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Silke (Juliane Köhler) und Jürgen (Wolfram Koch) beobachten am Strand die Ankunft eines Flüchtlingsbootes.

„Eden“, arte

Ein komplizierter Kontinent

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Dieses europäische Panorama über die Flüchtlingskrise kehrt zu den ursprünglichen Stärken des Miniserien-Formats zurück: komplexe internationale Zusammenhänge menschlich zu erzählen.

Die Miniserie bleibt die Zuflucht der Indie-Regisseure: Von Laetitia Masson über Steven Soderbergh bis Jane Campion haben die etablierten Autorenfilmer der letzte 20 Jahre einen sicheren Hafen im neuen Qualitätsfernsehen gefunden – und in der Miniserie eine faszinierende neue Erzählform, die ihnen mehrere Stunden Zeit gibt. Die Themen und Genres behalten sie dabei gerne (Masson das Sozialdrama, Soderbergh das Kuriositäts-Portrait und Campion den feministischen Blickwinkel), nur das Format ändert sich.

Und so darf man nun bei arte auch den französischen Filmemacher Dominik Moll begrüßen, der vor zehn Jahren schonmal mit furiosem Autorenkino wie „Lemming“ und „Harry meint es gut mit dir“ aufgefallen war – beides schonungslose und subversive Analysen des westlichen Wohlstandsbürgertums. Aber im Gegensatz zu den oben genannten Regisseuren hat sich Moll bei dieser Serie über die europäische Einwanderungskrise schlagkräftige Hilfe gesucht: In einem durchaus edel besetzten Writers Room sticht vor allem der Name des Co-Erfinders Edward Berger heraus. Der hatte sich hierzulande ebenfalls als Autorenfilmer hervorgetan, war in den letzten Jahren aber zunehmend in die Regie-Schiene von internationalen Prestige-Miniserien wie „Deutschland 83“ und „Patrick Melrose“ gewechselt. Dass er sich für dieses Projekt nochmal an den Schreibtisch hat locken lassen, sagt viel über den Stellenwert dieser Serie.

Worum also der ganze Trubel? „Eden“ ist ein Projekt, das ambitionierter kaum sein könnte. In der Tradition der genre-prägenden Miniserien wie „Traffik“ aus dem Jahr 1989 versucht „Eden“, ein komplexes gesellschaftliches Thema in all seinen Facetten abzubilden – und in all seinen europäischen Schauplätzen. Ein griechischer Touristenstrand wird buchstäblich von afrikanischen Flüchtlingen überrannt. Die Betreiberin eines privaten Flüchtlings-Camps kämpft in Brüssel mit den moralischen und wirtschaftlichen Aspekten ihrer Arbeit. Eine deutsche Familie nimmt einen jungen Syrer bei sich auf, während eine Flüchtlingsfamilie in Paris ein neues Leben anfangen will und zwei afrikanische Brüder in Athen zwischen Bleiben und der Weiterreise nach England hin- und hergerissen sind.

All diese Stränge sind ausgezeichnet recherchiert, werden über knapp sechs Stunden auf ihre dramatische Spitze geführt und bleiben vor allem menschlich zutiefst bewegend. Die griechischen Sicherheitsleute sind dabei genauso voll ausgefüllte Charaktere wie die Brüsseler EU-Bürokraten, die syrischen Geflüchteten oder die deutsche Kleinfamilie. Das sind nicht immer die originellsten oder subtilsten Migrations-Geschichten, aber das ist auch nicht das Pfund, mit dem diese Miniserie wuchern will. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist das große Bild, auf dem all diese Stränge endlich einmal vereint sind; es geht um die Zusammenhänge, die sichtbar werden, über alle Länder- und Standesgrenzen hinweg.

Dabei ist es besonders empfehlenswert, auf die Orginaltonspur (natürlich mit Untertiteln) zu wechseln, wo ein gutes Dutzend Sprachen gesprochen wird – die geradezu babylonische Sprachverwirrung ist nicht nur Teil des europäischen Realismus, sondern auch ein kluger Status-Hinweis: Wer spricht mit wem in wessen Muttersprache, wer muss mit wem englisch sprechen, wer hat oder kann oder will deutsch oder französisch sprechen? Da wartet eine ganze zusätzliche Welt an Subtext auf den Zuschauer, der sich darauf einlässt. Zumal neben Sylvie Testud und Juliane Köhler noch zahlreiche andere preisgekrönte europäische Schauspiel-Schwergewichte auflaufen und durchaus überzeugen.

„Eden“ wurde ursprünglich in drei spielfilmlange Folgen strukturiert, für die Ausstrahlung jetzt aber in sechs einstündige Episoden gegliedert. Es hat damit nicht nur die klassische Länge, sondern wirkt auch sonst wie ein Rückgriff auf die frühen Miniserien der 80er und 90er Jahre, vor allem aus dem britischen Raum, bevor dieses Format weltweit so aufgeblüht ist: ein Eintauchen in ein wichtiges, aktuelles, fiktionalisiertes Thema, das nicht aus Spass an der Freude sechs Stunden dauert – sondern weil das Thema genau diesen Umfang benötigt, um in seiner Gänze dargestellt zu werden. Es mag flamboyantere und stilisiertere Miniserien geben dieses Jahr; es gibt sicherlich literarischere oder originellere. Aber als europaweites Projekt wird man dieses Jahr vermutlich keine Miniserie finden, die gesellschaftlich wichtiger ist.

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