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Jacqueline trinkt nicht mehr.

37-Grad-Dokumentation

„Ohne Hilfe ist das etwas schwierig“

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So lang wie möglich unauffällig: „Mein stiller Freund“, eine 37-Grad-Dokumentation über Alkoholabhängigkeit bei Frauen.

Alkoholabhängige, überhaupt trinkende Frauen unterliegen einer strengen, womöglich besonders strengen Beurteilung. Das ist irritierend und erklärt sich nur zum Teil dadurch, dass sie immer noch etwas seltener sind als trinkende Männer, denn es gibt Männer, die bei einem Bierchen über trinkende Frauen sprechen können, als ginge dadurch gewiss die Gesellschaft zugrunde. Auch der sympathische Bekannte findet es voller Interesse „traurig“, wie viele Frauen sich freitagabends im Supermarkt mit Sekt eindeckten. Komischer Supermarkt, jedenfalls sieht man, dass dezentes Verhalten Frauen hier nicht weiterbringt. Indezentes Verhalten erst recht nicht. Die strenge Beurteilung von Frauen mit Blick auf Alkohol ist ein Spiegel der strengen Beurteilung von Frauen insgesamt, wenn es um Selbstbeherrschung und Appetitlichkeit geht. Mag sein, dass das im Wandel begriffen ist (das Alter des sympathischen Bekannten spricht nicht dafür), die Zahl der Betroffenen steigt jedenfalls.

Ein Alkoholtest am Arbeitsplatz

Zwei davon stellt Walter Kriegs neuer Beitrag zur ZDF-Reihe „37 Grad“ vor. Claudia, 51, fühlt sich einsam und durch den Tod von Schwester und Mutter zusätzlich aus dem Gleis geworfen. Jacqueline, 49, ist verheiratet, arbeitet und hat erwachsene Kinder. Krieg präsentiert die beiden im Kontrast, aber sie ähneln sich nicht nur durch ihr Alter und das Gefühl von Einsamkeit, das auch Jacqueline ankommen kann, wenn ihr Mann auf der Ölplattform ist. Sie sind auch beide stille Trinkerinnen, Jacqueline nach 15 Jahren trocken, Claudia am Ende des Films nach einer neuerlichen Entziehungskur wieder rückfällig. Es ist beeindruckend, dass Jacqueline trotz fünf bis sechs Flaschen Wein am Tag ein einigermaßen unauffälliges Leben führen konnte (die Stimme des Fragers aus dem Off wundert sich vor allem über die Menge). Schon der Einkauf im Ort ist schwierig. Dazu eine wohlgesonnene, dann aber doch nicht blinde Umgebung, darunter die Mutter, die selbst einen alkoholkranken Vater hatte und es nicht wagt, die Tochter direkt anzusprechen.

Jacqueline kann selbst beherzt darüber sprechen – etwa über die Peinlichkeit, dass sie sich schließlich am Arbeitsplatz einem Alkoholtest unterziehen muss. Auch die logischerweise labiler wirkende Claudia bemüht sich darum. Das Unbehagen entsteht vielleicht gerade dadurch, dass der Versuch beider Frauen und ihrer Umgebung, offen zu sein, offen Auskunft zu geben, dann trotzdem so wenig Neues oder Unerwartetes zutage fördert. „Keiner hat was vermutet“, heißt es dann, oder „Ohne Hilfe ist das etwas schwierig“. Man kann das nur allzu leicht nachvollziehen. Während sich Krieg bemüht, dicht an den Frauen zu bleiben (kaum Statistiken, kaum Experten), dokumentiert „Mein stiller Freund“ gewissermaßen, dass das Exemplarische auch zu exemplarisch sein kann. Und dass man sich als Zuschauerin wie eine Voyeurin fühlen kann, weil das, was hier zu erfahren ist, die Indiskretion des Hinguckens nicht ausgleicht.

„Mein stiller Freund – Warum Frauen trinken“, ZDF, 22.15 Uhr.

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