„Colonia Dignidad - Aus dem Innern einer deutschen Sekte“

Die Kolonie der Hölle - eine bestürzend echte Dokumentation 

Die Dokumentation „Colonia Dignidad“ gibt eindrucksvolle und präzise Eindrücke in eine deutsche Gruselgeschichte. 

  • Dokumentation „Colonia Dignidad“ auf Arte
  • Ausstrahlung aller vier Teile der Dokumentation
  • präzise und eindrucksvolle Darstellung der deutschen „Colonia Dignidad“ in Chile

Die Geschichte der deutschen „Colonia Dignidad“ in Chile, 380 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago gelegen, ist eine bizarre Gruselgeschichte, und man wird das Gefühl nicht los, dass es ein sehr deutscher Horror ist, von dem da berichtet wird. 

„Colonia Dignidad“ - eine deutsche Horrorgeschichte

Der Anfang klingt einfach: Menschen finden zusammen zur gemeinsamen Suche nach einem besseren Leben. Warum aber die Initiative dafür von einem als irgendwie charismatisch und geradezu „gottähnlich“ geschilderten Redner und Möchtegern-Prediger ausgehen muss, ist eine der ersten Fragen nach den Merkwürdigkeiten dieser Geschichte. 

Es geschah Anfang der sechziger Jahre, und in Deutschland waren gerade mal anderthalb Jahrzehnte vergangen seit dem Ende einer Schreckensherrschaft, bei der ebenfalls als charismatisch und geradezu gottähnlich geschilderte Redner eine Schlüsselrolle gespielt hatten und die nach vergleichsweise kurzer Zeit in unfassbar eskalierende Gewalt eingemündet war.

Die Dokumentation „Colonia Dignidad“ erzählt eine echte und bestürzend wahre Gruselgeschichte 

Paul Schäfer war Rheinländer. Seine Reden werden also phonetisch ähnlich geklungen haben wie die des Propagandisten Goebbels. Schäfer sammelte eine Gemeinde um sich, die ihn verehrte und die alles für ihn tat und opferte. Auch das Privat- und Familienleben und sogar die eigenen Kinder.

Eine Aufnahme aus dem ersten Teil der Dokumentation „Colonia Dignidad“ zeigt Sektenführer Paul Schäfer mit Kindern

Als in Europa der Kalte Krieg immer bedrohlicher wurde und als gegen Schäfer mehrere Anzeigen wegen „Unzucht mit Abhängigen“, also Kindesmissbrauch, vorlagen, machte er sich auf die Suche nach einem neuen Standort für seine inzwischen zur Sekte verfestigten Gemeinschaft und fand in Chile politische Protektion. Er erhielt 300 Blanko-Einreisegenehmigungen und ein riesiges Gelände in der Wildnis, wo er mit den Freiwilligen, die ihm folgten, ein Paradies errichten wollte.

Eindrucksvolle Darstellung der „Colonia Dignidad“

Es bekam den verheißungsvollen Namen „Colonia Dignidad“, Kolonie der Würde. Für die meisten seiner Bewohner wurde die Kolonie zur Hölle, und die vierteilige Dokumentation zeigt recht präzise und eindrucksvoll, wie sie gebaut war und woraus sie bestand.

Die Schreckensherrschaft des Päderasten Paul Schäfer war allerdings keineswegs vorbildlos. Methoden der Ausübung von Herrschaft durch die Etablierung willkürlicher Normen, durch Bespitzelung, gezielte und ziellose Bestrafung und Züchtigung bis hin zur Folter haben in Westeuropa Kirche und feudale Staaten im Laufe der Jahrhunderte im Überfluss entwickelt, und ein paar Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus und lange vor dem Ende des spanischen Franquismus war all das allenthalben in Europa noch recht lebendig. 

Allerdings war die Colonia Dignidad kein staatliches, sondern ein rein privates soziales Gebilde, und das Ausmaß des Bösen in dieser eigenartigen Gemeinschaft, die zugleich Sekte wie kriminelle Vereinigung und Sklavenhaltergesellschaft war, schon erstaunlich.

Eine Gruselgeschichte, die nicht zu Ende erzählt ist

Regisseurin Annette Baumeister und die Produzenten Gunnar Dedio und Christiane Hinz haben Zeugenaussagen und Original-Dokumente zu einer Geschichte zusammengetragen, die ihresgleichen sucht. Die innige Verflechtung mit der Politik spielt hier eine besondere Rolle, weil die Colonia Dignidad in besonders gesetzloser und gewaltförmiger Weise am Sturz der Allende-Regierung mitgewirkt hat. Sie hat den rechten Milizen Waffen beschafft, Zusammenkünfte ermöglicht und Räumlichkeiten für Folter zur Verfügung gestellt. 

Was man bisher eher in allgemeinen Zügen ahnte, wird hier präzise belegte Zeitgeschichte, und sie ist keineswegs zu Ende. Denn seit den siebziger Jahren ist die Verflechtung des chilenischen Staates mit der deutschen Verbrechersekte und ihren Nachkommen, die heute unter dem Namen Villa Baviera am gleichen Ort leben, immer noch virulent. Eine echte und bestürzend wahre Gruselgeschichte.

Zur Dokumentation Colonia Dignidad–Aus dem Innern einer deutschen Sekte 

Sendetermin 10. März 2020, Arte, 20.15 Uhr. Im Netz: arte +7

Von Hans-Jürgen Linke

Rubriklistenbild: © LOOKSfilm/WDR/SWR/Arte/dpa

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