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Die mongolische Landärztin Dr. Erdenechuluun ist auch auf Kamelen unterwegs. 

TV-Kritik 

Die Nomadenärztin: Erstaunlicher Film, erstaunliches Leben 

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Die mit dem Filmstudenten-Oscar ausgezeichnete Dokumentation „Die Nomadenärztin“ ist ein erstaunlicher Film, findet unser Kritiker Hans-Jürgen Linke  

Es ist heiß, und das Auto hat keine Klimaanlage. Weil es seit Monaten nicht geregnet hat, ist das Land trocken, und man kann wegen des Staubes das Fenster nicht öffnen. Keine angenehme Fahrt also, mehr als 50 Kilometer über einen unbefestigten Fahrweg durch die Wüste Gobi. Manchmal auch bei Nacht, wenn die Scheinwerfer nur in die leere Landschaft leuchten, wo nichts das Licht reflektiert und man eine Stunde lang nicht weiß, ob man sich verfahren hat. 

TV-Kritik: Die Nomadenärztin auf Arte 

Aber es hilft nichts, der Weg muss zurückgelegt werden. Hätten die Eltern des kleinen Jungen, der seit drei Tagen Husten und Fieber hat, nicht wenigstens morgens anrufen können! Klar, hätten sie gekonnt, haben sie aber nicht. Also ist die mongolische Landärztin Dr. Erdenechuluun mit ihrem Fahrer in einem kleinen, wenig komfortablen Geländewagen unterwegs. 

Sie ist verantwortlich für die medizinische Versorgung der Nomadenfamilien in der mongolischen Provinz Öndörshil, 220 Kilometer südöstlich von der Hauptstadt Ulan-Bator. Sie ist Gynäkologin, Zahnärztin, Chirurgin, Internistin. Beim Reiterfest ist sie anwesend, um im Falle von Stürzen und Verletzungen schnell Erste Hilfe leisten zu können. Sie tut das gern, denn als Kind ist sie selbst Pferderennen geritten. Mart Biras Film über das eigentümliche Leben einer Landärztin in einem eigentümlichen Land ist wunderbar unaufgeregt. Probleme werden nicht ausgespart oder weggeredet, aber sie erzeugen keine Hektik. Jeder tut alles, was in seiner Macht steht, ohne darum viel Lärm zu machen. 

Die Ärztin und ihre Patienten teilen die gleiche tiefsitzende, freundliche Gelassenheit. Eine lächelnde Warmherzigkeit liegt über allem. Zeit ist hier nicht Geld. Hilfe wird nicht ungeduldig herbeigefordert, sondern dankbar entgegengenommen. Ein erstaunlicher Film, ein erstaunliches Leben. Landärztin in der Wüste Gobi ist ein anderer Beruf als in, sagen wir, Mecklenburg-Vorpommern. Sie sitzt nicht in ihrer Praxis und wartet auf Patienten, sie ist ständig unterwegs. Meistens mit dem Auto, aber auch ein Ritt auf einem Kamel oder einem Pferd würde sie nicht übermäßig schrecken. 

Die Nomadenärztin (Arte): Erstaunliches aus der Mongolei 

Ihre Patienten haben schon genug Mühe damit, ein Telefon zu finden, über das sie einen Notruf absetzen können. Es gibt auch ein kleines Krankenhäuschen mitten in der leeren Gegend. Man hört, während der kleine Geländewagen durch die endlose, trockene Landschaft fährt, Musik im Zockelrhythmus töltender Pferde, klangvollen mongolischen Obertongesang und Pferdekopfgeigen. 

Man sieht kleine Menschengruppen. Man sieht Schafe, Hunde, Trampeltiere, Pferde. Die Gegend ist sandig-grau und viel zu trocken. Wasser ist knapp. Aber manchmal kommt plötzlich ein Hagelsturm. So etwas, sagen die Leute, habe es hier noch nie gegeben. Sie haben Beulen und zahllose Blutergüsse von hühnereigroßen Hagelkörnern, weil sie im Freien waren, als das Unwetter begann. Die Frontscheibe und das Dach ihres Autos, das Solarpaneel neben der Jurte sind schwer beschädigt. Dabei kann die Ärztin nicht helfen. Und gegen die Hämatome hat sie nur den Rat, die Stellen zu kühlen. Es tut dann nicht ganz so weh, vielleicht. 

Schade findet sie, dass die alten Heilmittel der Nomadenmedizin immer weniger angewandt würden. Und dass die Leute eher mit dem Motorrad fahren als auf ihren Pferden unterwegs sind. Reiten, sagt sie, wäre ein ausgezeichnetes Mittel gegen Prostatakrebs.  

Die Nomadenärztin, Arte, Samstag, 28. September, 19.30 Uhr. Im Netz: Arte +7

Feinfühlig und gut beobachtet findet dagegen Kritiker Hans-Jürgen Linke die Arte-Doku "Forever and a Day - Scorpions". Harald Keller kritisiert „Von Mexiko an den Neckar‟ und sagt: Kulturgeschichtlich informativ, bei politischen Themen mild formuliert: Der SWR begleitet eine spektakuläre Ausstellung über die Azteken mit einer Art Dokumentarfilm.

Der Arte-Themenabend im TV namens „Menschenskinder“ wiederum widmet sich Kindern, die in radikalem Umfeld aufwachsen.

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