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Arte: Jamie Lee Curtis – Verfolgte Unschuld, mitreißende Komödiantin, Kultfigur

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Von: Harald Keller

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Der Horrorklassiker „Halloween“ machte sie zum Weltstar: Arte zeigt ein Filmporträt der Hollywood-Schauspielerin Jamie Lee Curtis.

Frankfurt – Mit 19 Jahren absolvierte Jamie Lee Curtis ihren ersten Auftritt vor einer Filmkamera. „Visitors in Paradise“ hieß die Episode der Kriminalserie „Quincy“. Beinahe prophetisch, denn das Engagement markierte ihren Eintritt in das Filmgeschäft, in dem sie sich lange Zeit eher wie eine Besucherin und fremd fühlen sollte.

Eine Stammrolle erhielt sie in der TV-Serie „Unternehmen Petticoat“, der Adaption der gleichnamigen Kinokomödie, in der ihr Vater Tony Curtis eine der Hauptrollen innegehabt hatte. Auch ihre Mutter genoss Starruhm: Der Name Janet Leigh ist verbunden mit Leinwandklassikern wie „Im Zeichen des Bösen“, „Botschafter der Angst“ und vor allem dem Thriller „Psycho“, in dem sie es mit einem geistig gestörten Mörder zu tun bekommt. Ein Ausflug in ein Genre, in dem ihre Tochter achtzehn Jahre später reüssieren sollte.

Schauspielerin Jamie Lee Curtis kommt zur Präsentation des Films „Halloween Ends“ im September in Madrid.
Schauspielerin Jamie Lee Curtis kommt zur Präsentation des Films „Halloween Ends“ im September in Madrid. © Raúl Terrel/dpa

Filmporträt über Jamie Lee Curtis (Arte): Wehrhaft auch noch als Großmutter

„Halloween – Die Nacht des Grauens“ hieß die Low-Budget-Produktion, die ein Vielfaches ihrer Kosten einspielte, Fortsetzungen zeitigte und zahlreiche epigonale Drehbuchautoren an die Schreibmaschinen trieb. „Halloween Ends“ kam gerade im letzten Monat weltweit in die Kinos. Man sollte keine Wetten darauf abschließen, dass der Titel der Wahrheit entspricht. Michael Myers, hartnäckiger Kontrahent der von Jamie Lee Curtis gespielten, schon fast lebenslang verfolgten Unschuld Laurie Strode, ist schon viele Tode gestorben und kann doch nicht ablassen, der mittlerweile zur Großmutter gereiften Laurie nachzustellen. Aber die bietet ihm, zur Freude der Fans der Kultreihe, immer noch die Stirn.

In ihrem Filmporträt der Schauspielerin, Autorin, Produzentin und, diese Tätigkeit kommt seltsamerweise gar nicht zur Sprache, Regisseurin Jamie Lee Curtis geht die Autorin Valérie Jourdans ausführlich auf die „Halloween“-Saga ein. Leider folgt sie der Unsitte, zwecks Glorifizierung ihres Subjekts Superlative zu kreieren und Zäsuren zu behaupten. Demnach sei von Carpenter und seiner Koautorin Debra Hill mal eben ein „neuer Typ Monstrum“ geschaffen worden, nämlich der „maskierte Mörder Michael Myers mit seiner dämonischen Silhouette.“

Es ist nun nicht primär die Silhouette, was Myers dämonisch erscheinen lässt, und monströse maskierte Mörder konnte man schon Jahre früher auf Kinoleinwänden walten sehen. Außer Frage steht, dass Regisseur John Carpenter handwerklich perfekt die Stilmittel des Genres zusammenführte, wozu auch die Filmmusik zählt, die er selbst beisteuerte.

Filmporträt über Jamie Lee Curtis (Arte): Der Fluch des Erfolges

Und natürlich hatte er mit Jamie Lee Curtis die Idealbesetzung gefunden. Für die junge Nachwuchsschauspielerin anfangs ein Fluch, denn trotz des Erfolges gab es keine nennenswerten Anschlussengagements, bis Carpenter sie erneut buchte und in „The Fog – Nebel des Grauens“ abermals in mörderische Bedrängnis brachte.

Mit den nächstfolgenden Filmen wie „Prom Night“, „Terror Train“, „Roadgames“ und 1982 schließlich dem Abklatsch „Halloween 2“ etablierte sich Jamie Lee Curtis als sogenannte „Scream Queen“ – daher wohl der kryptische Titel der Sendung – im Horrorgenre. Ihre Laufbahn hätte in einer Sackgasse enden können, wäre sie nicht von Gabrielle Beaumont für das vielbeachtete TV-Drama „Death of a Centerfold – The Dorothy Stratten Story“ angeheuert worden, in der Folge auch von John Landis, unter dessen Regie sie in die „Die Glücksritter“ ihr komödiantisches Talent ausspielen konnte. Welches in der britisch-amerikanischen Produktion „Ein Fisch namens Wanda“ vollendet zur Geltung kam, in letzter Zeit aber in meist eher mittelprächtigen Komödien vergeudet wurde.

