+
Alltag auf der Station.

„Elternschule“, ARD

„Elternschule“ in der ARD: Zarah isst

  • schließen

Ein Dokumentarfilm über Hilfe suchende Eltern verzichtet auf einen Kommentar – und Kritik.

Stellen Sie bei diesem Film den Ton nicht zu laut. Sonst könnten Sie vielleicht bald wieder abschalten. Denn gezeigt werden recht oft weinende oder schreiende Kinder. Das ist schwer auszuhalten. Die Eltern dieser Kinder haben es irgendwann nicht mehr ertragen, konnten nicht mehr mit deren Ess- oder Schlafstörungen umgehen. Und haben sich deshalb an die Gelsenkirchener Kinder- und Jugendklinik gewandt, in der Hoffnung, hier Hilfe zu finden. Sie bekommen Hilfe vom Cheftherapeuten Dietmar Langer und seinem Team, aber sie müssen dafür, und vor allem ihre Kinder, durch „ein Tal der Tränen“ gehen, wie Langer einmal formuliert.

Die beiden Filmemacher Jörg Adolph und Ralf Bücheler haben für ihren Film „Elternschule“ über mehrere Wochen die kleinen – und großen – Patienten und die Arbeit der Therapeuten beobachtet. Die Dramaturgie folgt dem Prozess in der Klinik, von der Aufnahme bis zur Entlassung und Nachkontrolle. Die Autoren sehen genau hin (Kamera: Daniel Schönauer), ersparen uns nicht die verzweifelten Kinder, die hilflosen Eltern. Und die Methoden der Ärzte und Schwestern in der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik.

Der Film dokumentiert ausschließlich erfolgreiche Behandlungen der Leiden

Da kommt eine junge Mutter aus Mazedonien, deren Tochter Zarah nicht isst, oder die Mutter des kleinen Felix, der wieder von sich gibt, was er gegessen hat. Ein Zweijähriger leidet unter Psoriasis, ein anderer unter Wutanfällen.

Der Psychotherapeut Langer begegnet Kindern wie Eltern mit Verständnis – aber auch mit Entschiedenheit. Gleich zu Anfang zeigen ihn Adolph und Bücheler an einer Tafel, wo er das Prinzip der Grenzziehung erläutert. Kinder brauchten bei ihrer Welterkundung einen, der sagt: Halt stopp!“. Er begründet das mit einem Atavismus-Argument: Wir Menschen hätten drei Millionen Jahre nur als Naturmenschen existierend in den Genen: „Der Säugling, der heute auf die Welt kommt, erwartet Überleben im Urwald.“ Er müsse dafür sorgen, dass man sich um ihn kümmert. Deshalb sei er der „größte Egoist auf dem Planeten“.

Um die daraus entstehenden Konflikte mit den liebenden Eltern aufzulösen, die unter den Verhaltensweisen ihrer Kindern leiden, sind Langers zentrale Themen „Stress-Steuerung“ und Spannungsabbau. Die Mechanik von Forderung und Spannung, die sich gegenseitig hochschaukeln, zeigt er sehr beeindruckend in einem Schaubild. Es wird deutlich, dass die Erwachsenen die Verantwortung tragen für die Genesung der Kinder.

Der Film enthält sich jeden Kommentars – aber damit auch jeder Kritik. Er dokumentiert ausschließlich erfolgreiche Behandlungen der Leiden. Das ist legitim, hat allerdings heftige Reaktionen hervorgerufen nach den ersten öffentlichen Aufführungen. Ein Vorwurf lautete, die Kinder würden gequält. Das erleben die Kinder womöglich auch so. Tatsächlich fällt in „Elternschule“ nur ein einziges Mal das Wort „Angst“ (bei einer Team-Besprechung), und Langer nutzt bei einem Spaziergang mit einer Fünfjährigen deren Furcht, alleingelassen zu werden, indem er sich entfernt, um sie zum Weitergehen zu bringen. Der Therapeut spricht aber nicht von Angst, er nennt die Wege, wie Kinder gegenüber Eltern agieren, „Strategie“. Aber er hat offenbar Erfolg. Die kleine Zarah isst am Ende wieder.

Koryphäen der Pädagogik wie Remo Largo (Autor von „Babyjahre“) oder der Mediziner Herbert Renz-Polster lehnen Langers Methodik ab. Renz-Polster, der die "bindungsorientierte Erziehung" propagiert, die eher darauf setzt, dem Kind Sicherheit zu vermitteln, hat der Süddeutschen Zeitung gegenüber formuliert, der Film „tritt mit Füßen, wofür wir seit vielen Jahren kämpfen“. In dem SZ-Artikel gestehen die beiden Filmemacher auch, dass sie das Konzept der "bindungsorientierten Erziehung" nicht gekannt hätten. Mit solchen Lücken aber wird die kommentarlose Schilderung eines doch für alle Eltern elementaren Themas zum Problem. Manchmal genügt es eben nicht, nur genau hinzuschauen.

„Elternschule“, ARD, Mittwoch, 23 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare