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Der ehemalige Grenzsoldat Eberhard Otto an Resten des Grenzsignalzauns.

„Die jüngsten Opfer der Mauer“, ARD

Es ist nie vorbei

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Die Dokumentation erinnert an die über 30 Kinder und Jugendlichen, die durch unterlassene Hilfeleistung oder kaltblütigen Mord an der innerdeutschen Grenze ums Leben gekommen sind.

Selbst in einem Spielfilm würde der Moment für kurze Irritation sorgen, erst recht jedoch in einer Dokumentation: Plötzlich erklingt die Stimme eine Toten. Der Kunstgriff soll vermutlich für größere Identifikation und natürlich für eine gewisse Emotionalisierung sorgen, aber er wirkt deplatziert, zumal in diesem Rahmen: Der RBB-Film „Die jüngsten Opfer der Mauer“ erinnert an die über dreißig Kinder und Jugendlichen, die zwischen 1961 und 1989 an der deutsch-deutschen Grenze ums Leben gekommen sind. Sylvia Nagel und Carsten Opitz haben sich drei dieser Fälle herausgepickt und dokumentieren die Ereignisse mit Hilfe von Geschwistern, Zeugen und unmittelbar Beteiligten.

Die meisten Menschen werden beim Stichwort „Maueropfer“ vor allem an vereitelte Fluchtversuche denken, aber der Film beginnt mit Todesfällen ganz anderer Art, die jedoch auch Jahrzehnte später nicht weniger schockierend sind: In den Sechziger- und Siebzigerjahren sind am Spreeufer immer wieder kleine Kinder ins Wasser gefallen. Die Westberliner Feuerwehr traute sich aus Angst davor, beschossen zu werden, nicht ins Sperrgebiet, die Ostberliner Grenzschützer hielten sich an den Befehl, nicht einzugreifen; die Kinder sind jämmerlich ertrunken. Einer von ihnen war ein sechsjähriges italienisches Gastarbeiterkind. Dokumentationen dieser Art bedienen sich gern des durchaus fragwürdigen Mittels der szenischen Rekonstruktion, um für Spannung zu sorgen. Darauf haben Nagel und Opitz zwar verzichtet, aber stattdessen lassen sie das Kind selbst zu Wort kommen („Ich heiße Giuseppe“), was gar nicht nötig wäre, weil seine Schwester die Begleitumstände schildert. Der Vollständigkeit halber weist die Einblendung „Stimme nachgesprochen“ darauf hin, dass es sich nicht etwa um authentische Tondokumente handelt. Immerhin ist dem Autorenpaar eine angemessene und effektvolle Alternative zu den anderswo üblichen Spielszenen eingefallen: Der Film zeigt die letzten Minuten des Kindes aus Perspektive einer subjektiven Kamera.

Nach menschlichem Gerechtigkeitsempfinden handelt es sich um kaltblütigen Mord

Dieses Stilmittel sorgt auch bei den weiteren Kapiteln für eine moderate Dramatik. Sie schildern das Schicksal mehrerer Jugendlicher, die die DDR verlassen wollten. Beim zweiten Fall, als drei Fünfzehnjährige im Sommer 1962 durch die damals zum Sperrgebiet erklärte Elbe in den Westen schwimmen wollen, haben sich Grenzsoldaten ebenfalls der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht: Als einer der Jungs zu ertrinken droht, will sein Freund ihn retten, aber ein Soldat droht an, ihn zu erschießen. Dem Dritten gelingt die Flucht. Die beiden Überlebenden erzählen, wie es ihnen anschließend ergangen ist, dem einem im Westen, dem anderen in allerdings nur vergleichsweise kurzer ostdeutscher Gefangenschaft.

Den diffizilsten Fall haben sich Nagel und Opitz für den Schluss aufgehoben. Juristen mögen das Ereignis anders nennen, aber nach menschlichem Gerechtigkeitsempfinden handelt es sich um kaltblütigen Mord: Im Dezember 1979 wollen sich zwei Jugendliche aus Halle-Neustadt, ebenfalls um die 15 Jahre alt, ihren Traum vom Westen erfüllen. Sie fahren mit dem Zug in den Harz, um bei Sorge die Grenze zu überqueren, sitzen jedoch einem fatalen Irrtum auf, den TV-Zuschauer aus Spielfilmen über Fluchtversuche aus der DDR kennen: Der Grenzzaun ist kein Hindernis, die Jungs wähnen sich bereits am Ziel. Was sie nicht ahnen: Sie haben einen Bewegungsalarm ausgelöst, es gibt noch einen zweiten Zaun, den sie jedoch nie erreichen werden. Heiko Runge stirbt damals in einem wahren Kugelhagel, über fünfzig Schüsse werden auf ihn abgefeuert; sein Freund wird verhaftet. Er hat mit dem Filmteam noch mal den Tatort wie auch das Gefängnis aufgesucht, in das er anschließend gesteckt wurde.

Spiegel TV hat diesen Fall bereits 1996 aufgearbeitet. Nagel und Opitz zeigen Ausschnitte aus den Interviews, die damals mit einem der Schützen und einem unbelehrbaren Major („Erfüllung des Klassenauftrags“) geführt worden sind. Ein aktuelles ergänzendes Gespräch mit einem weiteren Grenzsoldaten verdeutlicht, dass die Todesschüsse völlig überflüssig waren. Der „schwere Grenzdurchbruch“ hätte sich kurz drauf ohnehin erledigt, denn die Jungs hatten nur zwei Alternativen: Entweder wären sie zwischen die Minen am eigentlichen Grenzzaun geraten oder anderen Grenzschützern in die Arme gelaufen. Der mit zusätzlichem zeitgenössischem Dokumentarmaterial durchsetzte Film ist mit Mitteln der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördert worden, und spätestens die Aussagen der Überlebenden verdeutlichen: Zumindest für die Betroffenen ist das alles nie vorbei.

Zur Sendung

„Die jüngsten Opfer der Mauer“, 5.8., 23.20 Uhr, ARD
Die Sendung im Netz

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