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Botschafterin Karla Lorenz (Natalia Wörner, Mitte) ist eine Freundin der Familie von dem französischen Botschafter Claude Beaumont (Jean-Yves Berteloot), seiner Frau Margo (Jeanne Tremsal) und seinem Sohn Philipp (Johannes Meister, li.).

„Die Diplomatin: Böses Spiel“, Das Erste

Dunkle Tage in Prag

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Im vierten Film der Reihe „Die Diplomatin“ hat sich Weltenbummlerin Karla Lorenz in Prag eingerichtet, bleibt aber weiterhin eigensinnig.

Einmal tröstet Botschafterin Karla Lorenz (Natalia Wörner) ihren Mitarbeiter Nikolaus Tanz (Jannik Schümann), weil der seine Tage mit Anträgen und Auskünften verbringen muss und doch viel lieber auf politischem Parkett tätig wäre. In dieser Szene klingt die gemeinsame Vergangenheit der beiden an, die in bislang drei neunzigminütigen Spielfilmen erzählt wurde. Die wiederkehrenden Figuren dieser Reihe erinnern sich also an frühere Vorgänge.

Vordergründig eine banale Beobachtung, aber so selbstverständlich sind solche Inhalte gar nicht. Lange Jahre war es üblich, dass Serien- und Reihenepisoden trotz gleichbleibenden Personals in den Hauptrollen in sich abgeschlossen waren und keine Bezüge zu früheren Geschehnissen aufwiesen. Das führte nicht selten zu abenteuerlichen Volten, wenn beispielsweise ein „Tatort“-Kommissar plötzlich einem angeblich langjährig besten Freund beistehen muss, den das Publikum nie zuvor gesehen hat.

Eine Reihe mit inhärentem Gedächtnis erfordert auf Seiten der Produktion zwangsläufig mehr Aufmerksamkeit. Die beteiligten Autorinnen und Autoren müssen sich intensiv mit der Vorgeschichte ihrer Protagonisten befassen. Dafür gibt es die „Produktionsbibel“, in der sämtliche Details des jeweiligen Erzählkosmos festgehalten werden.

Nervosität in politischen Kreisen

Der Film „Böses Spiel“ aus der Reihe „Die Diplomatin“ hat eine Vorgeschichte, die aber nicht bekannt sein muss, um die Handlung verfolgen zu können. Karla Lorenz (Natalia Wörner) hatte im Vorgängerfilm den Botschafterposten in Prag übernommen. Zuvor war sie als Außenamtsmitarbeiterin für besondere Aufgaben in Manila und in Tunis im Einsatz, bewegte sich dort in grauen Zonen zwischen Diplomatie und nachrichtendienstlicher Tätigkeit. Mit dem Film „Jagd durch Prag“ verband sich der Autorenwechsel von Holger Joos zu Christoph Busche und damit eine Konsolidierung im Lebenslauf der Hauptfigur. Brisant blieb die Reihe weiterhin. Zuletzt wurde Karla Lorenz mit ausgelagerten Folterpraktiken der USA konfrontiert, aktuell ist sie privat wie beruflich mit einem Kriminalfall befasst, der, wie sich zeigt, ebenfalls in politische Kreise reicht und bei tschechischen, französischen und deutschen Strippenziehern für Unruhe sorgt. Lorenz bekommt den Druck zu spüren, soll auf die „höheren Interessen“ Rücksicht nehmen, lässt sich aber nicht korrumpieren.

Liebhaber oder Lockvogel?

Diese Hintergründe sind zunächst nicht abzusehen. Zwei junge Frauen unternehmen eine Busreise nach Prag, wollen dort ein paar Tage lang den Übermut der Jugend ausleben. Schon am ersten Tag lernen Vanessa Kampmann (Anna-Lena Schwing) und Lydia Bruhns (Valeria Eisenbart) einen Galan namens Philippe Beaumont (Johannes Meister) kennen und folgen ihm in sein luxuriöses Zuhause. Die Eltern sind nicht da, hinter Panoramafenstern mit malerischem Blick auf die Moldau serviert der liebenswerte Lockenkopf Champagner. Die romantische Stimmung kippt, als sich eine Clique ungezogener Lümmel zu ihnen gesellt. Vanessa möchte bleiben, Lydia geht. In der Nacht wird die brutal zusammengeschlagene Vanessa vor einem Krankenhaus aus dem Auto geworfen. Sie liegt im Koma und es bleibt fraglich, ob sie je wieder aufwachen wird.

Karla Lorenz erfährt davon, als sie mit ihrer Freundin Margo Beaumont (Jeanne Tremsal) ihre morgendliche Laufrunde absolviert. Margo ist die Frau des französischen Botschafters, Philippe ihr Sohn. Der von der Schulbank weg festgenommen wurde. Karla unterstützt die Freundin und muss sich dann auch dienstlich mit dem Vorfall befassen, denn das Opfer ist Deutsche.

Sprachakrobatik

Die Handlung nimmt allerlei Wendungen und es ist ein Qualitätsmerkmal, dass Karla Lorenz‘ Sichtweise nicht, wie es das Publikum von konventionellen Fernseherzählungen und ihren Leitfiguren gewohnt ist, als richtig vorausgesetzt wird, sondern dass ihr Irrtümer, Zweifel und vor allem bittere Lernprozesse zugeschrieben werden. Modern auch die diskontinuierliche Erzählweise, die in kurzem Takt zwischen den Zeitebenen hin und her springt. Umso betrüblicher, dass selbst einem routinierten Regisseur wie Roland Suso Richter Schlampereien im Umgang mit Fremdsprachen passieren. Da besucht beispielsweise der Botschaftsangehörige Nikolaus Tanz zu Recherchezwecken Philippes Schule, ein französisches Lyzeum, und wird dort von einem ihm bis dahin unbekannten französischen Lehrer prompt auf Deutsch angesprochen. Tschechisch ist so gut wie gar nicht zu hören. Wer in Geografie nicht aufgepasst hat, könnte fast auf den Gedanken kommen, dass Prag auf deutschem Boden liegt.

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