+
Vor Gericht: Staatsanwältin Judith Schrader (Nadja Uhl) wird von den Al-Fadi-Clanmitgliedern kritisch beäugt (links: Machmoud Al-Fadi (Atheer Adel).

„Gegen die Angst“, ZDF

Es bleibt in der Familie

  • schließen

Im ZDF-Montagsfilm ermittelt eine couragierte Staatsanwältin gegen einen Berliner Verbrecherclan. Und nimmt die Sache sehr persönlich.

Mit einem glückseligen Lächeln galoppiert Staatsanwältin Judith Schrader (Nadja Uhl) im Dauerlauf durch das sommerliche, betont multikulturelle Berlin. Unterlegt ist die Eröffnungsszene mit Placebos Coverversion von Kate Bushs „Running Up the Hill“, das zum musikalischen Leitmotiv des Kriminalfilms werden wird. Auch textlich korrespondiert der Song mit der Geschichte – Judith Schrader läuft nicht nur den Hügel hinauf, sie rennt auch, symbolisch gesprochen, mehrfach gegen Mauern. Das Lächeln wird nicht lange anhalten.

Sie ist neu im Bereich der Organisierten Kriminalität. Die Kommission um Jan Wiegand (Andreas Pietschmann) ermittelt gegen den Al-Fadi-Clan, der Schutzgelderpressung und andere illegale Geschäfte betreibt. Der hitzköpfige Hisham Al-Fadi (Burak Yigit) liefert einen Anlass für eine Festnahme, flieht aber und schießt auf Wiegand, der schwer verletzt zurückbleibt. Hisham Al-Fadi entkommt, unter den Augen der Polizeianwärterin Layla Sharif (Sabrina Amali), die ihm schreckensstarr gegenübersteht. Nicht nur, weil sie noch keine Waffe tragen darf – sie kennt den Verdächtigen.

Wegen des Schusswechsels übernimmt die Mordkommission unter Hauptkommissar Jochen Montag (Dirk Borchardt). Ein berlinerisch hemdsärmeliger und patziger Typ, aber im Weiteren mitunter besonnener als die Staatsanwältin. Für die nämlich hat der Fall eine persönliche Note. Mit dem im Koma liegenden Jan Wiegand unterhielt sie eine Affäre.

Schnell zeigt sich, dass Beweisführung und Anklageerhebung schwierig werden. Das sichergestellte Fluchtfahrzeug wird nachts in Brand gesetzt. Eine Durchsuchung von Hisham Al-Fadis Wohnung erbringt auch keine Beweise. Wohl aber der Blick in die Mülltonne des Nachbargebäudes. Nur haben die Ermittler für diesen Bereich keinen Durchsuchungsbeschluss. Judith Schrader fälscht entsprechend ihren Bericht. Genug Material für einen Anfangsverdacht, aber Al-Fadis Anwältin kann den Haftbefehl abwenden. Al-Fadi nutzt seine Freiheit, um die redliche Layla Sharif, eine entfernte Verwandte, zu bedrohen. Ein Fehler. Sharif war zunächst dem Ehrenkodex der Großfamilie gefolgt und hatte geschwiegen. Jetzt sagt sie aus. Und muss in den Zeugenschutz.

Drehbuchautor vor Gericht

Seit einigen Jahren schon sind die Verbrechen unzugänglicher und schwer zu fassender, ursprünglich aus dem mediterranen Raum stammender Großfamilien Thema der Kriminalstatistiken und der entsprechenden Berichterstattung. Die wiederum lieferten Inspirationen für fiktionale Produktionen, schon 2014 beispielsweise für den Bremen-„Tatort“ „Brüder“, später für Serien wie jüngst „Dogs of Berlin“ und zuvor „4 Blocks“, die dem Gangstergenre zuzurechnen und wie die entsprechenden, teils explizit zitierten Vorbilder geeignet ist, jugendliche Omnipotenzfantasien zu schüren.

Der ZDF-Film „Gegen die Angst“ ist laut Senderangaben seit 2015 in der Vorbereitung. Drehbuchautor Robert Hummel übernahm die Perspektive der im Bereich der Organisierten Kriminalität tätigen Ermittler und Staatsanwälte und brachte hier eigene Erfahrungen ein, die er als Schöffe bei einschlägigen Verfahren sammeln konnte. Ohne in simplifizierende Schwarz-Weiß-Zeichnung zu verfallen, führt er hinlänglich die Skrupellosigkeit der Verbrecherbanden vor Augen gleich wie die Ambivalenz auf Seiten der Vollzugsorgane. Bisweilen sind sie hilflos, aber keineswegs generell ohnmächtig. Fragwürdig allein, dass hier ohne Einschränkung der Rechtsbruch auf Ermittlerseite als probate Lösung dargeboten wird. Dem Respekt vor Gesetz und Recht wird das kaum zuträglich sein.

Ergänzend zeigt das ZDF im Anschluss die halbstündige Dokumentation „Die Macht der Clans“, die schon von der Kürze her kaum mehr liefern kann als eine erste Annäherung an das brisante Thema. Immerhin betonen die Autoren dieser „Spiegel TV“-Produktion nochmals, dass die Polizei dem Phänomen der Organisierten Kriminalität durchaus entgegentritt. Wichtig auch ein Satz zu Beginn, der leicht überhört werden kann: Von den vielen Familien, die in den Siebzigern vor dem Bürgerkrieg im Raum Libanon und Syrien nach Deutschland flohen, „ist nur ein kleiner Teil“ kriminell.

„Gegen die Angst“, Montag, 25.3., 20:15 Uhr, ZDF

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion