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Wolfgang Denker (Werner Wölbern), Herbert (Fritz Roth), Edo (Rainer Piwek) und Hannes (Jürgen Rißmann).

„Größer als im Fernsehen“

Karriereneustart in der hessischen Provinz

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David Bowie, Freddy Mercury und Nico Hölter – eine harmlose Komödie über die Tücken des Musikgeschäfts im Ersten.

Ein Kuriosum für die Rubrik „Trivia“: In der WDR-Serie „Meuchelbeck“ sah man die Schauspielerin Janina Fautz als Tochter eines Provinzgastwirts. Für die gerade laufende zweite Staffel wurde die bleibende Rolle dieser Sarah Lindemann mit Lotte Becker neu besetzt. Janina Fautz ist nun in der Hauptrolle eines Mittwochsfilm im Ersten zu sehen – als Tochter eines Provinzgastwirts. Genug der Übereinstimmungen. Aus der verschlafenen Gaststätte „Zum Höllentor“ in „Meuchelbeck“ könnte noch etwas werden. Im hessischen Körstel dagegen steht das Traditionsgasthaus „Zum kühlen Grund“ vor dem Bankrott. Lisa Denker (Janina Fautz) hatte das Lokal in einer Krisensituation übernommen. Ihr Studium in Berlin drohte zu scheitern, dann starb der Vater. Ohne lange zu überlegen, entschloss sich die heimgekehrte Tochter zur Weiterführung des Familienbetriebs. Wie sich zeigt, umfasst das Erbe auch einen Berg an Schulden. Und egal ob moderne Speisekarte oder Kunstausstellung, Denkers Konzepte zur Revitalisierung gehen nicht auf. Nur ein paar einheimische Tresenhocker halten ihr die Treue. Aber die saufen alle ‚auf Deckel‘.

Im Bett mit Gaddafi

Die Rettung naht in Gestalt des Sendboten einer großen Freizeitparkkette. Auch in Körstel soll so ein „Sunlight Parc“ entstehen. Bürgermeister Schulz (Gustav-Peter Wöhler) verlangt gar keine weiteren Referenzen, er ist außer sich vor Freude – Arbeitsplätze, Touristen, Gewerbesteuer! Das Grundstück der Denkers wird benötigt, das Lisa nur zu gerne hergeben möchte. Dummerweise aber auch die Nachbarimmobilie der Exzentrikerin Eleonore Kürschner (Marie-Anne Fliegel). Und die bleibt störrisch, will nicht verkaufen, ist auch nicht käuflich, weil wirtschaftlich unabhängig. Sie hat die Welt gesehen, soll einen Hai erwürgt und mit Muammar al-Gaddafi geschlafen haben. Es gibt nichts, was diese Frau noch locken könnte. So scheint es, bis Lisa Denker zufällig herausfindet, dass Kürschner ein gewisses Faible für den Musiker Nico Hölter (Dennis Schigiol) hegt. Und dann kommt doch ein Geschäft zustande: Denker soll Hölter nach Körstel holen und dazu bewegen, Kürschner in Unterwäsche in Ständchen zu bringen. Im Gegenzug wird Kürschner verkaufen. Denker bleibt nichts anderes, als das Unmögliche zu versuchen. Trickreich, mit Unterstützung der gesamten Gemeinde, wird ein großes Täuschungsmanöver inszeniert. Der Köder: Dem glücklosen Castingshow-Absolventen Hölter wird die Chance auf ein Engagement durch eine namhafte Künstleragentur vorgegaukelt.

Im Reality-Getümmel verheizt

Schon die Exposition macht die Schwachstelle des Story-Konzepts deutlich: Eleonore Kürschner ist so wohlhabend, dass sie den erfolglosen, durch Möbelkaufhäuser tingelnden Nico Hölter ohne weiteres selbst engagieren könnte. Insofern wirkt die Geschichte unausgegoren, wie in einer Frühphase der Drehbuchentwicklung steckengeblieben. Pfiffig ist die Idee, die Geschichte als Rückblende zu erzählen. Nico Hölter trägt sie selbst vor, am Lagerfeuer sitzend, als Mitwirkender einer Reality-Show namens „Abgestürzt“ (sic!), die sehr an „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ erinnert. Später im Film gibt es eine treffsichere Parodie dieses ursprünglich aus Großbritannien stammenden Formats. Im Detail ist die bei Arte bereits gezeigte Komödie aus den Redaktionsstuben des Hessischen Rundfunks liebevoll gemacht. Der mit Klemmlampen improvisierte Schminkspiegel im Lager des Möbelhauses, das gefälschte Autogrammalbum mit Fotomontagen von unter anderem David Bowie und Freddy Mercury, die angeblich in Körstel zu Gast gewesen sein sollen – die Requisite hat exzellente Arbeit geleistet. Und einmal schmuggelt Drehbuchautor Benjamin Hessler sogar ein Adorno-Zitat in den Dialog.

Disparate Ensembleleistung

Demgegenüber stehen disparate Schauspielerleistungen. Nic Romm als Sendbote des Freizeitparkunternehmens liefert eine schaurige Karikatur im Stil eines Motivationstrainers. Gustav-Peter Wöhler weiß seinem üblichen Rollenmuster nichts hinzuzufügen. Souverän dagegen Marie-Anne Fliegel in der Rolle der ehemaligen Weltenbummlerin Eleonore Kürschner – kein Ausrutscher in die Klamotte, sie weiß die Würde dieser Figur durchgängig zu wahren. Auch Dennis Schigiol macht seine Sache recht gut, lässt den Schmerz eines Künstlers anklingen, der für die Musik leben möchte, aber durch die Vermarktungsprinzipien unserer Zeit vom Wege abgebracht wurde. Ich bin Musiker, kein Promi, sagt er einmal sinngemäß. Ein Aspekt, der stärker noch hätte Eingang finden können in die Handlung dieser insgesamt harmlosen Komödie, die mehr Genauigkeit und mehr Schärfe verdient gehabt hätte und auch als Satire denkbar gewesen wäre. Der Hauptdarstellerin Janina Fautz, die schon seit Kindertagen vor der Kamera steht, gelingt mit patent absolvierten Rollen wie dieser allmählich der Absprung von den ihr häufig zugeteilten Görenrollen, die sie unter anderem in „Pälzisch im Abgang“, „Meuchelbeck“, „Wilsberg“, „Morgen hör ich auf“ zu verkörpern hatte und die sie auf ein gewisses Fach festzulegen drohten. Im Herbst wird die inzwischen Vierundzwanzigjährige neben namhaften Kollegen wie Barbara Auer, Nadja Uhl, Nicolette Krebitz, Oliver Masucci, Joachim Król im Dreiteiler „The „Wall“ über die letzten Tage der DDR zu sehen sein.

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