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Polizeichef Gary McLeod (Mark Clare) und Kristin Sims (Fern Sutherland). 

„Brokenwood – Mord in Neuseeland: Blut und Wasser“ (Das Erste)

Kleinstadtmorde am anderen Ende der Welt

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Sachter Humor und eine Prise Weltschmerz: Im Ersten feiert die neuseeländische Erfolgsserie „Brokenwood“ Premiere. 

Erfahrungsgemäß finden Krimis mit exotischem Schauplatz eher wohlwollende Aufnahme als solche mit Geschichten aus der Nachbarschaft. Beim Stichwort „Regionalkrimi“ reagieren manche Kritiker mit Unwillen, vergessen jedoch, dass auch Raymond Chandler, Janwillem van de Wetering, Henning Mankell Regionalkrimis geschrieben haben. Nur siedelten die halt nicht in Deutschland.

Die von der ARD Degeto eingekaufte vierteilige Krimireihe „Brokenwood“ dürfte schon ihrer neuseeländischen Herkunft wegen auf Interesse stoßen. Die mitwirkenden Schauspieler sind zwar in ihrem Heimatland wohlbekannt, für das deutsche Publikum aber neue Gesichter. Auch ein Vorzug.

Zum Auftakt der Reihe trifft Detective Inspector Mike Shepherd (Neill Rea) aus Auckland in Brokenwood ein. Dort hat sich ein Todesfall ereignet, der zunächst als Unfall oder Freitod eingestuft wird, sich aber als Tötungsdelikt erweist. Shepherd will aus den Web-Medien von der Sache erfahren haben. Tatsächlich war er schon unterwegs, denn er soll dem örtlichen Polizeichef Gary McLeod (Mark Clare) auf die Finger schauen, der möglicherweise seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen ist.

Ein Fall von Selbstjustiz?

Der verstorbene Bauer Nate Dunn (Chris Sherwood) stand im Zentrum eines komplexen Personengeflechts. Seine Frau war zehn Jahr zuvor Opfer eines Autounfalls mit Fahrerflucht geworden. Der Tathergang deutet darauf hin, dass sie vorsätzlich überfahren wurde. Der verantwortliche Fahrer wurde nie gefunden.

Nate Dunn selbst zählte zeitlebens zu den Verdächtigen. Ihm wird nachgesagt, seine Frau geschlagen zu haben, auch hatte er möglicherweise Grund zur Eifersucht. Hat jemand den damaligen Mord rächen wollen? Es gibt eine Fülle weiterer Motive, undurchsichtige Alibis, kleinere Verbrechen, die im Zuge der Ermittlungen aufgedeckt werden. Von Anfang an aber steht außer Frage: Mike Shepherd macht das schon.

Tim Balme, der das Reihenkonzept entwickelt hat, stattet seinen Ermittler mit ein paar Schrullen aus, allesamt harmlos genug, damit er als Leitfigur, an deren Seite wir Zuschauer das soziale Gefüge in Brokenwood kennenlernen, keinen Schaden nimmt. Wenn er eine Leiche begutachtet, geht er an deren Seite in den Schneidersitz und beginnt ein Gespräch mit dem Toten. Er fährt einen Oldtimer aus dem Jahr 1971, das Model Kingswood des australischen Herstellers Holden. Keine Glanzleistung des Automobildesigns, trotzdem respektieren selbst Amokschützen die Würde der betagten Chaise.

Zum Fahrzeug gehört standesgemäß ein Kassettenspieler, der mit Country & Western-Musik bestückt ist. Als Running Gag versucht Shepherd, seine Passagiere, vor allem die weiblichen, von der Qualität dieser Stilrichtung zu überzeugen. Jeder Song sei ein „Drei-Minuten-Krimi“. Die meisten Adressatinnen winken müde ab. Nur Tania Stokes (Miriama McDowell), die in Brokenwood im Zeugenschutzprogramm leben muss, findet Trost in den Weltschmerzliedern von Patsy Cline.

Vom Städter zum Winzer

Zu Shepherd biografischen Merkmalen gehört, dass er mehrfach verheiratet war. So kann es passieren, dass ihm eine Kollegin aus der Öffentlichkeitsarbeit zur Seite gestellt wird, die sich als eine seiner Ex-Gattinnen entpuppt. Beruflich hat er Kristin Sims (Fern Sutherland) neben sich, die anfangs mit Kopfschütteln auf den etwas wunderlichen Neuzugang reagiert, ihm die eine oder andere Lektion im Umgang mit weiblichen Mitarbeitern erteilt und schon in Bälde mit Shepherd ein eingeschworenes Team bilden wird. Denn nachdem er seinen ersten Fall erfolgreich gelöst hat, wird er von der ersten Folge zur zweiten ruckzuck der neue Polizeichef und übernimmt auch gleich umstandslos das Anwesen seines Vorgängers, zu dem mehrere Hektar Land inklusive Weinstöcken gehört. Das fiktive Brokenwood, das nördlich von Auckland vermutet werden darf und unter anderem vom realen 4.000-Einwohner-Flecken Warkworth gedoubelt wurde, ist nach dem Willen der Serienschöpfer Weinanbaugebiet. Weshalb gleich der zweite Fall – mit Shepherds Übersiedlung steigt die Mordrate erklecklich – ins Milieu der Winzer und Sommeliers führen wird.

„The Brokenwood Mysteries“, so der Originaltitel, ist der britischen Erfolgsserie „Inspector Barnaby“ nicht unähnlich. Wie die Barnabys geraten Shepherd und Sims regelmäßig in Kreise, die durch gleiche Interessen verbunden sind. In Folge 3 sind es die Golfer, in Folge 4 die Jäger.

„The Brokenwood Mysteries“ konnte unter anderem nach Australien, in die USA, nach Italien und Finnland verkauft werden und hat es im Herkunftsland mittlerweile auf sechs Staffeln gebracht, wobei jede Staffel aus vier neunzigminütigen Filmen mit abgeschlossener Handlung besteht. Die Inhalte wie auch die filmische Umsetzung sind konventionell angelegt, mit einer humorvollen Grundnote und häufig aufgesetzt wirkenden Wendepunkten, an denen das Wirken eines allmächtigen Autors kenntlich wird. Nachlässigkeiten gibt es einmal mehr bei der deutschen Synchronisation, die leider üblichen wörtlichen Übersetzungen wie „eine nette Kamera“ oder „Pathologin“, wenn eine Rechtsmedizinerin gemeint ist.

Für Sammler von Serien-Trivia: Die Episode „Der letzte Abschlag“ wurde von Michael Hurst inszeniert, dem renommierten britisch-neuseeländischen Theaterregisseur und -schauspieler, der 1995 mit der Rolle des Iolaus in der von Sam Raimi und Robert Tapert produzierten, in Neuseeland gedrehten Kultserie „Hercules“ weltweite Popularität erlangte.

„Brokenwood – Mord in Neuseeland“, ab 21.7. sonntags um 21:45 Uhr im Ersten.

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