Oldtimer Saporoschez Auto
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Die Moskauerin Kristina Traktirova restauriert Oldtimer.

Rennpappen, Rallyeflitzer und rare Oldtimer

TV-Kritik: „Autos im Sozialismus“ auf Arte – Begehrte Mangelware, teures Hobby

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Die launige Dokumentation „Autos im Sozialismus: Freiheit auf vier Rädern“ auf Arte wirft einen Blick zurück auf die Blechschmieden des Ostblocks.

  • Die Dokumentation auf Arte zeigt bekannte Automarken aus dem Ostblock
  • Autos im Sozialismus“ begleitet Menschen mit einer Leidenschaft für Oldtimer
  • Nur am Sender Arte selbst gibt es Kritik

Porsche kann jeder. Wer wirklich Aufmerksamkeit erregen möchte, fährt Saporoshez. Sapo… was? So lautet der Name einer weniger bekannten sowjetischen Automarke. Zwischen 1960 und 1994 wurden knapp dreieinhalb Millionen Fahrzeuge hergestellt und tauchen natürlich auch in der Populärkultur wie sowjetischen Spielfilmen auf. Die Moskauerin Kristina Traktirova und ihre Freunde haben sich auf die Restaurierung dieser Modelle spezialisiert. Sie unternehmen lange Touren quer durchs Land mit ihren Oldtimern – pannenfrei, wie sie betont –, und Traktirova lässt sich auch gern im Stil alter Werbeprospekte vor ihren wiederhergestellten Schätzchen fotografieren.

„Autos im Sozialismus“ auf Arte: Felgen zum Preis eines Kleinwagens

Der Bulgare Petar Klissarov treibt seine Oldtimer-Leidenschaft bis ins Extrem. Er hat gleich mehrere Gebrauchte erworben, um ein einziges Modell originalgetreu restaurieren zu können. Heute ist das Auto ein Traum in metallic-blau mit edlem weißen Interieur und einer modernen Musikanlage. An Oldtimer-Wettbewerben nimmt Klissarov nicht teil, die Anfahrt ist ihm zu gefährlich. Gewissenhaft packt er das kostbare Unikat in eine Ober- und eine Unterplane, wenn er im Freien parkt. Allein die in Kanada neu verchromten Felgen kosten 12.000 Dollar.

Die bulgarischen Filmemacher Boris Missirkov und Georgi Bogdanov, beide sind mehrfach preisgekrönt und arbeiteten auch schon für namhafte US-Sender wie HBO, haben eine Fülle an Informationen und Anekdoten zur Automobilgeschichte des früheren Ostblocks zusammengetragen. Der lebt anfangs in Stichworten noch einmal auf: Warschauer Pakt, Kalter Krieg, Konkurrenz gegenüber dem Westen, Propaganda. Im Archiv fanden sich Filmaufnahmen von Umzügen mit blumengeschmückten Wagen, auf denen stolz Erfolgsstatistiken, landwirtschaftliche Produkte und Haushaltsgeräte präsentiert und durch die Straßen gefahren wurden. Und Bikini-Models gab es auch.

Dokumentation auf Arte: Im Skoda über Stock und Stein

Autos waren, wie so vieles, Mangelware. Die Wartezeit bis zur Auslieferung dauerte bis zu zehn Jahren. Ein Missstand, den der damalige US-Präsident Ronald Reagan genüsslich in einer Rede aufgreift. Es ging auch anders. Im infolge des Zweiten Weltkriegs wirtschaftlich geschwächten Norwegen kam man ohne weiteres an einen Skoda, weil das Land Lieferverträge mit den Ostblockstaaten unterhielt. John Haugland arbeitete beim norwegischen Skoda-Importeur und fuhr den passend modifizierten Skoda 1000 MB, einen feurigen und robusten Flitzer, bei Geländerennen.

Der Rallyefahrer John Haugland mit seinem weiß-rot-blauen Skoda in Aktion.

Staunend sieht man alte Aufnahmen, in denen das kleine heckgetriebene Auto in hohem Tempo über Stock und Stein oder auch durch eine Schneewüste gejagt wird. Seine Nebentätigkeit als Rallyepilot bescherte Haugland eine historische Erfahrung. Er war bei Skoda in der Tschechoslowakei, als dort die sowjetischen Panzer anrollten und der liberalen Ära des sogenannten Prager Frühlings ein Ende bereiteten. Das Beispiel zeigt, wie dieser sorgfältig recherchierte Rückblick trotz einer insgesamt launigen Tonart immer auch die zeittypischen politischen Entwicklungen erfasst.

„Autos im Sozialismus“ auf Arte: Mit dem Wartburg zur Prager Botschaft

Ähnlich die Geschichte des Ehepaars Mahlke, das 1989 mit dem Wartburg in die Tschechoslowakei fuhr, um über die dortige bundesdeutsche Botschaft in den Westen zu gelangen. Das liebgewonnene Auto musste zurückbleiben. Viele ausreisewillige DDR-Bürger verschenkten ihre Autos an zufällig vorbeikommende Tschechen. Die aber blieben nicht lange im Besitz der Fahrzeuge. Der DDR-Staatssicherheitsdienst sammelte die herrenlosen Autos wieder ein. Auf Antrag wurden sie den ursprünglichen Besitzern oder deren Vertretern zurückerstattet.

Nur eine von vielen skurrilen, mal privat und emotional gefärbten, mal verbindlich historischen, dabei nie blindlings nostalgischen Episoden, die diese in internationaler Koproduktion unter Beteiligung des MDR und Artes entstandene Dokumentation kurzweilig und interessant machen. Als gelernte Kameraleute wissen die beiden Autoren zudem, ihr Material gekonnt in Szene zu setzen. Da gibt es zwischendurch immer wieder kleine visuelle Gags. Einen dank nachträglich eingebauter Luftfederung zu einer musikalisch untermalten Fitness-Lektion tanzenden Moskwitsch oder eine kleine Knatterbüchse aus sozialistischer Fertigung, die vermittels Reifenabrieb das Wörtchen „Ende“ in den Asphalt schreibt.

Anzukreiden gibt es nur, und nicht zum ersten Mal, dass es der „Kultursender“ Arte nicht für nötig hält, in seiner Programmzeitschrift Stabangaben zu Filmen wie diesen zu liefern. Nicht einmal die beiden Hauptautoren werden genannt. Eine Respektlosigkeit gegenüber den Beteiligten und gegenüber dem Publikum. Ernsthafte Filmkultur sieht anders aus. (Harald Keller)

„Autos im Sozialismus: Freiheit auf vier Rädern“, Freitag, 7. August, 23.20 Uhr, Arte

Zu lang, optisch unspektakulär und schwach in den Nebenrollen: Warum das Dokudrama „Johannes Kepler, der Himmelsstürmer“ auf Arte mit Christoph Bach nicht der gelungenste Film, aber dennoch sehenswert ist.

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