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Sahra Wagenkecht gegen die westliche Welt

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Von: Marc Hairapetian

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Markus Lanz und seine Gäste am 19. Mai.
Markus Lanz und seine Gäste am 19. Mai. (Screenshot) © ZDF

Am Donnerstagabend dreht sich bei Markus Lanz fasst alles um den Ukraine-Krieg – und um Sahra Wagenknecht. Die TV-Kritik.

Berlin – Die Mannschaft von Eintracht Frankfurt hat am Mittwochabend die historische Chance genutzt und die UEFA Europa League nach 42 Jahren wieder an den Main geholt - für den Verein, für das im März verstorbene Idol Jürgen Grabowski, für die Fans, für die Region, ja für ganz Deutschland. 

Und Markus Lanz hat eine historische Chance verpasst. 200.000 Menschen feiern tags darauf auf und um den Römer mit Spielern zum Anfassen. Eintracht Frankfurt international in der ersten multikulturellen Stadt hierzulande. Wenige Monate zuvor wäre so ein Zusammensein wegen der Corona-Pandemie gar nicht möglich gewesen. Und Markus Lanz spricht in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, knapp 24 Stunden nach dem Triumph gegen die Glasgow Rangers in Sevilla, nicht über die hessischen Fußball-Helden, sondern über - durchaus relevante - andere Gesprächsinhalte, die man allerdings auch in einer der nächsten Sendungen abhandeln könnte.

Markus Lanz versucht, Sahra Wagenknecht auflaufen zu lassen

Wie dem auch sei, geht es in seiner Talkshow, die zwei Jahre lang fast ausschließlich die Pandemie zum Thema hat und nun durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine ersetzt wird, hoch her. Der smarte Südtiroler betätigt sich diesmal quasi als Agent Provocateur, lädt er doch Politikerin und Publizistin Sahra Wagenknecht (DIE LINKE), die selbst als Provokateurin gilt, in seine Sendung ein, um zu versuchen, sie auflaufen zu lassen.

Tatkräftige Unterstützung erhält er dabei von den restlichen Gästen in Gestalt von dem stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Johannes Vogel, Bild-Journalist Paul Ronzheimer und Politologin Daniela Schwarzer, die der immer elegant gestylte Rhetorikern wiederholt ins Wort fallen. Diese lässt das natürlich nicht auf sich sitzen und revanchiert sich in ähnlicher Manier. Alle gegen eine und Sahra Wagenknecht gegen den Rest der westlichen Welt. Für Unterhaltung ist also gesorgt, auch wenn die Debattierrunde kaum neue Erkenntnisse zu Tage fördert.

„Markus Lanz“ im ZDFZu Gast am 19. Mai 2022
Sahra WagenknechtPolitikerin (DIE LINKE)
Johannes VogelPolitiker (stellvertretender FDP-Vorsitzender)
Daniela SchwarzerPolitologin (Executive Director der Open Society Foundations)
Paul RonzheimerJournalist (stellvertretender BILD-Chefredakteur)

Sahra Wagenknecht übernimmt fast wortgetreu die Propaganda im russischen Fernsehen

Schon zum Auftakt bescheinigt der Moderator der ehemaligen stellvertretenden Parteivorsitzenden von DIE LINKE einen „erfrischend einseitigen Blick“ auf den Ukraine-Krieg. Und dann fragt er sie, ob „wir vielleicht tatsächlich die eine oder andere Perspektive verändern müssen, um dieses Blutvergießen endlich zu beenden“.

Sahra Wagenknecht lässt sich nicht lumpen und haut eine These nach der anderen heraus, die Markus Lanz und Co. vor den Kopf stößt: Der Ukraine-Krieg sei doch in erster Linie „ein geopolitischer Konflikt zwischen Russland und den USA“. Wladimir Putin wolle dies natürlich nicht hinnehmen, „dass auch die Ukraine Teil der amerikanischen Einflusszone ist“. Die USA hätten nämlich das von Russland attackierte einstige Bruderland „Schritt für Schritt immer mehr in die militärischen Strukturen der NATO integriert“. Und dann übernimmt sie fast wortgetreu die Propaganda im russischen Fernsehen: Es sei durchaus verständlich, dass Russland keine westlichen Militärbasen in der Ukraine wolle, wo deren „Raketen Moskau in fünf Minuten erreichen können.“

Sahra Wagenknecht wehrt sich gegen Kritik

Bei derlei Ausführungen platzt Johannes Vogel der Kragen: „Frau Wagenkechts Welt ist ja immer sehr einfach“. Frei nach dem Motto „Putin gut, USA schlecht“. Und: Es würden „nicht Raketen vor Moskau stehen, sondern russischen Panzer in der Ukraine“. In Wirklichkeit ist aber Sahra Wagenknechts Haltung zum Ukraine-Krieg gar nicht so weit entfernt vom Rest der Runde. Entscheidend sei doch, „dass dieser Krieg schnellstmöglich beendet wird“. Sie weist Johannes Vogels Vorwurf Wladimir Putins Propaganda im russischen Fernsehen bei Markus Lanz fortzuführen entschieden zurück. Das sei eine „Unterstellung“: „Ich finde diesen Krieg bestialisch.“

Sie geißelt „zugegebenermaßen die wirre nationalistische Rede Putins“ und seinen „korrupten Oligarchen-Kommunismus“. Allerdings kann sie sich eine Spitze gegen das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ nicht verkneifen. Sie wünsche sich, dass „alle, die jetzt diesen Krieg so wortreich verurteilen, hätten mit gleicher Intensität und mit gleicher Moralität auch den Irak-Krieg, den Afghanistan-Krieg, den Libyen-Krieg, all die Kriege mitverurteilt, die früher geführt wurden und wo vor allem die USA und ihre Verbündeten die Kriegführenden waren“.

