Zwei Personen in Fantasy-Kostümen
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Die Arte-Dokumentation „Die Geschichte der Fantasy“ hat einen sinnvollen und originellen Ansatz. (Symbolbild)

TV-Kritik

„Die Geschichte der Fantasy“ auf Arte: Monster, Muster, Mutationen

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Originell und informativ: Eine Arte-Dokumention schlägt den Bogen von Fritz Langs Nibelungen bis zu „Game of Thrones“.

  • TV-Kritik zur Arte-Domukentation „Die Geschichte der Fantasy“.
  • Der Film geht einen sehr originellen und sinnvollen Weg.
  • Teilweise hapert es aber an den Übersetzungen.

Frankfurt - Wo anfangen, wenn die Geschichte fantastischer Erzählungen aufgeblättert werden soll? Bezieht man religiöse Überlieferungen mit ein? Die klassischen Sagen des Altertums, wie sie einst von Pfarrer Gustav Schwab, um alle Pikanterien bereinigt, der Jugend dargebracht und noch im späten 20. Jahrhundert gern an Kindergeburtstagen verschenkt wurden? Ebenso wie „Die schönsten Helden- und Rittersagen des Mittelalters“ von „Eva Leitgeb“, Pseudonym des vormals aktiven Nationalsozialisten Gerhard Aichinger.

TV-Kritik zu „Die Geschichte der Fantasy“ auf Arte: Doku geht einen sinnvollen Weg

Die Autorin Vila Löffler geht in ihrer zweiteiligen Filmdokumentation „Die Geschichte der Fantasy“ einen anderen, originellen und sehr sinnvollen Weg. Sie zeigt mit Unterstützung von Praktikern und Experten die Erzählmuster dieses Genres auf, die sich dann von der Zuschauerschaft auf die bekannten Mythen übertragen lassen.

Einer der Gewährsleute ist Wolfgang Hohlbein. Nun wird der erfolgreiche Fantasy-Autor nicht einfach wie in konventionellen TV-Dokumentationen vor die Bücherwand gesetzt und abgefragt. Stattdessen stellt Löffler ihm die Illustratorin Lisa Henke zur Seite. Während sie gemeinsam Ideen entwickeln und an diesen Beispielen typische Merkmale von Fantasy-Erzählungen aufzeigen, kreiert Henke mit Stift und Pinsel ad hoc passende Motive. Fantasy muss gar nicht weltfern sein, wie die beiden beweisen. Sie nehmen als Ausgangspunkt ihrer Überlegungen die Bedrohung von Natur und gewachsener Siedlungen durch den alles verschlingenden Braunkohletagebau. So nahe können Monster sein.

Diese Szenen ziehen sich durch die gesamte erste Folge, die noch weit mehr bereithält. Die Haltung der Autorin zu ihrem Sujet ist sympathisierend, aber nicht unkritisch. Sie erlaubt sich die eine oder andere pointierte Formulierung und präsentiert ein Rezept für die Erschaffung genretypischer Protagonisten: „Eine gepfefferte Prise Mut, dazu ein paar Tropfen Leidensfähigkeit, etwas klebrig-süße Gutmütigkeit hinzugeben, alles gut verrühren – fertig ist der Einheitsbrei, aus dem das Grundgerüst der meisten archetypischen Fantasy-Helden besteht.“

TV-Kritik zu „Die Geschichte der Fantasy“ (Arte): Das größte Unglück der Fantasy-Literatur

Unbestreitbar gibt es gewisse Schnittmuster für diese Art von Unterhaltungserzählung und obendrein eine Fülle an Klischees. Hermann Weigel, Koautor des Drehbuchs zu „Die unendliche Geschichte“ und Filmproduzent, bestätigt es vor der Kamera und reagiert interessanterweise recht unwirsch auf die ewige Wiederkehr des Immergleichen: „Ich glaube, dass die ‚Heldenreise’ das größte Unglück der Fantasy-Literatur und des Fantasy-Films überhaupt ist.“ Denn: „Jeder Leser, jeder Zuschauer dieser Filme kennt jede Wendung im Schlaf. Die Einfallslosigkeit schreit einen in der ersten Minute schon an.“

Es sei all jenen ins Stammbuch geschrieben, die gutgläubig irgendwelchen Ratgeberbüchern oder Web-Kursen folgen, in denen erklärt wird, wie man den ultimativen Fantasy-Bestseller verfasst. In einschlägigen Foren findet man dann Fragen wie die, ob man den Wendepunkt auf Seite 231 oder besser auf Seite 234 anlegt.

Wie man es richtig macht, zeigt der gelernte Journalist, Drehbuch- und Romanautor George R. R. Martin, vor allem bekannt geworden durch seinen Zyklus „Das Lied von Eis und Feuer“, der unter dem Titel „Game of Thrones“ vom US-Abosender HBO als Serie verfilmt und zum Welterfolg wurde.

