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Miki (Aaron Hilmer, 2. v. li.) und seine Mutter Nikola (Anja Kling, 2. v. re.) begeben sich in die Obhut der Zeugenschützerin Sarah Brandt (Anna Bederke) und ihrem Kollegen Mario Lobeck (Oliver Masucci).

„Der Auftrag“, Das Erste

Im Visier des organisierten Verbrechens

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Für Das Erste variiert Autor Holger Karsten Schmidt das angestammte Thema Zeugenschutz. Spannend. Aber mit gelegentlichen Schwächen.

Holger Karsten Schmidt ist einer der Hochleistungsautoren des deutschen Fernsehens. Kaum ein Jahr, in dem nicht mindestens drei Drehbücher aus seiner Feder verfilmt werden. Zumeist bewegt sich Schmidt im Krimigenre, und so liegt es in der Natur der Dinge, dass es gelegentlich inhaltliche Verwandtschaften oder besondere Interessen gibt. Mehrfach schon hat Schmidt Kriminalhandlungen um das Thema Zeugenschutz gewoben, in „Mörder auf Amrum“, „Harter Brocken 2: Die Kronzeugin“, in „Das Programm“ und aktuell in „Der Auftrag“. Wie in „Harter Brocken 2“ zeichnet Florian Baxmeyer, 2003 Gewinner eines Studenten-Oscars, für die Regie verantwortlich. Auch in der Besetzung gibt es Überschneidungen. In dem Harzkrimi spielte Anja Kling eine Polizistin, jetzt wechselt sie sozusagen auf die Gegenseite.

Kugelhagel am Kotti

Als Nikola Walter ist sie Ärztin und Mutter eines Heranwachsenden, der sich beim Herumlungern im Berliner Kiez am Kottbusser Tor bereitfindet, die Clique mit Alkoholnachschub zu versorgen. Miki (Aaron Hilmer) steigt in eine Bar ein, doch wider Erwarten ist der Wirt noch zugegen. Und er hat ein paar spezielle Gäste. Finster blicken sie drein, gehören zu einer Verbrecherbande und haben einen Spitzel in ihren Reihen entdeckt, der den Abend nicht überlebt. Miki wird Zeuge des Mordes, verrät sich, kann gerade eben fliehen. Kugeln begleiten ihn, draußen wird eine zufällig anwesende Streifenpolizistin zu einem weiteren Opfer. 

Miki geht zur Polizei. Die erhält mit seiner Aussage endlich Gelegenheit, den Berufsverbrecher Ahmed Sayed (Timur Isik) vor Gericht zu bringen. Das aber braucht seine Zeit. Miki muss ins Zeugenschutzprogramm und mit ihm seine Mutter sowie der getrennt lebende Vater Klaus Witt (Gregor Bloéb), ein Alkoholiker, den Nikola Walter eigentlich nie wieder in ihrer Nähe haben wollte. Die Familienmitglieder werden abrupt aus ihrem gewohnten Leben gerissen und vom Landeskriminalamt in Obhut genommen. Abteilungsleiter Decker (Johannes Allmayer) betraut Sarah Brandt (Anna Bederke) mit der Leitung der Operation, eine junge Kommissarin, die gerade erst ihre Personenschutzausbildung abgeschlossen hat. So glaubt er sich sicher sein zu können, dass sie nicht auf der Besoldungsliste des Sayed-Clans steht.

Lobeck (Oliver Masucci, re.) beschützt Miki (Aaron Hilmer) und seine Mutter Nikola (Anja Kling) nach dem Überfall.

Unterstützung erhält sie von Mario Lobeck (Oliver Masucci), einem altgedienten, desillusionierten Personenschützer, dessen Team bei einem früheren Einsatz ausgelöscht wurde. Er ist ebenfalls Alkoholiker und wird in Kürze aus dem Dienst ausscheiden. Brandt ist weisungsbefugt, bittet den Veteranen aber kollegial um Rat. Seine lakonische Antwort: „Ich mische mich ungern ein.“

Lobeck erwartet die Gruppe in Italien, in einer abgelegenen Villa unweit Roms (gedreht wurde in der Region Latium in Sabaudia und im Nationalpark Circeo). Italienische Kollegen unterstützen die deutschen Bewacher.

Die Mörder warten nicht

Der weitere Verlauf ist vorgezeichnet. Die Gangster sind dem Kronzeugen bereits auf der Spur. Dem Knaben wird es bald zu langweilig in der idyllischen Landschaft, er büchst aus. Und natürlich gibt es einen Verräter in den eigenen Reihen. Die Frage ist nicht, ob die Auftragsmörder der Sayeds kommen werden, sondern wann – und wer ihren Angriff überleben wird.

Versiert halten Autor Schmidt und Regisseur Baxmeyer diese Fragen offen, loten die komplizierten Familienbeziehungen aus, die Reibungen innerhalb der Gruppe, das Misstrauen und die Zweifel. Nähe und enges Zusammenleben provozieren aber auch einen Flirt und eine Affäre zwischen der deutschen Polizistin Marleen Westermann (Sina Bianca Hentschel) und ihrem italienischen Kollegen Massimo Canzan (Stefano Bernardin). 

