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Bürgermeister Herbst (Fabian Busch) spricht Emma (Antje Traue) auf alte Zeiten an. Schon früher hatten sie sich nicht gut verstanden.

„Dead End“, ZDFneo

„Dead End“: Wider alle Konvention

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Antje Traue gibt in der wendungsreichen ZDFneo-Serie „Dead End“ eine abgründige Rechtsmedizinerin.

Ein Kleinstadtbahnhof in der brandenburgischen Provinz. Cowboystiefel in Großaufnahme. Noch ist die dazugehörige Person unter einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze verborgen … „Dead End“ wäre nicht die erste Fernsehproduktion, die ostdeutsche Landschaften als Kulisse für eine Paraphrase des Westerngenres nutzen würde. Schon 1997 hatte Manfred Stelzer mit der „Polizeiruf 110“-Folge „Der Fremde“ diesbezüglich Maßstäbe gesetzt.

Aber die Autoren Magdalena Grazewicz, Thomas Gerhold und Christopher Schier, der auch die Regie übernahm, haben etwas anderes im Sinn. Die Rückkehr der Hauptfigur Emma Kugel (Antje Traue) in ihre alte Heimat zitiert zwar ein bekanntes Westernmotiv, die Geschichte nimmt aber eine ganz andere Wendung. Die erste von vielen. „Dead End“ erweist sich, in Gänze betrachtet, als abwechslungsreiche Jonglage mit Konventionen und eingeschliffenen Erwartungen. Die Erzählung geriet zu einer spielerisch angerichteten Mischung aus episodisch geschlossenen und übergreifenden Handlungssträngen. Entsprechend wäre es unangebracht, nach dem Realitätsgehalt zu fragen.

Michael Gwisdek spielt den Leichenbeschauer

Ansonsten müsste man schon die Prämisse infrage stellen. In kleinen Orten wie dem Städtchen Mittenwalde sind Rechtsmediziner mit eigener Praxis normalerweise nicht anzutreffen. Hier hingegen gibt es gleich Arbeit für zwei. Peter Kugel (Michael Gwisdek) hat die Funktion des amtlichen Leichenbeschauers inne, die heimgekehrte Tochter Emma schließt sich ihm an. Vorgeblich ist sie zum 75. Geburtstag des Vaters angereist, aber Folge um Folge wird deutlicher, dass in den USA, wo sie ebenfalls als Rechtsmedizinerin tätig war, etwas vorgefallen sein muss. Sie war liiert dort, mit einem gewissen Kevin Dorsett (Nikolai Kinski). Aber wenn der anruft, nimmt sie das Gespräch nicht an. Eines Tages tritt er ihr völlig überraschend entgegen. Emma reagiert sonderbar, begrüßt ihn ‒ und verabschiedet sich ins Bett.

Emma Kugel bleibt durch die Bank eine rätselhafte Figur, sphinxhaft, wortkarg, verschroben. Vergängnis und Verwesung bereiten ihr kein Unbehagen. Als sie beim Joggen einen toten Rehbock findet, trägt sie den Kadaver kurzerhand nach Hause. Als Rechtsmedizinerin ist sie eine Koryphäe. Da ihr Vater erste Anzeichen einer Demenz zeigt, geht sie ihm bei der Untersuchung unnatürlicher Todesfälle zur Hand.

Es sind erstaunlich viele für so eine kleine Stadt. Der Bürgermeister Lars Herbst (Fabian Busch) tobt und beschwört Emma, schnellstens wieder abzureisen. Man kennt sich von früher. „Wo du auftauchst, machst du Probleme“, wettert er und gibt ihr die Schuld daran, dass Dorfpolizistin Betti Steiner (Victoria Schulz) mit der Arbeit kaum noch nachkommt. Steiner aber sind die zahlreichen Einsätze gar nicht einmal so unlieb, bieten sie ihr doch Gelegenheit, mit Emma Kugel zusammenzuarbeiten. Denn Betti schätzt an Emma nicht nur deren berufliche Kompetenz.

Erinnerungen an „Inspector Barnaby“

Zwangsläufig spaltet ein solches Serienkonzept einer kühnen Mischung aus forensischer Detektion, Thrill, Grusel, makabrem Humor und Romanze die Gemüter. Das Autorenteam, das einer Idee von Laura Lackmann folgte, heckt Krimiplots aus, die in ihrer Skurrilität an britische Serien wie „Inspector Barnaby“ oder „Death in Paradise“ erinnern, besetzt die Ermittlerrolle aber mit einer mehr als ambivalenten Figur, die nicht auf Anhieb zur Identifikation einlädt. Im zwischenmenschlichen Umgang verhält sich Emma Kugel untersensibilisiert, humorlos, kühl, geht aber mit großer Leidenschaft den Todesursachen auf den Grund. Unzweifelhaft trägt sie ein bedeutsames Geheimnis mit sich herum. Nach und nach lässt sie sich auf Bettis Avancen ein. Aus wahrer Zuneigung oder aus purem Kalkül? Solche Fragen werden nicht bis ins Letzte aufgelöst, vieles der Fantasie der Zuschauer überlassen. Das kann man als Makel auffassen, aber auch als Herausforderung. Die morbide Atmosphäre jedenfalls hat ihren Reiz, einige Tatumstände sind recht einfallsreich, generell verdient der mutwillige Verstoß gegen bewährte Schemata durchaus Respekt.

Deutliche Schwächen gibt es bei der Dramaturgie, im Hinblick auf die einzelnen Episoden ebenso wie beim Fortsetzungsgeschehen. Die Kriminalermittlungen enden oft unvermittelt und mit wortreichen Erläuterungen. Die Staffel insgesamt krankt daran, dass Emma Kugels Hintergrundgeschichte erst ab der dritten Folge an Wirkung gewinnt. Ab da verdichtet sich die Handlung, die Konflikte bekommen Kontur und sorgen für Spannung. Wer nur ein oder zwei Episoden schaut, erhält ein falsches Bild.

Zur Sendung

„Dead End“, sechsteilige Serie, ab Donnerstag, 16.5., ZDFneo, 23:00 Uhr.
Alle Folgen auch in der ZDF-Mediathek

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