Berlin Hotel Adlon Pariser Platz Unter den Linden
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Das Luxushotel Adlon wurde 1907 in Berlin eingeweiht, bei Kriegsende zerstört und 1997 wieder neu eröffnet.

Dokumentation

TV-Kritik zu „Hotel-Legenden: Das Adlon in Berlin“ (Arte): Weltpolitik und delikate Affären

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Arte zeigt den ersten Teil der Reihe „Hotel-Legenden“: Der Film ist der geschichtsträchtigen Berliner Luxusherberge Adlon gewidmet.

  • Arte zeigt die Reihe „Hotel-Legenden“
  • Das Luxushotel Adlon in Berlin ist der zweite Teil
  • Das Hotel Adlon ist für den ein oder anderen Skandal bekannt

Am Anfang steht ein Verbrechen aus dem Jahr 1919. Wilhelm Blume fühlt sich zum Dramatiker berufen. Fantasie hat er offenbar. Und kriminelle Energie. Unter dem Namen von Winterfeldt – damals galt ein Adelstitel noch was – bezieht er eine Suite im Berliner Nobelhotel Adlon. Dann verschickt er Geld und gibt sich selbst als Adressaten an. Der Auftrag wird von einem Briefträger ausgeführt, der auf Wertsachen spezialisiert ist. Und auf die hat es Blume alias Winterfeldt abgesehen. Er ermordet und beraubt den Boten. 1922 versucht er es erneut, wird gefasst und wählt den Freitod. Gerhard Hauptmann griff die Affäre auf und schrieb ein unvollendet gebliebenes Theaterstück. Der Journalist Helmut Böger veröffentlichte 2018 den Tatsachenkrimi „Mord im Adlon“.

Arte: Gründer des Hotel Adlon in Berlin wurde vom Tischler zum Gastgeber des Kaisers

In der fünfundfünzigminütigen Kurzdokumentation „Das Adlon in Berlin“ kann dieser Vorfall nur Randnotiz bleiben. Material aus über hundert Jahren musste der Filmautor André Meier bewältigen. Da hatte es an attraktiven Stoffen keinen Mangel.
Schon die Gründungsgeschichte des Adlon ist apart. Lorenz Adlon stammte aus Mainz, hatte Tischler gelernt, dann auf Gastronom umgesattelt und war auf diesem Wege zu Wohlstand gekommen. Er wechselte nach Berlin, und der Erfolg blieb ihm treu.

Mit einem feinen Instinkt für die Bedürfnisse der höheren Schichten führte er Luxusrestaurants, eine Weingroßhandlung und, zunächst als Pächter, ein Hotel. Mit ausdrücklicher Billigung und Unterstützung Kaiser Wilhelms II. errichtete er an prominenter Stelle am Brandenburger Tor das feudale Hotel Adlon, das mit seinem technischen Vorzügen selbst den Kaiser und seinen Hofstaat in Erstaunen versetzte: kaltes und heißes Wasser in allen Zimmern, Zentralheizung, sogar Handtuchwärmer gab es schon, während anderswo noch Plumpsklo und Brunnenpumpe den Alltag bestimmten.

Ein Blick in die prunkvolle Lobby des Hotel Adlon in Berlin.

Die enge Bindung zum Kaiserhaus zeigt sich noch heute im Familienwappen der Adlons: der Adler hält den Reichsapfel in seinen Krallen. Der blaublütige und der Finanzadel verkehrten im Adlon, Vertreter von Wirtschaft, Politik und Kunst, wie der Einblick ins historische Gästebuch belegt. Charlie Chaplin und Harold Lloyd, Elisabeth II. und Gemahl Philip, Ernst Lubitsch, Bert Brecht, Bill Clinton, Michael Jackson – die Namensliste wäre wohl abendfüllend.

Arte: Skandal im Hotel Adlon in Berlin - Der Hotelierssohn und die Leinwand-Diva

Historische Fotos und Filmausschnitte sorgen dafür, dass die Datenfülle nie trocken daherkommt. Zudem hat Hedda Adlon, die Schwiegertochter des Hotelgründers, einen Fundus an Memoiren und Histörchen hinterlassen. Bei deren Niederschrift ging wohl auch mal die Fantasie mit ihr durch. Die von Meier herangezogenen Experten wie der Historiker Daniel Schönpflug und die Autorin und Regisseurin Rodica Doehnert, Koautorin des Dreiteilers „Das Adlon: Eine Familiensaga“, zu dem sie auch ein Buch veröffentlicht hat, müssen das eine oder andere relativieren.

Es bleibt noch vieles, was verbürgt ist und doch so klingt, als stamme es aus den Abfallkörben der Schriftstellerin Vicki Baum („Menschen im Hotel“) oder ihres Kollegen Arthur Hailey („Hotel“, Roman und TV-Serie). Zum Beispiel die skandalöse Episode um Louis Adlon jr, der, soeben volljährig geworden, eine leidenschaftliche Affäre mit der älteren Filmdiva Pola Negri einging. Beziehungsweise umgekehrt. Auch in die spanische TV-Serie „Gran Hotel“ oder deren US-Adaption „Grand Hotel“ hätte diese frivole Anekdote gut hineingepasst.

Neben Hotel Adlon in Berlin zeigt Arte drei weitere „Hotel-Legenden“

In Percy Adlons Spieldokumentation „In der glanzvollen Welt des Hotel Adlon“ wurde der wilde Knabe 1996 von seinem Nachfahren Felix Adlon dargestellt. Der ist heute selbst Regisseur und Hotelerbe und einer der Gesprächspartner in diesem Filmbeitrag. Als Off-Sprecherin fungiert Katja Riemann.

„Das Adlon in Berlin“ gehört als erster Beitrag zu der vom RBB, SR und SWR gemeinsam mit Arte koproduzierten vierteiligen Reihe „Hotel-Legenden“. Ab Montag, dem 3. August sind die Folgen auch im Ersten zu sehen. Die anderen Filme gelten dem Pariser „Le Bristol“, dem „American Colony Hotel“ in Jerusalem und dem Genfer „Beau-Rivage“, in dem Kaiserin Sisi den bei einem Attentat erlittenen Verletzungen erlag und der deutsche Politiker Uwe Barschel tot aufgefunden wurde. Wohl keine Hotelhistorie, die keinen Kriminalfall umfasst… (Von Harald Keller)

„Hotel-Legenden: Das Adlon in Berlin“, Sonntag, 26.7., 17:00 Uhr, Arte

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