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Auf den Spuren Rechtsextremer in den USA

„Exit“, Arte

„Alles war schwarz und weiß“

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„Exit – Mein Weg aus dem Hass“: Ein ausgesprochen persönlicher Film über Aussteiger aus der Nazi-Szene.

Manuel, Anführer einer militanten-Nazi-Bande, wurde im Gefängnis in eine Schlägerei verwickelt. Als er zu unterliegen drohte, seien ihm zwei türkische Insassen zu Hilfe gekommen, berichtet er. Und dann sagt er diesen ungeheuerlichen Satz: „Das war ziemlich erniedrigend, dass sozusagen Tiere einem Menschen helfen mussten.“

Manuel ist einer von mehreren Aussteigern aus der Nazi-Szene, den die norwegische Filmemacherin Karen Winther zu Interviews vor die Kamera bekommen hat. Ihr Interesse an diesem Thema rührt aus ihrer eigenen Geschichte. Sie war selbst als Jugendliche dem extremistischen Wahn verfallen. „Exit – Mein Weg aus dem Hass“ heißt ihr Film, längst nicht der erste zu diesem Sujet, aber ein ausgesprochen persönlicher Beitrag zu einer Debatte, die seit den Filmen von Winfried Bonengel („Beruf Neonazi“, 1993, und „Führer Ex“, 2002) heute eine neue Notwendigkeit erfährt: Warum sind Menschen anfällig für extremistische Gedanken, Gefühle (und Gewalt), und wie kann man eine Person aus dieser Verstrickung in Hass und Wahn befreien?

Die Stärken von Winthers Film sind die Reflexion des eigenen Werdegangs, ohne etwas zu beschönigen, und der folgerichtige Verzicht darauf, sich selbst oder ihre Gesprächspartner für das Vergangene zu verurteilen. Sie zeigt sich oft bei Autofahrten, um Zeit für ihre Überlegungen zu haben. Nazis kommen nur in unscharfen und verwackelten Found-Footage-Seqenzen vor.

Was die Autorin bewegt hat, findet sich auch in den Berichten der anderen Aussteiger wieder: Sich in der Schule als Außenseiterin fühlend, zog es sie zu ihresgleichen. Sie war als Teenager erst linksradikal, bevor sie sich mit 16 den Neonazis in Norwegen zuwandte. Das gemeinschaftliche Erleben von Musik, Propaganda oder Filmen hätte sie „wie eine Droge“ fasziniert, verbunden mit einer „inneren Spannung“, ohne die sie nicht leben zu können glaubte.

Um sich dem Extrem hingeben zu können, brauchte es ein dichotomisches Weltbild: „Alles war schwarz und weiß“ für sie, während es für den ehemaligen Dschihadisten David Vallat „nur gut und böse“ gab. Die Identifizierung mit der eigenen kleinen Gruppe führt dann wie bei Angela King, einst Mitglied der „Aryan Nation“, zur Verschwörungsneurose.

Paranoia und innere Leere waren nicht von Dauer, doch es bedurfte Impulsen von außen für den Ausstieg, etwa im Gefängnis. Bei Manuel war es die anfangs geschilderte „Rettung“ durch Menschen, die er zuvor verachtet und malträtiert hätte, bei Angela ganz ähnlich das solidarische Verhalten von farbigen Mitgefangenen. David Vallat kam zur Besinnung, als ihn die Staatsorgane nicht wie befürchtet folterten, sondern ihn als Häftling mit Rechten behandelten. Karen Winther erfuhr Hilfe von einer – linken – Freundin und vertraute sich dem Extremismusforscher Tore Bjørgo an (der dann das Projekt „Exit Norge“ ins Leben rief).

Zur Wahrheit der Ausgestiegenen gehört aber auch, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist. Angela gesteht, sie habe etwa 15 Jahre gebraucht, um sich selbst zu vergeben. Sie wirkt depressiv. Bisweilen einholt sie ihre Geschichte ein, wie Manuel. Er fühlt sich bedroht von ehemaligen Kumpanen und muss, um seine kleine Tochter zu schützen, nun ein Leben in der isolierten Anonymität führen.

„Exit – Mein Weg aus dem Hass“, Arte, Dienstag, 29. Januar, 22 Uhr

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