soll.

Und so hat Jan Böhmermann bei allen fehlenden Schockmomenten und unfassbaren Aufdeckungen in seiner aktuellen Sendung eben doch einen wunden Punkt erwischt, zumal es sich abzeichnet, dass – eigentlich auch keine Überraschung mehr – schon etliche Bundesministerien gesteigertes Interesse an einer Zusammenarbeit mit Palantir zeigen. Böhmermann: „Es ist eine fantastische Idee, dass deutsche Sicherheitsbehörden und Bundesministerien unsere nationale kritische Sicherheitsinfrastruktur in die vertrauenswürdigen Hände eines Mannes legen, der unsterbliche rechtsextreme Schachmammuts klonen möchte“. Ironiemodus aus. (Sandra Kathe)

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