Den Psychothriller „Im Abgrund“ zeigt die ARD am Samstag um 20:15 Uhr.
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Den Psychothriller „Im Abgrund“ zeigt die ARD am Samstag um 20:15 Uhr.

TV-Kritik: „Im Abgrund“ (Das Erste)

„Im Abgrund“: Kindermörder im Visier

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Der Psychokrimi „Im Abgrund“ im Ersten (ARD) hinterlässt einen zwiespältigen Gesamteindruck. Drei Ermittler suchen nach einem vermissten Jungen.

  • Die ARD zeigt am Samstagabend einen Psychothriller.
  • „Im Abgrund“ ist die Suche dreier Ermittler nach einem seit Jahren vermissten Jungen.
  • Beim insgesamt gelungen Fernsehfilm gibt es aber auch ein paar Kritikpunkte.

Hartnäckig hält sich das Ressentiment, dass von der ARD-Einkaufs- und Produktionsgesellschaft Degeto nur leicht verdauliche Unterhaltungsware zu erwarten sei. Das stimmte noch nie, denn die Degeto war beispielsweise am finsteren Cannes- und Golden-Globe-Preisträger „Das weiße Band“, an Reihen wie „Kommissar Wallander“ mit Kenneth Branagh und Serien wie „Babylon Berlin“ beteiligt. Auch in den einst eher leichtgewichtigen donnerstäglichen Krimireihen klingen schon seit längerer Zeit dunklere Töne an. „Der Usedom-Krimi“ fällt in diese Kategorie, ebenso „Die Füchsin“, auch andere. „Im Abgrund“ ist buchstäblich ein Film außer der Reihe. Gleichfalls von der Degeto, für den Samstagabend produziert, aber kein Leichtgewicht.

„Im Abgrund“ (ARD): Ein zerstrittenes Ermittlertrio

Joseph Maria Hagenow (Tobias Moretti) war ein mustergültiger Staatsbürger mit akademischem Renommee. Inzwischen hat er fünfzehn Jahre im Gefängnis verbracht. Er hatte einen kleinen Jungen im Wald in einer Kiste vergraben, das Kind erstickte. Ein zweiter Junge namens Ole blieb verschwunden. Eine Verbindung zu Hagenow wurde vermutet, konnte aber nie nachgewiesen werden.

Als Hagenow aus der Haft entlassen wird, sind die Ermittler des Landeskriminalamts Hannover alarmiert. Vorneweg David Wallat (Peter Kurth), der Hagenow seinerzeit überführte. Noch immer lastet auf seiner Seele, dass er Ole nicht retten, nicht einmal dessen Leiche finden konnte. Manchmal spielt ihm die Fantasie einen Streich, und er sieht den Jungen leibhaftig vor sich.

Wider Erwarten wird Wallat zum Leiter der Ermittlungsgruppe berufen, die Hagenow überwachen soll. Eigentlich hatte Lisa Kampe (Tinka Fürst) an der Spitze stehen sollen. Die überraschende Personalentscheidung sorgt von Anbeginn für Disharmonie, zumal auch Eric Thuner (Simon Schwarz) zum Team gehört, der für eine rechtskonforme Festnahme Hagenows gesorgt und dadurch möglicherweise Oles Schicksal besiegelt hatte. Lisa Krampe hegt gerade in diesem Punkt eine andere Einstellung. Hagenow wird es zu spüren bekommen.

Im Abgrund“ (ARD): Unbehagliche Beobachtungen

Zur Sendung

„Im Abgrund“, Samstag, 26.9.2020, 20:15 Uhr, Das Erste

Nach der Haftentlassung findet Hagenow Aufnahme beim Pfarrer des Örtchens Lohegrund. Dort erwartet ihn eine Anstellung als Waldarbeiter. David Wallat und seine Kollegen beziehen einen Aussichtspunkt gleich vis-a-vis und behalten Hagenow rund um die Uhr unter Beobachtung. Mit Unbehagen registriert Wallat, dass das Pfarrhaus auch von der alleinerziehenden Haushälterin Claudia Garschke (Odine Johne) mit ihrem achtjährigen Sohn Max bewohnt wird. Seine Befürchtungen bestätigen sich – eines Morgens ist Max verschwunden.

Wallat und Kampe konzentrieren sich auf Hagenow, Thuner hat einen anderen Verdächtigen ausgemacht. Auch die Bewohner des Ortes halten Hagenow für den Schuldigen und ziehen wutentbrannt vor das Pfarrhaus. Lynchstimmung liegt in der Luft. Zwischen Hagenow und Wallat entspinnt sich ein Psychoduell. Hagenow genießt es und versteht es, seine Umgebung, die Ermittler eingeschlossen, zu manipulieren. Verdankt er diese Souveränität dem Wissen um seine Unschuld?

„Im Abgrund“ (ARD): Dem Vergleich nicht gewachsen

„Im Abgrund“ erweist sich als dichter, personenkonzentrierter Krimi. Drehbuchautor Arndt Stüwe und Regisseur Stefan Bühling etablieren in Ruhe ihre Figuren, umso größer ist die Anteilnahme des Publikums, wenn sich die Spannung langsam steigert. Handwerklich gibt es wenig zu monieren, inhaltlich sind Einwände angebracht. Allzu unbedacht, den ethischen und moralischen Faktor nur gerade eben streifend, wird hier polizeiliche Folter als handlungstreibendes Moment eingesetzt. 2006 hatte der Regisseur Thomas Bohn mit der NDR-Produktion „Eine Frage des Gewissens“ eine zwar nicht unumstrittene, im Vergleich aber ernsthaftere Auseinandersetzung mit diesem Sujet vorgelegt, das auf einem realen Fall beruhte und hier im Positiven wie Negativen als Orientierung hätte dienen können. Mehr noch gilt das für „Der Fall Jakob von Metzler“ von Regisseur Stephan Wagner und Autor Jochen Bitzer, der 2012 wiederum auf der Basis realer Ereignisse vom ZDF produziert und mehrfach ausgezeichnet wurde. Mit Fernsehpreisen ist bei „Im Abgrund“ eher nicht zu rechnen. (Von Harald Keller)

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