Das Leben in Boutyousse ist sehr einfach und genügsam. Bei Familie Nasser gibt es mittags meistens frisch gebackenes Hartweizenfladenbrot und etwas Olivenöl, dazu grünen Tee. Fleisch können sich die Menschen hier nur selten leisten.
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Das Leben in Boutyousse ist sehr einfach und genügsam. Bei Familie Nasser gibt es mittags meistens frisch gebackenes Hartweizenfladenbrot und etwas Olivenöl, dazu grünen Tee. Fleisch können sich die Menschen hier nur selten leisten.

„Die Wüstenschule“, arte

Eine Zwergschule mitten in der Sahara – Eine Chance auf Bildung

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Die Dokumentation erzählt vom Alltag in einer Zwergschule am Rand der Sahara.

  • Das Leben der Menschen in einer abgelegenen Region der Sahara im Südosten Marokkos ist hart.
  • Dank einer kleinen Schule bekommen Kinder eine Chance auf Bildung.
  • Die Dokumentation „Wüstenschule“ (arte) erzählt die Geschichte.

Irgendwo im Nirgendwo am Nordrand der Sahara steht mitten im Nichts ein Gebäude. Das Haus sieht aus, als wäre es vom Himmel gefallen. Es handelt sich um eine Schule für die Kinder der sesshaft gewordenen Nomaden aus der Umgebung. Im einzigen Raum sitzen gerade mal rund ein Dutzend Schülerinnen und Schüler der Klassen eins bis drei, aber ihr Eifer ist enorm: Bildung ist für sie die einzige Hoffnung, irgendwann ein anderes Leben führen zu können als ihre Mütter und Väter. Viele Eltern wollen ebenfalls, dass ihre Kinder es mal besser haben, aber manche ignorieren die Schulpflicht auch und bestehen darauf, dass die Söhne bei der Landwirtschaft und die Töchter im Haushalt helfen.

„Die Wüstenschule": Reisen nach Nordafrika

Seit 25 Jahren arbeitet Mouhcine El Ghomri als fester freier Autor für den SWR. Der Filmemacher ist gebürtiger Marokkaner, hat einst im französischen Orléans Germanistik studiert und das Studium in Mainz fortgesetzt. Anschließend war er zunächst Redakteur der ZDF-Reihe „Reiselust“, dann folgte 1995 der Wechsel zum SWR. Seither hat er Dutzende Dokumentarfilme und Dokumentationen für den SWR und Arte gedreht, und meist öffnen sie den Zuschauern Fenster in völlig neue Welten. Einige dieser Welten fand er in Deutschland, aber seine Reisen führten ihn auch immer wieder zurück nach Nordafrika.

Autoren ohne El Ghomris Erfahrung und Kontakte hätten vermutlich nie von der Wüstenschule in Boutyousse gehört; Europäer dürften sich nur ausgesprochen selten in diese Gegend verirren, wo es weder befestigte Straßen noch Telefon, Internet oder Fernsehen gibt. Als Lehrer Lhoussine Ousisse vor einigen Jahren zum ersten Mal herkam, war die Gegend völlig vom Rest der Welt isoliert. Wenn es abends dunkel wurde, war der Tag für ihn beendet. Er stammt aus der Nähe von Agadir, was ihn zu einer guten Identifikationsfigur für ein deutsches Publikum macht: In der Stadt konnte er als junger Mann das kulturelle Leben in vollen Zügen genießen; nach seiner Versetzung fühlte er sich anfangs wie in der Steinzeit. Wehmütig erinnert er sich an die Kinos, Theater und Cafés von Agadir; in Boutyousse ist die nächste Stadt dreißig Kilometer entfernt. Mittlerweile lebt Ousisse in einem kleinen Häuschen neben der Schule; früher musste er mit seinem Motorrad täglich zweimal eineinhalb Stunden über die Buckelpiste zurücklegen.

Informationen zur Sendung

„Die Wüstenschule“, 25.7., 19.30 Uhr auf arte. Die Sendung im Netz.

Zweite zentrale Figur des Films ist Lahcen Ahansal. Der Name wird den meisten Zuschauern nichts sagen, aber in der Läuferszene ist er ein Idol, und in Marokko werden er und sein Bruder Mohamad geradezu verehrt: Die beiden sind Ultramarathonläufer und waren Seriensieger beim „Marathon des Sables“. Die 230 Kilometer lange Strecke führt in sechs Etappen an sieben Tagen durch die marokkanische Sahara. Lahcen und Mohamad haben die Erfolge zwischen 1997 und 2010 quasi unter sich ausgemacht. Lahcen wirkt in El Ghomris Film mit, weil er und sein Bruder unter anderem durch Benefizrennen die Spendengelder aufgetrieben haben, um die Schule zu gründen. Auch sie stammen aus einer jener früheren Nomadenfamilien, die irgendwann sesshaft geworden sind, und natürlich hoffen sie, dass andere ihrem Vorbild nacheifern und auch in anderen abgelegenen Gegenden solche Schulen gründen.

„Die Wüstenschule“ auf arte: Ein Symbol der Hoffnung

Die dritte Ebene des Films, der sich viel Zeit für Land und Leute nimmt, beschäftigt sich mit den Einheimischen, allen voran einem Vater, von dessen zehn Kindern gleich vier Ousisses Unterricht besuchen. Der Mann hat es besser getroffen als viele seiner Nachbarn, denn er hat nach zwei Jahren vergeblicher Suche eine Wasserader gefunden; daraufhin ist mitten in dieser Steinwüste eine kleine und überaus idyllisch wirkende Oase entstanden. Trotzdem begeht El Ghomri nicht den Fehler, das Leben hier zu verklären, selbst wenn es ihm spürbar Respekt abnötigt, wie die Menschen ihre Probleme gemeinsam anpacken.

Natürlich kommen auch die Schülerinnen und Schüler nicht zu kurz. Besonders angetan war El Ghomri von zwei Mädchen, die im Grunde zu alt für die Schule sind, aber quasi außer Konkurrenz teilnehmen dürfen. Das Schuljahr endet für sie mit einem ähnlichen Erfolgserlebnis wie für die anderen, die stolz ihre Zeugnisse entgegennehmen: Sie bekommen von Ousisse eine Empfehlung für die vierte Klasse einer anderen Schule. Die Leistungen der Kinder sind aller Ehren wert, denn ihre Väter und Mütter sind keine große Hilfe: Die Eltern sind größtenteils Analphabeten. Kein Wunder, dass die Schule für alle ein Symbol der Hoffnung ist. (Tilmann P. Gangloff)

Arte zeigt die Dokumentation „Hotel-Legenden: Das Adlon in Berlin“ als ersten Teil einer Reihe von vier weltbekannten Hotels, die nicht nur durch ihre luxuriöse Aufmachung bekannt geworden sind.

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