„Die Geschichte der Fantasy“ (Arte) – Vermisst: Kriegerprinzessinnen und Vampirjägerinnen

Martin kommt unter anderem zu Wort, als die Autorin den Wandel der Geschlechterrollen im Fantasy-Film anspricht, sehr schön und überzeugend exemplifiziert anhand der Disney-Animationsfilme von „Cinderella“ bis „Vaiana“. Martin weist darauf hin, dass er in seiner noch nicht abgeschlossenen Romanreihe ein enormes Figurenensemble zur Verfügung hat. Was es ihm erleichtert, unterschiedlichste Charaktere und eben auch Frauenfiguren zu entwerfen.

Hier mischen sich, was der Dokumentation eine irreführende Tendenz gibt, Roman, Kino und Fernsehserie. Denn TV-Serien mit größerem Personal, Kennzeichen der zu Unrecht als minderwertig bewerteten Erzählform der Soap Opera, die mit Fortsetzungsmelodram besser bezeichnet wird, gibt es seit langem. Dort lässt sich zudem häufig beobachten, dass, wie die Autorin erst für die jüngere Zeit konstatiert, „die starre Grenze zwischen Schwarz und Weiß“ hinterfragt werde. An dieser Stelle hätten stellvertretend für das US-amerikanische Serienschaffen beispielsweise „Hercules“ (1995-1999) und „Xena – Die Kriegerprinzessin“ (1995-2001) Erwähnung finden können, beide produziert von Sam Raimi und Robert G. Tapert, die auch für die Science-Fiction-Serie „Cleopatra 2525“ (2000-2001) verantwortlich zeichnen, in der wie in „Xena“ die Frauen das Sagen haben. Weibliche Figuren mit Charaktereigenschaften aller Nuancen gab es in „Buffy – Im Bann der Dämonen“ (1997-2003), „Star Trek: Voyager“ (1995–2001) und noch einigen mehr. In den Premium-Soaps sowieso, und das seit den Sechzigerjahren.

„Die Geschichte der Fantasy“, zweiteilige Dokumentation, Sonntag (02.08.2020), ab 23:55 Uhr, Arte

An dieser Stelle hätte der Dokumentation etwas mehr Trennschärfe gutgetan, auch innerhalb des Themenkomplexes Kino. Denn hier bleibt die Autorin durchweg beim Mainstream-Angebot, während die Fantasy doch seit je gerade im Subkino der Low-Budget-, B- und Direct-to-Video-Filme gedeiht und die tollsten Blüten hervorgebracht hat. Von Hollywoods Kraftprotz-Filmen im Stil von „Conan der Barbar“ ist die Rede, deren Ästhetik nicht zuletzt vom en gros produzierten italienischen Van- und Sandalenkino der Fünfziger und Sechziger zehrt. Zu deren Fans übrigens ein junger Teenager namens Arnold Schwarzenegger zählte.

„Die Geschichte der Fantasy“ (Arte): Nachlässigkeit bei den Übersetzungen

Leicht verwirrend, aber letztlich verschmerzbar sind die willkürlich anmutenden zeitlichen Sprünge. Störender schon die eigenwillige Grammatik in Sätzen wie „wonach ihm begehrt“ und „Faszination mit dem Mittleren Osten“ und die schiefen Bilder („Antihelden treffen den Zahn der Zeit“).

Nachlässigkeit scheint auch bei den Übersetzungen gewaltet zu haben. Der Filmjournalist David Butler referiert, umgeben von Fan-Zubehör zur Kultserie „Doctor Who“, über den Stummfilm „Der Dieb von Bagdad“ von 1924 und wird unter anderem übersetzt mit den Worten: „Ich denke, dass einem das etwas über die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg verrät.“ Kurz noch mal nachdenken – 1924 und Zweiter Weltkrieg? Vielleicht verfügte der damalige Regisseur Raoul Walsh über eine Zeitmaschine. Aber das gehört dann eher ins Reich der Fantasie... (Harald Keller)

Die Arte-Dokumentation „Gerhard Schröder - Schlage die Trommel“ zeigt das Leben des SPD-Politikers aus einfachen Verhältnissen bis zum Aufstieg zur Macht und seine Aktivitäten als Alt-Kanzler. Eine andere Arte-Doku bringt dem Zuschauer die „Hotel-Legenden“ näher: Der Film ist der geschichtsträchtigen Berliner Luxusherberge Adlon gewidmet.

Porsche kann ja jeder – wer richtig auffallen will, fährt einen Saporoshez. Die launige Dokumentation „Autos im Sozialismus: Freiheit auf vier Rädern“ auf Arte wirft einen Blick zurück auf die Blechschmieden des Ostblocks. 

Zu lang, optisch unspektakulär und schwach in den Nebenrollen: Warum das Dokudrama „Johannes Kepler, der Himmelsstürmer“ auf Arte mit Christoph Bach nicht der gelungenste Film, aber dennoch sehenswert ist.

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