Markus Lanz nimmt Sahra Wagenknecht ins „Kreuzverhör“

„Fatal“, nennt Johannes Vogel daraufhin Sahra Wagenknechts Standpunkt. Die Ukraine habe bereits 1994, im Jahr ihrer Unabhängigkeit also, gegen Sicherheitsgarantien freiwillig all ihre Atomwaffen abgegeben. Paul Ronzheimer, der als Kriegsberichterstatter für BILD aus vielen Krisenregionen berichtet hat, fordert deshalb die linke deutsche Politikerin mit iranischen Wurzeln auf : „Putin kann diesen Krieg sofort beenden. Ich kann Ihnen nur raten, fahren Sie mal mit mir in die Ukraine.“ Er habe dort Freunde wie einen Fox-News-Kameramann, mit dem er morgens noch gefrühstückt hätte und der Abends bei russischen Beschuss ums Leben gekommen wäre, verloren: „Es sind schon so viele gestorben.“

Markus Lanz nimmt Sahra Wagenknecht nun ins “Kreuzverhör“. Ob es aus ihrer Sicht gut sei, wenn sich die Russen „von der Krim und aus dem Donbass zurückziehen“, möchten von ihr wissen: „Meine Frage kann man mit ja oder nein beantworten …“, stellt er ihr eine Suggestiv-Frage. Sichtlich unter Druck gesetzt, lässt sie sich nur die etwas schwammige Antwort entlocken, dass sie dies nicht für nicht realistisch halte.

Sahra Wagenknecht macht einen gedanklichen Fehler

Daniela Schwarzer, Executive Director der Open Society Foundations in Europa und Eurasien, stöhnt bei Sahra Wagenknechts Ausführungen mehrfach auf, weswegen ihr Markus Lanz augenzwinkernd eine Sauerstoffmaske anbietet. Für sie steht es außer Frage zum Zustand vor der russischen Annexion der Krim und vor dem Angriff im Osten der Ukraine zurückzugehen, denn “was heute politisch realistisch ist, das müssen wir zunächst mal Kiew fragen“. Die Ukraine sei „ein souveräner Staat und als solchen müssen wir ihn auch behandeln“. Für die russische Sicht hat sie keinerlei Verständnis: „Ein Teil russischer Propaganda ist, sich immer in die Opferrolle zu bringen.“

Dann macht Sahra Wagenknecht, die bisher eine passable Figur abgegeben hat, einen gedanklichen Fehler. Man habe im März bei Friedensgesprächen in Istanbul schon kurz vor einem Waffenstillstand gestanden. Durch die Gräuel von Butscha sei die Ukraine von den Verhandlungen aber zurückgetreten, anstatt da „erst recht“ weiter Kooperationsbereitschaft zu zeigen.

Zur Sendung

„Markus Lanz“ vom 19. Mai 2022 um 22:15 Uhr im ZDF. Die Sendung in der ZDF-Mediathek.

Johannes Vogel ist fassungslos: „Der Ukraine zu sagen, sie solle jetzt mal verhandeln, während ihre Bevölkerung massakriert, vergewaltigt und hingerichtet wird“, das halte er für „abstrus“. Das Ziel müsse doch sein, die Ukraine militärisch in die Position zu versetzen, „dass sie ernsthaft verhandeln kann und nicht zu Putins Bedingungen“. Rückendeckung erhält er von Daniela Schwarzer: „Voraussetzung für jede Friedensverhandlung ist zunächst einmal die Einstellung von Kampfhandlungen.“ Diese widersprach auch der Vorstellung, dass die USA ein Interesse daran hätten, dass der Krieg in der Ukraine sich in die Lange ziehen sollte. Die Joe-Biden-Administration müsse sich nämlich innenpolitisch für die enormen Ausgaben rechtfertigen.

Markus Lanz wirft Sahra Wagenknecht „Whataboutism“ vor

Bei „aller Wertschätzung“ Sahra Wagenknecht gegenüber, deren Publikationen er stets aufmerksam und „häufig auch mit Gewinn“ lese, kritisiert Markus Lanz nun vehement den von ihr immer wiederkehrenden „Sound“, dass „am Ende immer die Amerikaner“ Schuld an allem und jenem hätten. Die Vielgescholtene setzt freundlich lächelnd noch einen drauf: Den geplanten NATO-Beitritt von Finnland und Schweden brandmarkt sie als „völlig unnütze weitere Eskalation des Konflikts“. Für sie ist das Atlantische Bündnis ein „Instrument amerikanischer Interessen“.

Als sie von Finnland auf die südpazifische Inselgruppe der Salomonen, denen die USA nun wegen eines Sicherheitsabkommens mit der Volksrepublik China mit einem Angriff drohen würden, zu sprechen kommt, rastet Markus Lanz endgültig aus und wirft ihr „Whataboutism vom Allerfeinsten“ vor. Er hätte aus ihren Munde gern zum Abschluss gehört, dass Putin sagen sollte: „Wir beenden diesen Wahnsinn jetzt!“ Auch dies nimmt Sahra Wagenknecht gelassen hin. Der Rest ist ihr Schweigen - bis zur nächsten Einladung bei Markus Lanz. (Marc Hairapetian) 

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