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Familienurlaub mit Freunden: Tinka (Anna König, 2. v. re.), ihr Sohn Paul (Arsseni Bultmann, re.) und ihr Freund Jürgen (Janek Rieke, 2. v. li.) treffen sich mit Lars (Philipp Hochmair), Diana (Caro Scrimali) und deren Tochter Charlie (Lena Mayr, li.) auf Teneriffa.

„Ein Ferienhaus auf Teneriffa“

Pfeffer im Po

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Der Freitagsfilm im „Ersten“ beginnt wie eine belanglose Urlaubskomödie über zwei unterschiedliche Familien, entwickelt aber überraschend viel Biss.

„Ein Ferienhaus auf Teneriffa“: Das klingt nach Sonne, Meer und Urlaub; ein Stoff also, wie er lange typisch war für den Freitagabend im „Ersten“. Unter neuer Führung hat die ARD-Tochter Degeto vor einigen Jahren begonnen, auf diesem Sendeplatz Geschichten zu erzählen, die für das bisherige Stammpublikum zu abseitig waren. Homosexuelle Paare mit Kinderwunsch oder ein junger Mann, der lieber eine Frau wäre: Das war trotz komödiantischer Verpackung offenbar für viele Zuschauer zu weit weg von der eigenen Lebensrealität. Filme wie „Ein Ferienhaus auf Teneriffa“ sind ein Kompromiss: Titel und Schauplatz versprechen neunzig Minuten Flucht aus dem Alltag; und dann schlägt die Handlung eine zwar nicht völlig unerwartete, aber konflikthaltige Richtung ein.

Schon der Auftakt beginnt mit einer kleinen Irritation: Zwei Familien begrüßen sich, doch die Fröhlichkeit wirkt gezwungen. Dass sie sich zu sechst in ein Ferienhaus quetschen müssen, weil es bei der Buchung des zweiten Domizils ein Missverständnis gab, macht den „Familienurlaub mit Freunden“, wie der Arbeitstitel lautete, nicht leichter. Prompt entwickelt eins der beiden Paare eine unsympathische Hochnäsigkeit, die vor allem Tinka (Anna König) gilt. Die Krankenschwester aus Essen ist die neue Lebensgefährtin von Jürgen (Janek Rieke), dem früheren Geschäftspartner und besten Freund von Architekt Lars (Philipp Hochmair). Um dessen Ehe steht es indes nicht mehr zum Besten, zumal sich Gattin Diana (Caro Scrimali) überflüssig fühlt: Die 14jährige Tochter Charlie wird flügge, Lars vergnügt sich lieber mit seiner Assistentin als mit ihr, und ihren Beruf hat sie einst aufgegeben, um sich ganz der Familie widmen zu können. Trotzdem schauen die beiden mit einem gewissen Dünkel auf das andere Paar herab: Tinka ist eine Frohnatur mit zweifelhaftem Geschmack, und Jürgen, der die gemeinsame Firma in die Insolvenz geführt hat, liebäugelt mit einem sicheren Job in der Stadtverwaltung. Lars ist angesichts dieser spießigen Lebensplanung mit mutmaßlichem Reihenhaus schockiert und macht Jürgen ein Angebot, dass dieser kaum ablehnen kann: Er soll die Bauleitung eines Klinikprojekts in Dubai übernehmen. Auf diese Weise wäre er zwar schnell seine Schulden los, aber auch Tinka, die ihn eigentlich gern heiraten möchte, zumal ihr 12jähriger Sohn Paul gut mit Jürgen klarkommt.

Caro Scrimali: Eine Entdeckung für den Fernsehfilm

Das mag als Handlung für ein anspruchsvolles Publikum immer noch zu wenig sein, erst recht gemessen an den Filmen des vielfach ausgezeichneten Regisseurs Stefan Krohmer; der hat zuletzt mit „Zur Hölle mit den anderen“, einer bösen Tragikomödie über einen völlig aus dem Ruder laufenden Grillabend unter Freunden, einen inhaltlich ganz ähnlichen Film gedreht. Aber Johannes Rotter (Buch) und Sabine Bernardi (Regie) zeigen sehr anschaulich und nachvollziehbar, wie sich erste Risse in den Beziehungen offenbaren; nicht nur innerhalb der beiden Paare, sondern auch zwischen den alten Freunden. Anna König hat mit ihrem Temperament dafür gesorgt, dass „Lügen, die von Herzen kommen“, eine Komödie aus der ZDF-Sonntagsreihe „Chaos Queens“, mal was Anderes als die üblichen Pilcher- und Lindström-Filmchen war. Auch die Rollen der beiden Freunde sind mit Philipp Hochmair als abenteuerlustiger Lars und Janek Rieke als eher auf Sicherheit bedachter Jürgen treffend besetzt; keine Frage, wer von den beiden einen Fahrradhelm trägt, als sie einen Berg auf Mountainbikes runterbrausen.

Eine Entdeckung für den Fernsehfilm ist Caro Scrimali. Diana führt sich wie eine Spaßbremse auf. Das macht die Figur zwar nicht sympathisch, aber schauspielerisch ist das natürlich reizvoll, zumal Diana angesichts der diversen Zwischenfälle zielsicher auf einen Nervenzusammenbruch zusteuert. Vorzüglich geführt hat Bernardi, die zuletzt diverse Folgen der Vox-Serie „Club der roten Bänder“ inszeniert hat, auch die beiden Kinder, Lena Mayr und Arsseni Bultmann. Sie sind wichtig für die Geschichte, weil einige der Ereignisse mehr oder weniger direkt durch sie ausgelöst werden; dass sich Paul in die ältere Charlie verliebt, sorgt für weitere Komplikationen. Schließlich mündet eine Auseinandersetzung zwischen den beiden Freunden in eine handfeste Rauferei, und weil dabei ein Polizist eine Rolle spielt, landen sie am Ende auch noch im Gefängnis.

Gut geschrieben und umgesetzt sind jedoch vor allem die bösen Beiläufigkeiten, die dafür sorgen, dass sich das Vorzeichen des Films schleichend wandelt. Wenn Lars seinem Freund zu Tinka gratuliert, weil sie „Pfeffer im Po“ habe, ist das ein vergiftetes Kompliment, weil er damit sagen will: Bei so viel Temperament ist doch egal, was sie im Kopf hat. Am Schluss, als es zum endgültigen Zwist zwischen den Paaren kommt, bezeichnet Diana Tinka als „Frau Flodder“, eine Anspielung auf eine auch hierzulande recht erfolgreiche holländische Filmreihe aus den Neunzigerjahren über eine sozial benachteiligte Familie gleichen Namens. Natürlich weiß Bernardi, was sie dem Sendeplatz schuldig ist, weshalb es diverse schmückende Urlaubsbilder gibt, aber sehenswert ist „Ein Ferienhaus auf Teneriffa“ vor allem wegen des Ensembles.

Zur Sendung

Tragikomödie „Ein Ferienhaus auf Teneriffa“
Sendetermin: Samstag, 22.6., ARD, 20.15 Uhr
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