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„Hart aber fair“: Frank Plasberg mit einem ARD-Extra zur Corona-Krise.

„Hart aber fair“, ARD

„Hart aber fair“ (ARD): Plasberg und die Kraft der Psalme in der Coronakrise

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Frank Plasbergs zweistündige ARD-Sondersendung zur Corona-Pandemie blieb blass und konservativ – aber diente immerhin als konstruktives Informations-Update.

  • Frank Plasberg mit einer Sondersendung zur Corona-Pandemie
  • Mischung aus „Hart aber fair“ und „Brennpunkt“
  • Biedere ARD-Sendung

Den öffentlich-rechtlichen Sendern gehen langsam die Inhalte aus: Auch wenn der Fiction-Drehstop erst in einigen Monaten spürbar wird, reißen jetzt schon fehlende Shows, abgesagter Sport und ausgefallene Soaps große Löcher ins Programm. Warum also nicht Frank Plasberg in die Prime Time befördern, wo er eine Mischung aus aktuellem „Brennpunkt“ und seiner Talkshow machen darf – die ohnehin meist so bieder ist, dass ein fehlendes Publikum gar nicht auffällt.

Und so gab es erstmal eine durchaus bewegende und kluge 30-minütige Reportage über ein paar repräsentative Corona-Schicksale: das von der Krankheit getrennte Senioren-Paar; die Gastro-Kleinunternehmer vor dem finanziellen Aus; das Krankenhauspersonal, das sich auf die Infektionswelle vorbereitet; die schutzlosen Obdachlosen, deren Infrastruktur komplett zusammengebrochen ist; eine in Peru gestrandete Deutsche; ein Schuljunge in Quarantäne; ein eigentlich pensionierter Einsatzleiter, der auf dem Berliner Messegelände ein brandneues Krankenhaus mit tausend Betten hochziehen soll; ein Bestatter mit neuen Umgangsregeln; und die Jugendtrainer und Sportler von Alba Berlin, die nun online tägliche Bewegungskurse für Jugendliche aller Altersgruppen anbieten.

„Hart aber fair“ (ARD): Lob für Solidarität und Durchhaltevermögen

Dieses Bild einer Nation in Angst und Zweifel, die aber versucht, das Beste aus der Situation zu machen, wird anschließend auch auf der Podiumsdiskussion hochgehalten. Im Gegensatz zur kontroversen Anne-Will-Sendung am Vortag dürfen hier alle Parteien und Personen die Solidarität und das Durchhaltevermögen der Bevölkerung loben und ein Gemeinschaftsgefühl über alle politischen Lager hinweg lobpreisen. 

Kein Wunder, wenn noch in der Sendung das Ergebnis einer aktuellen Umfrage verkündet wird, nach der 95% der Menschen hierzulande die Maßnahmen der Regierung gutheißen. Selbst der ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam, der von „starken Grundrechtseingriffen“ spricht, erklärt das Vorgehen für gerechtfertigt und juristisch (derzeit) für unproblematisch.

ARD-Talk „Hart aber fair“: Frank Plasberg kämpft auf Seitenschauplätzen

Alle ziehen demonstrativ an einem Strang: Krankenpflegerin Stefanie Büll lobt den selbstlosen und keineswegs ungefährlichen Einsatz von pensionierten und freiwilligen Ärzten und Pflegern und verbreitet generell Zweckoptimismus; Stephan Pusch, CDU-Landrat aus dem besonders betroffenen Landkreis Heinsberg, beschwört Gemeinschaftsgefühl, Lebensfreude und Nachbarschaftshilfe; der Bonner Professor für Virologie Hendrik Streeck erklärt die medizinischen Hintergründe; und die rheinland-pfälzischer SPD-Ministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler schwärmt von der „gelebten Solidarität“, die man derzeit beobachten kann.

Wie am Vortag kommen die leisen Misstöne erneut durch die Moderation, aber diesmal nicht so, wie man's erwartet. Frank Plasberg hätte ausreichend Gelegenheit, auf die wirtschaftliche Situation hinzuweisen oder das Leid der Selbständigen zu betonen – aber bis auf den anfänglichen Einspieler taucht dieses Thema nicht mehr auf. Stattdessen will Plasberg kuriose Kämpfe auf Seitenschauplätzen führen: Er spielt den Leserbrief eines Zuschauers ein, der recht unverblümt fragt, wie groß die Risikogruppe sein muss, bevor das kollektive Opfer nicht mehr verhältnismäßig ist. 

„Hart aber fair“ (ARD): Heinrich Bedford-Strohm und die „Kraft der Psalme“

Und obwohl alle Beteiligten die Solidarität hochhalten und jede Idee von „Wir tauschen Wirtschaftswachstum gegen tote Rentner“ weit von sich weisen, scheint Plasberg mehrmals fest entschlossen, eine Rechnung aufmachen zu wollen: Wie viele tote Vorerkrankte wären denn hinnehmbar? Glücklicherweise lässt sich auch auf Nachfrage niemand auf diese makabere Spekulation ein.

Das zweite Kuriosum ist die Anwesenheit des bayerischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm in der Runde, der von Liebe und Trost faselt, den Menschen empfiehlt, „Kraft aus den Psalmen zu schöpfen“, und ausführlich von den Wundern der digitalen Kommunikation schwärmt, die er offensichtlich diese Woche das erste Mal ausprobiert hat. Er kann sich zumindest eine Teilrechtfertigung für seinen Auftritt mit einem gut formulierten Appell für die bessere Bezahlung von traditionellen Frauenberufen verdienen, die nun plötzlich als krisenwichtige Tätigkeiten identifiziert werden Verkäuferinnen, Pflegekräfte, Krankenschwestern. 

„Hart aber fair“: Frank Plasberg und die tote Seele

Trotzdem bleibt unklar, warum so ein abstrakter Kirchenmensch viel mehr Redezeit hat als die direkt betroffene Krankenschwester. Plasberg offenbart seine verwandte Gesinnung, wenn er den Virologen gänzlich unironisch fragt: „Aber was bringt denn die Gesundheit, wenn die Seele stirbt?“

Dank solcher Abschweifungen in die christliche Esoterik bleibt es insgesamt eine durchwachsene Sondersendung, geprägt vom vorsichtigen Optimismus der jüngsten Zahlen aus dem Robert-Koch-Institut, von anekdotischen Berichten eines vernünftigen Bevölkerungsverhaltens und von der vagen Hoffnung auf eine baldige Normalisierung der Situation. Plasbergs durchscheinende stock-konservative Einstellung kam dabei zwar manchmal durch, konnte diese konstruktive Harmonie aber insgesamt nicht stören.

Von D.J. Frederiksson

„Hart aber fair“ vom Montag, 23.03.2020 im Netz.

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