Die TV-Doku „Der Flussbaumeister“ auf Arte spielt am Rhein (Archivbild).
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Die TV-Doku „Der Flussbaumeister“ auf Arte spielt am Rhein (Archivbild).

Dokumentation

„Der Flussbaumeister“ (Arte): Keine Strapazen in heißen Sommernächten

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Eine kurzweilige, mit Spielszenen durchsetzte Dokumentation auf Arte im TV widmet sich den Innovationen des badischen Ingenieurs Johann Gottfried Tulla.

Wer mit heutigen Augen auf den Rhein des 19. Jahrhunderts blickt, fühlt sich wohl eher an den Orinoco, Kongo oder Mekong erinnert. Eine Vielzahl von Armen schlängelte sich durch die urwaldartige Landschaft. Allenthalben kleine Inseln, die Ufer morastig, die Strömung ungebändigt. Schiffbar nur mit kleinen Kähnen. Der Fluss verlangte Opfer. In den Auen gediehen Stechmücken, die die Malaria übertrugen. Damals machte man noch die faulige Luft verantwortlich, daher der aus dem Italienischen stammende Name: „mal’aria“. Der Rhein war kräftig genug, um ganze Siedlungen mit sich zu reißen. Auch Särge, so besagt eine makabre Überlieferung, wonach der Fluss einen Friedhof freispülte und die Toten mit sich nahm.

„Der Flussbaumeister“ (Arte): Bildungsreisen durch ganz Europa

Peter Bardehle, Marc Ottiker und Christian Stiefenhofer haben diese und andere Szenen nachstellen lassen für ihren Film über den badischen Ingenieur Johann Gottfried Tulla, der den wilden Fluss menschlichem Willen unterwarf. Anfang des 19. Jahrhunderts keine leichte Aufgabe, denn schwere Maschinen gab es nicht. Selbst menschliche Arbeitskraft war knapp.

Das Autorentrio erzählt zunächst die Vorgeschichte. Den Werdegang Tullas, der nach dem Willen der Familie eigentlich Pfarrer werden sollte, dank der Intervention eines aufmerksamen Lehrers aber seiner Begabung folgen und Naturwissenschaftler werden konnte. Auch das verlief anders als heute gewohnt. Dank einer Apanage des fortschrittlich eingestellten badischen Markgrafen Karl Friedrich bereiste Tulla die Niederlande, das deutsche Reich, Dänemark, um Studien zu treiben.

„Der Flussbaumeister“ auf Arte: Ausbildung nach Lehrplan gab es nicht

Eine Ausbildung nach Lehr- oder Studienplan gab es nicht. Seinem Gönner musste Tulla regelmäßig Berichte liefern und penibel Rechenschaft ablegen über seine Ausgaben. Dank dieser Dokumente sind seine frühen Reisen für Historiker heute gut nachvollziehbar.Dazu gehören auch seine Schwierigkeiten in Paris, wo er an der École polytechnique studieren und nebenbei noch die französische Sprache lernen sollte. Letztlich brachte er das nötige Wissen mit, um sein Lebensprojekt, die Begradigung des Rheins, anzugehen. Ohne die Mittel der damals modernen Wissenschaft, vor allem ohne die Einführung eines einheitlichen Längenmaßes, des Meters, wären die Bemühungen aber wohl umsonst geblieben – es bedurfte eines cleveren Kniffs, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Tullas Lebenslauf für sich ist schon fesselnd, zugleich aber, wie die Autoren zu vermitteln verstehen, untrennbar verbunden mit den damaligen politischen Entwicklungen in Europa.

„Der Flussbaumeister“ (Arte): Mit Rücksicht auf Napoleon

1804 kürte sich Napoleon zum Kaiser, im Jahr darauf zum König von Italien. Baden lag zwischen Frankreich und seinen Widersachern. Der Markgraf stellte sich gut mit Paris, eine arrangierte Ehe sollte den Bund festigen. Wieder kommt der Rhein ins Spiel: Er markierte die Grenze zwischen den beiden Ländern. Nur suchte er sich ständig neue Wege. Auch ein Grund, weshalb der Fluss in ein festes Bett gezwungen werden musste.

Spielszenen, Expertenaussagen, Bilder vom heutigen Rhein lösen einander ab. Auch die ökologischen Folgen derartiger Wasserbaumaßnahmen und die seit einiger Zeit begonnenen Renaturierungen sind Thema der neunzigminütigen Dokumentation, alles locker und kurzweilig arrangiert, dass das Ansehen auch an heißen Sommerabenden nicht zur Strapaze wird. (Von Harald Keller)

„Der Flussbaumeister“, Samstag, 15.8., 20:15 Uhr, Arte

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