Filmporträt über Jamie Lee Curtis (Arte): Informationen aus zweiter Hand

Valérie Jourdan lässt Curtis’ Karriere anhand von Filmausschnitten und Archivmaterialien Revue passieren. Selbst interviewt hat sie die Schauspielerin nicht, was verwundert, denn Jamie Lee Curtis ist in der Öffentlichkeit sehr präsent, sprach in Talkshows über ihre Medikamentenabhängigkeit und über ihre langjährigen Selbstzweifel; über die sozialen Medien gewährt sie Einblicke in ihr Privatleben.

So kommt Jourdan der Person Curtis nur dann nahe, wenn die herangezogenen Interviewpassagen aus zweiter Hand diese hergeben. Offen bleibt beispielsweise die Frage, ob sich die Abkunft von einem prominenten Schauspielerehepaar in der Branche hinderlich oder förderlich auswirkte. Auch hätte man gern aus ihrem Munde erfahren, wie sie konkret zur „Halloween“-Saga steht. Zeitweilig wollte sie keine Fortsetzung mehr drehen, bei der jüngsten Trilogie fungierte sie jedoch sogar als Produzentin. Aus rein finanziellen Erwägungen oder steckt mehr dahinter?

Aber vielleicht hätte Jourdan diese Frage gar nicht gestellt. Denn fast immer wendet sie ins Positive, was Curtis entschied oder was ihr widerfuhr. Da heißt es dann beispielsweise: „Jamie Lee Curtis schlägt ihren eigenen Weg ein, von einem Stereotyp zum nächsten.“ Wirklich ein emanzipativer Akt oder mangelnden Rollenangeboten geschuldet?

Filmporträt über Jamie Lee Curtis (Arte): Auf Idealmaße getrimmt

Mitte der 1980er Jahre kam die kommerziell endlos gemolkene Aerobic-Welle auf, in Valérie Jourdans Kommentar ein „Symbol dafür, dass sich Frauen die Macht über ihren Körper zurückholen, den zu beurteilen lange den Männern vorbehalten war.“ Eine sonderbare Aussage, denn Aerobic-Vorturnerinnen wie Jane Fonda und Sydne Rome mit ihrem mageren Körperbau galten als Sexsymbole, will sagen, sie entsprachen dem von Männern definierten und deren Begehren erfüllenden Schönheitsideal. Die Selbstbestimmung über den weiblichen Körper kann nur dann stattfinden, wenn derartige Körpernormen keine Gültigkeit mehr besitzen.

Hollywood schlug mit dem Film „Perfect“ Kapital aus dem Aerobic-Trend, Jamie Lee Curtis spielte die Hauptrolle. Und an dieser Stelle widerspricht sich Jourdan prompt selbst, wenn sie durchaus zutreffend von „Gruppenzwang“ spricht und über Jamie Lee Curtis berichtet: „Für ihren nächsten Film arbeitet die 27-jährige Schauspielerin an ihrem Körper, bis er dem neuen Ideal entspricht.“

In „Blue Steel“ griff Curtis zur Waffe und spielte einen, wie Holly-Jane Rahlens damals schrieb, „weiblichen Clint Eastwood“. Ein nicht unumstrittener Film, wovon man als Zuschauer dieses Porträts nichts erfährt. Auch nicht, dass die „Blue Steel“-Regisseurin Kathryn Bigelow damals die Lebensgefährtin von James Cameron war, was sich vielleicht auf dessen Entscheidung auswirkte, Jamie Lee Curtis für „True Lies“ zu verpflichten.

Filmporträt über Jamie Lee Curtis auf Arte

„Jamie Lee Curtis – Schrei nach Freiheit in Hollywood“, Sonntag, 27.11.2022, 23:00 Uhr, Arte

Filmporträt über Jamie Lee Curtis (Arte): Es darf gealtert werden

Nur ein Beispiel für Zusammenhänge und Themen, über die Valérie Jourdan zügig hinweggeht. Irreführend auch, dass Jourdan „Hollywood“ allein mit der Kinoindustrie gleichsetzt, unrichtig, weil die Filmstudios schon seit den 1950er Jahren zugleich im Fernsehgeschäft tätig sind.

Wenn man die Fernsehproduktion einbezieht, ist es entgegen der Aussage im Film keine „Seltenheit in Hollywood“, dass eine „Schauspielerin mit ihrer Figur älter werden“ darf. Die Fortsetzungsserien des Fernsehens machen es möglich, dass beispielsweise Eileen Fulton mit Unterbrechungen von 1960 bis 2010 die Rolle der Lisa Miller Grimaldi in „As the World Turns“ spielen konnte, übertroffen von Charita Bauer, die von 1952 bis zu ihrem Tod im Jahr 1985 als Bertha Bauer in der Serie „Guiding Light“ mitwirkte, deren Autorenteam wiederholt private Fährnisse der Stammschauspielerin in die Handlung einfließen ließ. Um nur zwei von vielen möglichen Namen zu nennen.

Keine Frage, in einer 55-Minuten-Sendung lassen sich bei weitem nicht alle Aspekte einer 45 Jahre währenden, immer noch anhaltenden Karriere ansprechen. Aber eine sachlich präzisere und insgesamt tiefgründigere Berichterstattung ist im Bereich des Möglichen. (Harald Keller)

Der TV-Sender Arte hat mit einem anekdotenreichen Filmporträt an die Musiklegende Roy Orbison erinnert.

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