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Arte: Roy Orbison – Der stille Star im Rock-Zirkus

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Von: Harald Keller

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Sänger und Komponist, aber auch Gitarrist: Roy Orbison zeichnete sich in den 60er Jahren durch Rock and Roll, Country und Pop aus.
Sänger und Komponist, aber auch Gitarrist: Roy Orbison zeichnete sich in den 60er Jahren durch Rock and Roll, Country und Pop aus. © Roy Orbison Estate/Arte

Der TV-Sender Arte erinnert mit einem anekdotenreichen Filmporträt an die Musiklegende Roy Orbison.

Es klingt wie eine Traumvorstellung: Bruce Springsteen sitzt neben Elvis Costello und spielt seine Gitarrenparts brav vom Blatt. Hinten stehen Bonnie Raitt, K. D. Lang, Jennifer Warnes, Jackson Brown, J. D. Souther und bilden den Background-Chor. Tom Waits meldet sich dann auch noch zu Wort.

Tatsächlich nahmen sich die genannten Damen und Herren die Zeit, um sich zum bewunderten und höchst respektierten Kollegen Roy Orbison zu gesellen und ein Konzert für den USA-Kabelkanal Cinemax zu geben. Die Aufzeichnung mit dem Titel „Black and White Night“ gibt es am Freitag (5. August) bei Arte zu sehen. Auch in der Mediathek ist sie abrufbar.

Arte-TV: Roy Orbison – Ein Herzensprojekt

Der Sendung voraus geht ein Porträt des legendären Musikers, der 1988 überraschend und viel zu früh im Alter von 52 Jahren einem Herzinfarkt erlag. In einer Phase, in der er eine Art zweiten Frühling erlebte. Aus einer Laune heraus hatten die Freunde George Harrison und Jeff Lynne vom Electric Light Orchestra hypothetisch eine Band zusammengestellt. Die sich dann tatsächlich zusammenfand, mit der unglaublichen Besetzung Tom Petty, dem Eigenbrötler Bob Dylan und Roy Orbison.

Mit viel Freude ging das Quintett daran, unter dem Namen The Traveling Wilburys ein paar Titel aufzunehmen. Heraus kamen ein Hit-Album und zwei Top-Ten-Singles. Beim Folgeprojekt mussten die Vier dann traurigerweise ohne den verehrten Meister auskommen.

Arte-TV – Die richtige Zeit, die richtige Stelle

Gemessen an heutigen, von visuellen Medien bestimmten Maßstäben wurde Roy Kelton Orbison nicht zum Popstar geboren. Pausbäckig, in späteren Jahren ein wenig füllig, die Augen hinter dicken getönten Gläsern versteckt. Und der Mann bewegte sich nicht, wenn er auf der Bühne stand. Bemerkenswert für einen Zeitgenossen von Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, Little Richard, die auf der Bühne gern den wilden Mann spielten. 

Mit Elvis Presley und Lewis teilt Roy Orbison die Anfänge im Sun Studio in Memphis. Dort bewarb er sich mit einer Eigenkomposition, und der Inhaber Sam Phillips hatte einmal mehr den richtigen Instinkt. Ein weiterer Sun-Künstler der ersten Stunde war Johnny Cash, der sich in dem Filmporträt von Regisseur Steve Cole ausführlich an den Kollegen erinnert.

Roy Orbison: Der Punker und der Romantiker (Arte-TV)

Oft sind Dokumentarfilme, die aus Szenen mit sprechenden Köpfen zusammengestellt wurden, voller Lückenfüller und wenig erbaulich. Cole aber montiert Aussagen von Menschen, die mehr als nur Lobeshymnen beizutragen haben. Überraschend zum Beispiel, dass sich Steve Jones, ehemals Gitarrist der Punkband The Sex Pistols, zu seiner Vorliebe für Orbison-Songs bekennt.

Jeff Lynne erklärt, wie sich in Orbisons Kompositionen Blue Notes und Opernstimme zu einer unerhörten Mischung vereinen. Was ihn nebenbei zu einem Vorläufer von Queen und speziell Freddy Mercury macht. Elvis Costello vergleicht kundig die strukturellen Ähnlichkeiten in Liedern von Robert Schumann und Roy Orbison.

Roy Orbison: Unverwechselbarer Tenor (Arte-TV)

Bono steuert die Anekdote bei, wie sich Orbison überraschend nach einem U2-Konzert anmelden ließ. Die Bandmitglieder glaubten an einen Scherz, aber dann stand er in der Tür und tat kund, dass ihm der Auftritt sehr gefallen habe, woraufhin er bescheiden anfragte, ob man nicht mal gemeinsam etwas komponieren wolle. Die damals noch sehr jungen Burschen müssen wohl gedacht haben, irgendwie auf einen Drogentrip geraten zu sein.

Orbisons Biografie wird durch Archivmaterial und durch die Erzählungen von Zeitzeugen, die ihm nahestanden, sehr lebendig. Der Künstlerbetreuer Tony King erinnert sich an Orbisons Auftritte: „Er stand bloß da und sang.“ Mehr als diese unverwechselbare Tenorstimme mit dem beeindruckenden Umfang brauchte es nicht. Songs wie „Blue Angel“, „Running Scared“, „Only the Lonely“, „Cryin’“ wurden Welthits und zeitlose Klassiker. Orbisons Songs werden gecovert und finden in vielen Filmen Verwendung. David Lynch nutzte „In Dreams“ für eine ikonische Szene in „Blue Velvet“, „Oh, Pretty Woman“ gab dem gleichnamigen Film den Titel.

Arte-TV: Roy Orbison – Mit Familie auf Tour

Zu den Zeitzeugen zählen Orbisons Witwe Barbara, Olivia Harrison und Gerry Marsden von Gerry & The Pacemakers, der gemeinsam mit dem US-Kollegen und den Beatles auf Tournee gewesen war. Zur Zeit der Dreharbeiten staunte er noch immer über das genügsame Gebaren des skandalfreien Ehemanns und mehrfachen Vaters Orbison, der meist seine Familie nebst Kindermädchen mit auf Tour nahm: „Wir lagen verkatert im Bett, und er wanderte über die Hügel.“

Roy Orbison auf Arte-TV

„Von Pretty Woman zu Only the Lonely: Die Rocklegende Roy Orbison“, Freitag, 5. August, 21.55 Uhr (Arte)

„Roy Orbison: Black and White Night“, Freitag, 5. August, 22.50 Uhr (Arte)

Beide Beiträge sind auch in der Arte-Mediathek abrufbar.

Marsden ist mittlerweile verstorben, ebenso der Interviewpartner Robin Gibb und der im Hintergrund als Musiker mitwirkende Tom Petty. Arte datiert den Filmbeitrag zwar auf 2021, aber das meiste Material stammt aus Steve Coles Film „Roy Orbison: The ,Big O’ in Britain“ aus dem Jahr 2008, einer Produktion der britischen BBC. (Harald Keller)

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