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Polnische Exilanten auf dem Weg nach Berlin. Nur wenige überlebten die lange Reise zu Fuß.

ARTE

Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt: Und dann beginnt der Kalte Krieg

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Volker Heises zweiteilige Dokumentation über das Jahr 1945 in Berlin.

Eine Altersbeschränkung gibt es nicht, aber im Vorspann wird gewarnt, dass der Film auf empfindsamere Naturen möglicherweise irritierend wirken könnte. Das ist absolut berechtigt. Manchmal ist nichts irritierender als die Wahrheit, und der Filmemacher Volker Heise legt großen Wer darauf, den vielen Ebenen, die zusammen erst etwas wie Wahrheit ausmachen und beanspruchen können, gerecht zu werden. Und was könnte der Wahrheit näher kommen als dokumentierbare und dokumentierte Tatsachen?

Tagebuch einer Großstadt: Ein Mosaik der letzten Wochen Nazi-Herrschaft

Seine zweiteilige Dokumentation über Berlin im Jahre 1945 ist eine Montage aus Tagebuch-Einträgen verschiedenster Provenienzen, Archivmaterial, Fotos und Filmabschnitten. Die gesprochenen Off-Texte sind eher narrativ als wertend, und die Filmerzählung, die aus all dem entsteht, ist der pure Horror. Nicht nur, weil die Ereignisse – Bombenangriffe, Rekrutierung des so genannten Volkssturms, fanatische Hitlerjugendliche, kurze Texte von überlebenden Juden, von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern, von strammen oder ängstlichen Deutschen, standgerichtliche Vollstreckungen von Todesurteilen gegen Deserteure und so fort – ein grausiges Mosaik der letzten Wochen der Nazi-Herrschaft bilden, sondern weil fast alle versuchen, in dem Grauen noch einen zivilen Alltag aufrecht zu erhalten. Darin stehen dann Kuchen und Bohnenkaffee, Schwimmen im Strandbad, Abendessen mit Freunden oder ein Kinobesuch mit Unterbrechung durch eine Stunde im Luftschutzkeller unverbunden neben dem Grauen des unaufhaltsam näher rückenden Krieges. Zwischendurch hört und sieht man Roland Freisler auf Angeklagte loskreischen und Stakkato-Todesurteile bellen. Man sieht Menschen flüchten, marschieren, Schnee schaufeln, Trümmer wegräumen, Angst haben und triumphieren, dem Führer lauschen und fest an den Endsieg glauben.

Eine ungemein anrührende Film-Erfahrung

Es ist auf eine beklemmende Weise grotesk: während die Hauptstadt sich von Tag zu Tag zunehmend in ein Trümmerfeld mit Massengräbern entwickelt, scheint die Hoffnung auf die Wunderwaffen und die Zuversicht, dass der Führer den Feind nur täuschen und ins Reich locken wolle, um ihn dann hier entscheidend zu schlagen, nicht zu versiegen. Schnell wird noch der zwölfte Jahrestag der Machtergreifung gefeiert.

Inzwischen kommt von Westen in der Luft und von Osten am Boden der Krieg näher und näher. Ein paar Jungs in kurzen Hosen mit Maschinengewehren und ein paar Panzerfäusten schauen siegessicher drein, ein Schwellenreißer zerstört eine Bahnstrecke, damit der Feind sie nicht nutzen kann. Der Führer feiert ohne großen Aufwand seinen letzten Geburtstag und kneift ein paar Hitlerjungen in die Wangen. Wenig später ist alles vorbei.

Nein, längst nicht alles. Es beginnt das Nachkriegs-Leid der Verlierer: Kälte, Hunger, der Verlust jeglichen Einflusses auf das tägliche Leben, Demontage, Vergewaltigungen, die neue Aufteilung des Landes. Die Konzentrationslager und Vernichtungslager werden befreit. Das Grauen nimmt einfach kein Ende. Orchester spielen unter freiem Himmel, und dann beginnt der Kalte Krieg. Volker Heises Montage erzählt die Geschichte eines der fürchterlichsten Jahre in Europa ohne konventionelle Dramaturgie, ohne emotionale Stellungnahmen, multiperspektivisch in wirkungsintensiver Montagetechnik – und ermöglicht dadurch eine ungemein anrührende Film-Erfahrung, deren zwei Teile auf eine Weise abendfüllend sind, dass man ein Stündchen für Gespräche und Erholung danach einplanen sollte.

Zur Sendung

ARTE, 5. Mai, 20:15 und 21:45 Uhr: Berlin 1945. Tagebuch einer Großstadt

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