+
Einfach nur ärgerlich: Arte-Film über Birkenstock. 

„Birkenstock – Die Freiheit trägt Sandale“ (Arte)

Arte-Film über Birkenstock-Sandale: Eines Kultursenders unwürdig

  • schließen

Auf Arte läuft ein obskurer Beitrag über Birkenstock-Schlappen - unkritisch, klischeehaft und mit einem haarsträubenden Kommentar. 

Schon beinahe traditionell gestaltet der französisch-deutsche Kultursender Arte in den Sommermonaten einen Programmschwerpunkt. In diesem Jahr ist es der „Summer of Freedom“. Ein schwammiges Motto, das sich programmgestalterisch mit ein paar gedanklichen Verbiegungen beliebig füllen lässt. Greift hier womöglich die Auslegung des Singer-Songwriters Kris Kristofferson, wonach Freiheit nichts anderes bedeutet, als dass man nichts mehr zu verlieren hat?

Einen besonders befremdlichen Beitrag zum „Summer of Freedom“ liefert Arte mit einer 52-minütigen Dokumentation über die Birkenstock-Sandale. Die SWR-Produktion macht auf mit einer Reihe von Prominenten wie Naomi Watts und den Olsen-Zwillingen, die von Paparazzi oder Passanten bei kleinen Besorgungen in legerer Kleidung abgelichtet wurden, manche davon in Birkenstock-Sandalen. In Zeiten des Internets finden solche Fotos größere Verbreitung. Alltäglichem Verhalten wird größere Bedeutung zugemessen, als seinem Wesen nach angebracht wäre. 

Auftritt von McDormand völlig fehlinterpretiert 

Auch gibt es Kooperationen des deutschen Schuhkonzerns mit namhaften Designern, die den ursprünglich schmucklosen Schlappen mit Pelz, Fell oder anderen Applikationen veredeln. Der klobigen orthopädischen Sandale konnte so mit geschickten Maßnahmen zu modischem Rang verholfen werden. Selbst bei der Verleihung der Academy Awards wurden sie gesichtet, an den Füßen der Schauspielerin Frances McDormand, verkündet der Sprecher mit begeistertem Staunen. 

Die Autoren, Susanne Müller hatte die Idee, Andreas Coerper schrieb das Buch, lassen unerwähnt, dass McDormand dem Hollywood-Rummel kritisch gegenübersteht und dies seit je auch modisch, zum Beispiel durch den Verzicht auf Make-Up, zu erkennen gibt. Ihr Verhalten war also nicht irgendwelchen Trends geschuldet. Von der US-amerikanischen „Vogue“ übrigens gab es großes Lob für den als mutig empfundenen Auftritt.

Klischeehafte Verallgemeinerung, falsche Schlussfolgerung  

Auf die aktuelle Bestandsaufnahme folgt der historische Rückblick. Die Geschichte der deutschen Firma Birkenstock und der von ihr vertriebenen Gesundheitssandale wird flugs abgehandelt und gerät missverständlich, weil kein Unterschied gemacht wird zwischen orthopädischen Einlagen und dem orthopädischen Fußbett fester Schuhe. Es war wohl ein rascher Schauplatzwechsel Richtung USA angestrebt, wo Birkenstock seit 1966 am Markt vertreten ist und eine tatsächlich bemerkenswerte Erfolgsgeschichte verbuchen konnte.

Ab hier aber wird es noch wirrer. Die Korksandale wird beschrieben als das Schuhwerk der „Hippies“. Gemeint sind verschiedene Fraktionen der US-amerikanischen Sub- und Gegenkultur, die sich selbst als „Stämme“ – „Tribes“ – bezeichneten und neben den auf die Region San Francisco beschränkten Hippies auch Yippies, studentische, ethnische, religiöse und andere Gruppen umfassten. Die Autoren der Arte-Dokumentation fassen diese Vielfalt grob klischeehaft zusammen: „Sie wollten Drogen nehmen, nackt baden und zusammen mit tausenden anderen Hippies beim Rockkonzert ausflippen.“ 

Die Aussagen werden, was offenbar bei der Produktion niemandem aufgefallen ist, später von einem ortsansässigen Schuhmacher widerlegt, der erzählt, dass die Sandalen der jungen Leute selbstgemacht und von der Tracht der Ureinwohner sowie, über das Interesse an fernöstlichen Religionen, auch von asiatischer Kleidung inspiriert waren. Und zwar schon vor 1966, dem Jahr des Markteintritts von Birkenstock.

Haarsträubende Nonsens-Lyrik

Nicht der einzige Part, an dem eine aufmerksame Redaktion hätte eingreifen müssen. Dem Publikum wird noch einiges an haarsträubendem Schmonzes serviert. Ein Textbeispiel zum Thema Anti-Kriegs-Proteste: „Ohne Sandalen wäre diese gesellschaftliche Revolution sicher im Mief der Schnürschuhe erstickt.“ Selbst grammatikalisch sinnreicher formuliert, wäre diese Aussage immer noch falsch, denn es hat in den USA in den 1960ern diverse Rebellionen, aber keine politische Revolution gegeben.

Auch die Titanen des Computerzeitalters wirken im Raum San Francisco. Der verstorbene Apple-Mitgründer Steve Jobs war passenderweise Birkenstock-Träger und gehörte einer buddhistischen Gemeinschaft an. Abermals Gelegenheit für haarsträubende Nonsens-Lyrik: „Buddhismus und Birkenstock – das minimalistische Design von Apple kam also direkt aus dem Fußbett der Sandale.“

Keinerlei Kritik am Führungsstil des Schuhherstellers  

Von den sprachlichen Eskapaden ganz abgesehen, fällt dieser Programmbeitrag höchst negativ auf, weil er als Flickenteppich beliebig zusammengewürfelter Inhalte daherkommt. Der wirklich spannende Aspekt des Themas wird mit keiner Silbe angesprochen: Wenn Birkenstock-Sandalen als Signal alternativer, rebellischer, bohemistischer oder zumindest unkonventioneller Haltungen verstanden werden, dann steht dies in heftigem Widerspruch zum Verhalten des Herstellerkonzerns, der lange Zeit durch arbeitnehmerfeindliches Verhalten und entsprechende juristische Verfahren unrühmliche Bekanntheit errang. Die „Zeit“ zitierte 1996 den Firmenpatriarchen Karl Birkenstock mit den Teilen seiner Belegschaft geltenden Worten: „Sie werden ganz zu Recht wie Aussätzige behandelt und verachtet. Und das ist auch das mindeste, was angemessen ist.“ Deckt sich das mit der im Sendungstitel suggerierten Freiheit?

Ein anderer wunder Punkt, der ausdrücklich nicht nur Birkenstock betrifft: Unter welchen Bedingungen werden die Schuhe hergestellt? Die gemeinnützige ökumenische Organisation Inkota-Netzwerk e. V. richtete 2016 entsprechende Fragen an 23 Markenhersteller. Laut Inkota gehörte Birkenstock zu jenen, die die Antworten schuldig blieben.

„Birkenstock – die Freiheit trägt Sandale“, 26.7., 21:50 Uhr, Arte

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion