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Der aus Äthiopien stammende Student und Musiker Henok Nigatu hat für seinen Erasmus-Austausch nach Frankreich zum ersten Mal sein Land verlassen.

Erasmus, Arte

Das Erasmus-Programm ist immer noch utopisch

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Die Arte-Dokumentation nimmt das Bildungs- und Begegnungs-Programm der Europäischen Union und den Europa-Gedanken in den Blick.

Wie so oft in diesen Tagen geht es um Europa. Das ist ein einerseits durchaus widersprüchlich strukturierter, andererseits ein utopisch-politischer Raum, in den zurzeit merkwürdig wenig Zustimmung und irritierend viel Ablehnung projiziert werden. Der unaufgeregte Dokumentarfilm „Erasmus – Europa für alle?“ von Andreas Apostolidis und Angeliki Aristomenopoulos unternimmt eine wohlbegründete und keineswegs übertrieben emphatische Zustimmung.

Zunächst geht es, wie der Untertitel des „Erasmus“-Programms umschreibt, um eine Initiative für „allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport“, die 1987 ins Leben gerufen wurde, von nationalen Agenturen betreut wird und die es bisher etwa neun Millionen EU-Bürgern ermöglicht hat, internationale Erfahrungen im Bildungs- und Arbeitsprozess zu machen. Der Film befragt ausgewählte Teilnehmer des Programms und erzählt ihre Geschichten nach. Dabei werden naturgemäß nicht nur Jugendliche am Anfang ihrer beruflichen Laufbahnen, sondern auch Erwachsene, die mitten im Berufsleben stehen, nach ihren Erfahrungen und Einschätzungen gefragt.

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Unter den Älteren, die mit dem Erasmus-Programm erwachsen geworden sind, spielt im Rückblick der Topos der Auseinandersetzung mit und Befreiung aus der Enge der herkömmlichen Welten ihrer regionalen und nationalen Kulturräume eine zentrale Rolle: Das Erasmus-Programm hat sie aus traditionellen Bindungen gelöst. Das ist immer eine ambivalente Erfahrung, die aber im Rückblick durchgängig und eindeutig positiv beurteilt.

Bei der Beschäftigung mit jüngeren Teilnehmer*innen und Nutznießer*innen des Programms fällt auf, dass hier quer durch die Nationen Akademiker und Angehörige einer oberen Mittelschicht weit vorn zu liegen scheinen.

Ist also Erasmus eine elitäre Einrichtung geworden? Der Film findet Gegenbeispiele, aber die Bedenken lassen sich nicht ganz von der Hand weisen: Es sieht in der Tat so aus, als würden höhere Schulabschlüsse sowie eine kulturelle und politische Wachheit positive Haltungen zu Europa als trans-nationalem Erfahrungsraum begünstigen.

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Der Film weicht den Kehrseiten der europäischen Erasmus-Beweglichkeit nicht aus, aber er versucht nie, aus solchen Problembeschreibungen Argumente für nationale Retro-Haltungen zu gewinnen. Übrigens war vor zwei Jahrhunderten auch die Nation vielerorts nichts als ein utopischer Gedanke, und im vergangenen Jahrhundert erfuhr das Konzept der Nation in Europa unfassbar blutige Deutungen in zwei Weltkriegen. Es ist nicht falsch, den in die Zukunft gerichteten Gehalt eines europäischen Begegnungs- und Bildungs-Programms wie Erasmus gegen Mängel in der täglichen Praxis zu verteidigen. Keiner der in dem Film zu Wort kommenden Erasmus-Teilnehmer sieht das anders.

Zur Sendung

Erasmus – Europa für alle?
Dokumentarfilm, Regie: Andreas Apostolidis, Angeliki Aristomenopoulos
ARTE, RTE, ERT, Frankreich, Griechenland, Irland 2019
Dienstag, 14. Mai 2019, 21.45 Uhr

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