Szenen aus „Der Auftrag“

Für die junge Polizistin Sarah Brandt (Anna Bederke) ist es der erste Einsatz im Zeugenschutz.
Für die junge Polizistin Sarah Brandt (Anna Bederke) ist es der erste Einsatz im Zeugenschutz. © ARD Degeto/Stephan Rabold
Der Undercover-Agent des LKA (Samir Fuchs, re.) ahnt noch nicht, dass der libanesische Gangsterboss Ahmed Sayed (Timur Isik) ihn enttarnt hat.
Der Undercover-Agent des LKA (Samir Fuchs, re.) ahnt noch nicht, dass der libanesische Gangsterboss Ahmed Sayed (Timur Isik) ihn enttarnt hat. © ARD Degeto/Stephan Rabold
Gangsterboss Ahmed Sayed (Timur Isik) und sein Killer Mohammed Abedi (Cem Öztabakci) sind nicht zimperlich.
Gangsterboss Ahmed Sayed (Timur Isik) und sein Killer Mohammed Abedi (Cem Öztabakci) sind nicht zimperlich. © ARD Degeto/Stephan Rabold
Die junge LKA-Beamtin Sarah Brandt (Anna Bederke, Mitte) teilt Mikis getrennt lebenden Eltern Nikola Walter (Anja Kling) und Klaus Witt (Gregor Bloéb) mit, dass sie gemeinsam in den Zeugenschutz müssen.
Die junge LKA-Beamtin Sarah Brandt (Anna Bederke, Mitte) teilt Mikis getrennt lebenden Eltern Nikola Walter (Anja Kling) und Klaus Witt (Gregor Bloéb) mit, dass sie gemeinsam in den Zeugenschutz müssen. © ARD Degeto/Stephan Rabold
Nikola (Anja Kling) und ihr „Ex“ Klaus (Gregor Bloéb) befinden sich im Zeugenschutzprogramm und werden auf einem abgelegenen Landgut in der Nähe von Rom versteckt.
Nikola (Anja Kling) und ihr „Ex“ Klaus (Gregor Bloéb) befinden sich im Zeugenschutzprogramm und werden auf einem abgelegenen Landgut in der Nähe von Rom versteckt. © ARD Degeto/Stephan Rabold
Miki (Aaron Hilmer) und seine Mutter Nikola (Anja Kling) sind im Zeugenschutzprogramm und werden auf einem abgelegenen Landgut in der Nähe von Rom versteckt.
Miki (Aaron Hilmer) und seine Mutter Nikola (Anja Kling) sind im Zeugenschutzprogramm und werden auf einem abgelegenen Landgut in der Nähe von Rom versteckt. © ARD Degeto/Stephan Rabold
Miki (Aaron Hilmer) und seine Mutter Nikola (Anja Kling) warten auf Hilfe für den schwer verletzten Klaus (Gregor Bloéb, liegend).
Miki (Aaron Hilmer) und seine Mutter Nikola (Anja Kling) warten auf Hilfe für den schwer verletzten Klaus (Gregor Bloéb, liegend). © ARD Degeto/Stephan Rabold
Sarah Brandt (Anna Bederke) wird bei einem Einsatz verletzt.
Sarah Brandt (Anna Bederke) wird bei einem Einsatz verletzt. © ARD Degeto/Stephan Rabold

Einige Winkelzüge, die der Spannungsdramaturgie dienen, geraten leider etwas zu augenfällig. Es beginnt damit, dass Miki noch in Berlin im Zuge seiner Flucht mitten auf der offenen Straße läuft, statt Deckung zu suchen. In Italien besitzt das gemeinsame Esszimmer breite Bogenfenster und ist abends hell erleuchtet. Einen größeren Gefallen kann man einem Heckenschützen kaum bereiten. Und dann hört man auch schon – nein, keinen Schuss, sondern den Auslöser einer Kamera. Ein Verzögerungsmoment, zu durchsichtig, um überzeugend zu wirken. 

Später in Berlin abermals eine ähnliche Kulisse. Ein mehr oder minder geheimes Domizil, mit freiem Ausblick auf eine Hochbahnstation, die nur einen kurzen Steinwurf weit entfernt liegt. Da lassen sich Schwächen ausmachen, während die innere Spannung, die Gruppendynamik, die Psychologie der Figuren bestens funktioniert. Woran nicht zuletzt die Schauspieler ihren Anteil haben, vorneweg Anja Kling und Anna Bederke. 

Schauspieler dürfen ja schon auf Komplimente hoffen, wenn sie einfach ihren erlernten Beruf ausüben. Anne Bederke aber beherrscht ihn auffallend gut, und Regisseur Baxmeyer gibt ihr Gelegenheit, das auch zu zeigen. Dies wird umso deutlicher, wenn man Bederke zuvor in der Amazon-Serie „Beat“ als kaltschnäuzige Managerin der denkbar schlimmsten Verbrechen gesehen hat. In beiden Parts gab es kein Abrufen eingespielter Routinen, sondern eine bis in die kleines Regung reichende Annahme der jeweiligen Rolle. Der Überzeugungskraft des Films kommt das ungemein zugute.

„Der Auftrag“, Samstag, 30.3., 20.15 Uhr, Das Erste

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