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Giuseppe Garibaldi im Widerstandskampf gegen die Franzosen. 

„Giuseppe Garibaldi“, arte 

„Giuseppe Garibaldi“ -  Frauenheld und Freiheitskämpfer

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Schade: Der Film über den italienischen Revolutionär Giuseppe Garibaldi ist im Grunde bloß ein notdürftig bebildertes Hörbuch.  

Es ist beileibe kein Zufall, dass der Titelzusatz dieser Dokumentation über Giuseppe Garibaldi, „Frauenheld und Freiheitskämpfer“, mit dem Liebesleben des italienischen Revolutionskämpfers beginnt. Schon zur Einführung verkündet eine Historikerin, die große Anzahl seiner Affären habe „etwas Pathologisches“; das ist zumindest eine interessante Formulierung. Tatsächlich spielen die Frauen in dieser Koproduktion von ZDF, ORF und dem italienischen Ableger des weltweit tätigen Medienunternehmens A & E Networks zunächst jedoch nur eine Nebenrolle, denn zu Beginn des Films ist Garibaldi glücklich verheiratet. Die entsprechenden Spielszenen zeigen ihn bei Sonnenaufgang mit Gattin Anita, einer wildgelockten brasilianischen Schönheit, die Bilder erinnern an einen jener Liebesfilme, wie sie das „Zweite“ gern sonntags um 20.15 Uhr ausstrahlt.

Anschließend erzählt Martin Betz (Buch und Regie) recht konventionell im typischen Biografenstil („1807 wird er in Nizza geboren“) von Garibaldis Werdegang. Im Hintergrund erklingt passende Musik, im Vordergrund tummeln sich unbekannte Darsteller; ZDF-Zuschauer kennen diesen Stil aus „Terra X“. Die inszenierten Passagen beschränken sich allerdings auf Ereignisse, die sich mit wenig Aufwand rekonstruieren ließen. Zeitgenössische Gemälde müssen genügen, um die vielen Schlachten, in denen Garibaldi für eine unabhängige Republik Italien gefochten hat, zu illustrieren; gegen Ende streut Betz auch Spielfilmausschnitte ein.

Pathetischer Kommentar und inhaltliche Schnitzer 

Dass es in der ersten Hälfte der Dokumentation vorzugsweise um Politik hat, hat einen einfachen Grund: Garibaldi war hatte keinerlei Anlass für Affären. Aber dann stirbt Anita 1849 mitten im Freiheitskampf an Malaria, und nun schlägt die große Stunde der Historikerinnen. Betz ist bei der Auswahl seiner Experten zwar vorbildlich vorgegangen, weil es etwa gleich viele männliche und weibliche Gesprächspartner gibt, aber es fällt auf, dass die Damen deutlich öfter zu Garibaldis Frauengeschichten Stellung nehmen; prompt klingen sie nicht mehr wissenschaftlich, sondern wie jene meist weibliche Sachverständige, die sich bei königlichen Hochzeiten durch Detailwissen über die Herrscherhäuser profilieren. 

Dazu passt der gern auch mal pathetisch vorgetragene Kommentar, der sich gelegentlich am eigenen Fabulieren ergötzt („ein bukolisches Idyll“) und angesichts von Begriffen und Redewendungen wie „veraltete Schießprügel“ oder „sonder Zahl“ des Öfteren seltsam altmodisch klingt. 

Die Bezeichnung Garibaldis als „Macho und Frauenheld“ ist zudem nur die halbe Wahrheit. Er mag nach dem Tod seiner ersten Ehefrau allerhand weibliche Bekanntschaften gehabt haben, aber gegen Ende des Films heißt es, er habe sich für das Frauenwahlrecht engagiert und öffentlich festgestellt, dass von Fortschritt keine Rede sein könne, wenn die (weibliche) Hälfte der Menschheit ein sklavenähnliches Dasein führe.

Ausführungen erinnern an Liebesromane 

Betz hatte offenbar den Auftrag, in der Biografie Garibaldis die Spreu vom Weizen zu trennen, sprich: herauszufinden, was Legende ist und was Wahrheit. Das ist sicherlich aller Ehren wert, verfehlt aber zumindest aus deutscher Sicht auch etwas seinen Zweck, denn die meisten Zuschauer werden den Revolutionär nur dem Namen nach kennen. „Die Geschichte mit dem Ohr“ zum Beispiel, aus der Betz eine größere Sache macht, dürfte hierzulande nur wenigen Menschen bekannt sein. Hintergrund dieser Fußnote ist die Tatsache, dass auf den Fotografien des Revolutionärs nie seine Ohren zu sehen sind; angeblich hat er eins verloren, weil Pferdediebe in Südamerika auf diese Weise bestraft worden sind. 

Etwas irritierend ist auch das Schwärmen der Expertinnen, deren Ausführungen mitunter an historische Liebesromane erinnern. Dass Garibaldi in Italien wie ein Heiliger verehrt wird, entspricht allerdings den Tatsachen, selbst wenn im Zuge der Verklärung einige Details auf der Strecke geblieben sind. Die Legende rühmt seinen beispiellosen Heldenmut, aber sein siegreicher „Zug der Tausend“, mit dem er Sizilien von den Bourbonen befreite, hatte wohl nicht zuletzt mit Bestechung zu tun.

Plumpe Spielszenen 

Nur bedingt der Wahrheitsfindung dienlich sind dagegen die von Beverly Blankenship inszenierte Spielszenen, in denen der Garibaldi-Darsteller, wenn er nicht gerade wieder poussieren soll, meist finster entschlossen dreinblickt. Auch der Musikeinsatz sorgt ab und an für unfreiwillige Dissonanz: Im Kommentar ist die Rede von Scharmützeln, in die Garibaldi die österreichischen Garnisonen im Norden verwickelt, und die Begleitmusik ist entsprechenden dramatisch, aber im Film schippert ein harmloser Raddampfer über einen See. 

Die Bebilderung, neben den erwähnten Gemälden meist Aufnahmen von Statuen, historischen Fassaden oder schöner Landschaft, hat ohnehin oft nur oberflächlichen Bezug zum Inhalt. Da der Kommentar gleichzeitig lauter Daten und Fakten enthält, ist der Film im Grunde ein notdürftig bebildertes Hörbuch.

Zur Sendung

Dokumentation „Giuseppe Garibaldi“ 
Sendetermin: Samstag, 20.7., Arte, 20.15 Uhr

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