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Albert Einstein ist einer der beiden zentralen Akteure, die in der TV-Doku von Arte im Rampenlicht stehen.

TV-Kritik

Arte-Doku: „Einstein und Hawking“ – Kosmologie und Alltagsbewusstsein

Arte-Thementag mit einer sehenswerten Dokumentation zu Albert Einstein und Stephen Hawking.

Es ist immer wieder verblüffend und schön, mit Hilfe von Animationen vorgeführt zu bekommen, was man sich eigentlich nicht richtig vorstellen kann: Dass Zeit nicht einfach vergeht und Raum nicht einfach linear und leer ist, sondern dass Raum und Zeit einen engen Zusammenhang bilden, und dass die Raumzeit ziemlich stark gekrümmt sein kann. Dass in schnell bewegten Körpern Zeit langsamer vergeht. Dass Licht nicht einfach leuchtet, sondern von Gravitation beeinflusst und abgelenkt wird oder auch im Gravitations-Spezialfall eines Schwarzen Lochs gar nicht mehr zu sehen ist, sondern hinterm Ereignishorizont verschwunden ist.

Besonders innovativ erscheint im zweiten Teil dieses Films die Animation, die die Wirkung und Ausbreitungsweise von Gravitationswellen vorführt. Dass es sie gibt, ist in der Astrophysik noch nicht allzu lange akzeptiert, deshalb war hier eine neue Animation nötig, während Kugeln, die über gewebeartige und gerasterte Oberflächen rollen und Dellen verursachen, längst zum Stammrepertoire astrophysikalischer Animation zählen.

Arte TV-Doku: Albert Einstein und Stephen Hawking haben unser Weltbild tiefgreifend revolutioniert 

Aber der Reihe nach. Es geht um einen kosmologischen Arte-Thementag sowie um Albert Einstein und Stephen Hawking, jene zwei Physiker, die im Laufe der vergangenen ungefähr 110 Jahre unser Weltbild ähnlich tiefgreifend revolutioniert haben dürften, wie einst der große Johannes Kepler.

Wie weit Kepler allerdings wirklich gekommen ist, kann man gut mit der Tatsache illustrieren, dass wir immer noch das Wort „Sonnenaufgang“ für einen bestimmten Naturvorgang benutzen, obwohl wir eigentlich seit fast vier Jahrhunderten wissen könnten, dass da andere Dinge vorgehen, während wir den „Aufgang“ unseres Fixsterns zu sehen meinen.

Es ist einfach schwierig (und hat darum seit Keplers Ableben im Jahre 1630 immer noch nicht geklappt), ein prägnantes Wort zu finden, in dem Physik und Alltagsbewusstsein eine satisfaktionsfähige Schnittmenge bilden. Im Falle Einstein und Hawking liegen die Dinge noch viel komplizierter.

Arte TV-Doku: biografischer Erzählung und physikalischer Ideengeschichte

Vielleicht sollte man wenigstens sagen, dass an dem Tag, als Albert Einstein im Jahre 1879 geboren wurde, und dem Tag, als Stephen Hawking im Jahre 2018 verstarb, ihr Heimatplanet sich in Relation zu seinem Fixstern an ungefähr der gleichen Stelle befand. Mit anderen Worten: Einsteins Geburts- und Hawkings Todestag fielen gleichermaßen auf einen 14.März. Was für ein kosmischer Zufall!

Die zweiteilige Dokumentation findet einen schmalen Grat zwischen biografischer Erzählung und physikalischer Ideengeschichte. Wobei Einsteins Lebensgeschichte von den historisch markanteren Ereignissen garniert ist: Nationalsozialismus, Weltkrieg, Erfindung und Einsatz der Atombombe. Dass die Erfindung der Atombombe ohne Einsteins Welterklärungs-Gleichung, nach der Energie das Produkt aus der Masse und dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit sei, nicht möglich war, ist eine der deprimierendsten Aussagen, die man sich zum Thema des wissenschaftlichen Fortschritts vorstellen kann.

Arte TV-Doku: Film über Albert Einstein und Stephen Hawking – Überaus sehenswert

Im Falle Hawkings und der Quantenphysik ist zurzeit noch nicht absehbar, was für ein Vernichtungs-Potential dahinter verborgen sein könnte. Ach, wartet, wartet nur ein Weilchen ...

Militärische Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, das kann man auch aus dieser wunderbaren und überaus sehenswerten Dokumentation lernen, geht in der Regel viel schneller als der Übergang komplexer physikalischer Theorien und Weltbilder in die Alltagssprache. Die Sonne wird so bald nicht aufhören, jeden Morgen aufzugehen, auch nicht 75 Jahre nachdem eine Bombe namens „Little Boy“ von einem B-29-Bomber der USAAF über Hiroshima ausgeklinkt und gezündet wurde und einen weltweit sichtbaren, makabren Beweis für eine physikalische Theorie lieferte.

Sendung „Einstein und Hawking" auf Arte

„Einstein und Hawking“, Arte, Samstag, 14.März, 20.15 Uhr.

Von Hans-Jürgen Linke

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