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David Crosby mit seiner Frau Jan Dance (Archivbild 2014).

„David Crosby – Remember My Name“, Arte

Warum niemand über David Crosby reden will

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Eine Dokumentation über David Crosby.

Ihren letzten gemeinsamen Auftritt absolvierten Crosby, Stills & Nash vor vier Jahren beim Weihnachtssingen vor dem Weißen Haus. Das Trio trat dort mit dem Lied „Stille Nacht“ auf, bei dem nichts schief gehen kann, aber an der bestürzten Miene von Barack Obama war abzulesen, dass er sich bewusst war, was sich hier abspielte. Der einst so himmlische gemeinsame Gesang, bei dem sich die Stimmen wie Seidentücher berührten, wurde vor aller Ohren in seine Fragmente zerlegt. Die Darbietung war nicht weniger als die Hinrichtung einer für perfekt gehaltenen Harmonie, eine öffentliche Dreiteilung.

„Wir haben uns eigentlich nicht gemocht“, sagt David Crosby in der Dokumentation „Remember My Name“, die Arte im Vorfeld des Woodstock-Jubiläums zeigt. Gemocht hätten sie die Songs, die jeder mitbrachte und die Crosby, Stills, Nash & Young in den 70ern in den Status einer Supergruppe erhob. Eine Band, die aus den Namen ihrer Mitglieder bestand, von denen jedes ein olympisches Ego einbrachte.

Bei David Crosby erwuchs daraus unglücklicherweise ein überlebensgroßer Egoismus, wie er heute einschätzt. Er war es, der mit seiner Bosheit, seinem Beleidigtsein und seiner Unnahbarkeit das fragile Gebilde immer wieder belastet und mit seinen fiesen Bemerkungen über Neil Youngs neue Frau Daryl Hannah wohl für immer zerstört hat. Graham Nash sagt dazu verbittert: „Er hat CSNY das Herz herausgerissen.“

David Crosby: Problematische Persönlichkeit

In A. J. Eatons Film, der in diesem Jahr auf dem Sundance-Festival vom Publikum gefeiert wurde, wird nicht eine dieser Rockstargeschichten erzählt, in denen alte Männer (ja, es sind meistens alte Männer) über alte Zeiten reden. Über David Crosby will offenbar gar keiner reden, schon das ist bezeichnend. Die Statements von Neil Young und Graham Nash sind zwanzig Jahre alt, Stephen Stills fehlt völlig und auch Roger McGuinn, mit dem Crosby 1964 The Byrds gegründet hat, hält sich spürbar zurück.

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Die Schönheit seines Gesangs (bis heute, was mit seinen knapp 78 Jahren ein Wunder ist) bricht sich bei Crosby mit seinem Charakter; und so ist der Film nicht zuletzt auch ein Versuch, seine problematische Persönlichkeit biografisch zu ergründen und ihm seine nicht immer selbstverschuldet verlorene Würde zurückzugeben. Am Abend aller Tage bittet ein einsamer Mann um Verzeihung. Aber natürlich ist das hier keine reine Therapiesitzung.

Der Film fährt David Crosbys Karrierestationen ab, mit dem SUV durch L.A., er hält am Laurel Canyon, vor jenem Haus („Our House“) in dem Crosby mit Joni Mitchell gelebt hat, er macht an der Kent State University halt, wo 1970 vier Studenten von Nationalgardisten erschossen wurden („Ohio“). Und er begleitet den schwer kranken Crosby auf eine Tournee, von der er, wie seine Frau jedes Mal befürchtet, vielleicht nie mehr zurückkommt.

„David Crosby – Remember My Name“, Arte, 23.05 Uhr.

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