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Die Autoren recherchieren unter anderem in Südamerika und zeigen die Auswirkugen des Lithium-Booms. Hier ein Bohrturm zur Lithiumförderung.

„Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten?“, ARD

Keine Energiewende ohne Verkehrswende

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Die facettenreiche Dokumentation aus der Reihe „die story“ verdeutlicht, warum die Elektromobilität in die Sackgasse führt.

Diese Dokumentation aus der WDR-Reihe „die story im Ersten“ ist geradezu ein Musterbeispiel für die Umsetzung Hegel’scher Dialektik. Der Film beginnt mit einer These, liefert anschließend die Antithese und bietet am Schluss eine perfekte Synthese. Im Detail hat das Konstrukt zwar gewisse Schwächen, aber die Argumentationskette ist derart geschickt aufgebaut, dass sich ihr im Grunde niemand entziehen kann. Die Elektromobilität entpuppt sich allerdings auch als äußerst dankbares Thema.

Florian Schneider und Valentin Thurn beginnen mit der vor allem von der Bundesregierung vehement gestützten These, emissionsfreie Elektroautos seien für die abgasgeplagten Kommunen der einzige Ausweg, um Fahrverbote zu vermeiden. Die beiden Autoren wollen nun der Frage nachgehen, wie sauber diese Autos wirklich sind. Zur Einführung stellen sie erst mal einen Bäcker vor, der jeden Morgen mit seinem elektrisch betriebenen Fahrzeug zur Arbeit fährt. Der Mann spielt im Rest des Films allerdings keine Rolle mehr. Gleiches gilt für eine Gruppe, die sich regelmäßig zum Frühstück trifft und dabei über die Elektromobilität fachsimpelt. Größeren Erkenntnisgewinn bringen die kurzen Aussagen nicht; offenbar wirken sie bloß mit, um den Zuschauern zu signalisieren, dass sich Fahrspaß und Klimaschutz nicht ausschließen müssen.

Konzerne kommen gut weg

Im zweiten Schritt erhält die Euphorie jedoch einen kräftigen Dämpfer, denn für die Batterien der Autos werden Unmengen von Lithium benötigt. Also macht der Film einen Abstecher nach Argentinien, wo das Material in großem Stil aus Salzseen gewonnen wird; allerdings auf Kosten der Ureinwohner, denn der Vorgang kostet viel Wasser, und das ist in dieser Gegend ein äußerst knappes Gut. Der Vorgang erinnert an die Kolonialisierung Amerikas: Weil das Land den Menschen nicht „gehört“, kann die Regierung Lizenzen vergeben, während den Bauern die Felder verdorren und das Vieh verdurstet.

Das ist ein Skandal, keine Frage, aber die Botschaft wird sehr rasch deutlich. Trotzdem wird sie mehrfach wiederholt, und das nicht nur von verschiedenen Einheimischen, sondern schließlich auch noch von einer Sprecherin der Hilfsorganisation Brot für die Welt. Die Ausführlichkeit dieses Teils wirkt, als hätten Schneider und Thurn die Reise in den abgelegenen Teil Argentiniens rechtfertigen müssen: Wenn ihr schon so viel Aufwand betreibt, dann muss sich das auch im Film widerspiegeln. Dabei wäre es ungleich wirkungsvoller gewesen, wenn sie den Bäcker oder einen der Männer aus der Frühstücksgruppe mitgenommen hätten, um ihre Betroffenheit zu dokumentieren. Ein Effekt dieser Art stellt sich aber nicht mal bei der Konfrontation der deutschen Automobilhersteller mit den Fakten ein, denn deren Reaktionen sind schriftlich erfolgt und werden vorgelesen; natürlich waschen sie ihre Hände in Unschuld. Vor der Kamera äußert sich allein ein BMW-Repräsentant, aber auch der kann sich in wohlgesetzten Worten aus der Affäre ziehen.

Die Konzerne kommen ohnehin recht gut weg. Der Dieselbetrug zum Beispiel spielt keinerlei Rolle, und auch die Reichweitenangaben für die Elektroautos werden nicht hinterfragt. Stattdessen bedienen sich die Autoren fleißig bei Bildmaterial, das vermutlich aus den PR-Abteilungen der Unternehmen stammt; auf diese Weise kommt auch Tesla-Gründer Elon Musk zu Ehren. Die Politik wird ebenfalls nicht weiter behelligt; Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) darf alle Einwände gutgelaunt weglächeln. Auch der Kommentartext ist nicht immer stilsicher; in einer Erörterung hätte ein Deutschlehrer einen Satz wie „Die deutschen Hersteller geben Vollgas“ vermutlich als Phrase moniert. Sehr anschaulich sind dafür die Grafiken, mit denen Schneider und Thurn verschiedene Vorgänge illustrieren.

Ein wichtiger Beitrag zur Diskussion

Trotzdem liefert die facettenreiche Dokumentation einen wichtigen Beitrag zur Diskussion, und das nicht nur wegen der empörenden Begleiterscheinungen der Lithiumgewinnung oder dem Hinweis auf die verheerende Energiebilanz bei der Produktion der Batterien, denn es gibt ja noch den dritten Teil. Hier macht der Film deutlich, was Klimaforscher schon seit Jahren sagen: Eine Energiewende ist nicht ohne Verkehrswende möglich; und der endgültige Verkehrskollaps lässt sich nicht mit anderen, sondern nur mit weniger Autos verhindern. Das Beispiel Vilnius zeigt, wie ein Ausweg aussehen kann: In der Hauptstadt Litauens können sich die Bürger mit Hilfe einer Mobilitätsplattform darüber informieren, wie sie schnellstmöglich ohne eigenes Auto von A nach B kommen. Voraussetzung dafür ist eine Vernetzung aller nur denkbaren Angebote, Carsharing inklusive.

Die Dokumentation wäre noch besser geworden, wenn Schneider und Thurn den mittleren Teil deutlich gestrafft und der Synthese dafür mehr Raum gegeben hätten. Sie hätten zum Beispiel überprüfen können, wie sinnvoll die Anwendung der litauischen Mobilitätsplattform in einer Mega-City wie Berlin ist (wo derzeit eine entsprechende App entwickelt wird); und anstelle des E-Mobil-Frühstücksclubs vom Anfang wäre es vielleicht sinnvoller gewesen, Menschen vorzustellen, die komplett aufs Auto verzichten.

Zur Sendung

Dokumentation „Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten?“
Sendetermin TV: Montag, 3.6., ARD, 22.45 Uhr
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